Von Obama lernen (2)

Der erste Post in dieser Reihe thematisierte die Reden Obamas; hier geht es um die Einbettung in seine Biografie.

Barack Obama ist schwarzer Amerikaner mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf: sein kenianischer Vater lebte weit entfernt, er wuchs auf bei seiner weißen Mutter und ihren Eltern in Hawaii, für einige Zeit auch in Indonesien, in einer wenig rassistisch geprägten Umgebung. So ist ihm in seiner Kindheit lange nicht wirklich klar gewesen, dass er schwarz ist.

Von der Hautfarbe eingeholt
Trotzdem hat ihn in seiner Jugend seine Hautfarbe eingeholt. Ich habe bisher noch nirgendwo so eindrucksvoll wie in Obamas Buch beschrieben gefunden, was es bedeutet, ein schwarzer Amerikaner zu sein: seiner Hautfarbe nicht entkommen zu können, von ihr her definiert zu werden, auf Ablehnung oder herablassende Freundlichkeit zu stoßen. Eine weiße Freundin zu lieben und zu wissen: in ihrer Familie werde ich immer ein Fremder bleiben. Immer wieder zu spüren: ich bin anders, ausgeschlossen, für mich ist vieles nicht einfach normal, was für Weiße selbstverständlich ist.
Obama beschreibt Wege, mit denen er und andere auf diese Situation als schwarze Amerikaner reagiert haben: z.B. unter sich bleiben, das Problem ignorieren, Selbsthass, eine bewusst schwarze Identität ausbilden, Islam, Drogen, sich irgendwie durchschlagen.

Wendepunkt Chicago
Anscheinend war es für Obama der entscheidende Schritt, dass er 1985 mit Stadtteilarbeit in der Southside von Chicago begann – einem Stadtviertel, das durch die Schließung der Stahlwerke in Arbeitslosigkeit und Depression abzurutschen begann. Hier bekam er praktischen Kontakt mit den Traditionen der Bürgerrechtsbewegung (die er schon von seiner Mutter her kannte), und hier stieß er auf die Kraft der kleinen Leute, die sich ohne großes Pathos trotz ihrer desolaten Lage die Hoffnung bewahren und daraus Kraft schöpfen, auch wenn sie nicht unempfänglich sind für selbstschädigende Einflüsse. Beides hat ihm wohl geholfen, für sich einen Weg jenseits des schwarz/weiß-Gegensatzes zu finden. Hier lernte er auch in der Trinity-Gemeinde von Rev. Wright ein Christentum kennen, das gerade in seiner Spiritualität relevant war für die schwarzen Gemeindemitglieder.

Auf der Suche nach den Wurzeln
In dieser Situation fasste er zwei Entschlüsse: Jura zu studieren, um die Machtverhältnisse von innen heraus zu verstehen, und vorher die Familie seines inzwischen verstorbenen Vaters in Kenia zu besuchen. Dem Besuch in Kenia ist der dritte Teil des Buches (nach Kindheit/Jugend und Chicago) gewidmet. Obama beschreibt ihn mit allen Licht- und Schattenseiten: Armut und Korruption, die Verantwortungslosigkeit der Männer, den Streit in der Familie. Die Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit der Menschen, das Zugehörigkeitsgefühl, das er dort sofort erlebt, obwohl er vorher mit der Familie noch nie zu tun hatte. Die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, die aber immer wieder verraten werden. Er beschreibt, ohne zu verurteilen oder zu glorifizieren. Am Ende sitzt er am Grab seines Vaters, der im Zerbrechen der alten Gesellschaft und der Begegnung mit der weißen Moderne versucht hat, seinen Weg zu finden und immer wieder an seine Grenzen gestoßen ist – wie schon der Großvater.
An dieser Stelle ist das Buch fast zu Ende. Es folgt ein Blitzlicht auf Obamas Jurastudium (und seinen Versuch, Gesetze wieder als Ausfluss der Ideale von 1776 zu lesen) und am Ende eine kurze Schilderung seiner Hochzeit mit Michelle, die aus der Southside von Chicago kommt. Die Trauung hält Rev. Wright. In den Gästen sind alle Traditionslinien, denen Obama sich verdankt, repräsentiert, von Afrika über Hawaii bis Chicago. Es ist eine optimistische Szene, voller Hoffnung, und Obama schließt mit den Worten, dass er in diesem Moment der glücklichste Mensch der Welt war.

Integration auf der Basis amerikanischer Ideale
Obama hat seinen Weg gefunden: die Realität, einschließlich der schmerzhaften Vergangenheit, muss wahrgenommen werden, mit ihrem ganzen Licht und ihren Schatten. Aber sie muss zusammengebracht werden mit den besten Traditionen Amerikas. Wo das Christentum so fundamentalistisch verseucht ist wie in den USA, redet ein säkular geprägter Mensch wie Obama lieber vom “amerikanischen Traum” als vom Evangelium. Aber in der Argumentationsstruktur des Buches wie in seinen späteren Reden steht der “amerikanische Traum” genau an der Stelle, wo – theologisch gedacht – der Ort des Evangeliums wäre.
Was Obama 1995 aufgeschrieben hat, passt zu dem, was er seit 2004 in seinen politischen Reden als Programm entfaltet. Es ist die Aufnahme eines enorm breiten Realitätsspektrums, das ihn glaubwürdig erscheinen lässt. Die Integration all dieser Wirklichkeiten im Zeichen des amerikanischen Traumes ist das Thema fast aller seiner Reden – so durchgehend, dass es im Internet schon eine Anleitung “Verfass deine eigene Obama-Rede” gibt.

Werte realpolitisch
Man kann an Obama sehen, dass es im Hintergrund der Politik auch ganz machtrealistisch um die kreative Bildung von Werten geht. Sie können neue Mehrheiten produzieren. Was als persönlicher Kampf eines Schwarzen aus Hawaii um seine Identität begann (und schon viel früher als Aufbruch seines unangepassten Großvaters), hat 30 Jahre später weltweite Folgen.
Wie sich das im Alltagsgeschäft der Politik bewähren wird, ist die Frage der Zukunft. Kaum einer kommt da ohne Schrammen durch. Wer Versöhnung auf seine Fahnen geschrieben hat, kann Probleme bekommen, wenn sich reale Gegensätze zuspitzen und nicht mit Formeln zu überbrücken sind. Aber man kann klar erkennen, dass Obamas Grundansatz fest in seiner Biografie verankert ist. Es ist kein rhetorischer Trick zum Zweck der Präsidentenwahl (und deswegen ist er auch nicht mal schnell für die deutsche Bundestagswahl kopierbar). Gut, wenn ein amerikanischer Präsident so breit mit der Realität umgehen kann – auf eine fast kontemplative Weise. Das hatten wir schon lange nicht mehr. Hoffen und beten wir, dass sein Secret Service besser auf ihn aufpasst als auf Kennedy.

Im nächsten, voraussichtlich letzten Post dieser Reihe will ich mir Gedanken über den Zusammenstoß der weißen Moderne mit den älteren indigenen Kulturen machen – das Problem, das Obamas kenianische Familie seit mindestens drei Generationen bewegt und verstört hat.

Von Obama lernen (1)

Ich habe in den letzten Wochen zwei Bücher über bzw. von Barack Obama gelesen: ein Buch über seine Rhetorik (”Sags wie Obama” von Shel Leanne) und seinen eigenen Bericht über seine Identitätsfindung (”Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie”).

Das erste Buch ist eigentlich nur wegen der ausführlich wiedergegebenen Reden lesenswert. Beim Lesen der Reden bestätigt sich im Detail der Eindruck, den die Fernsehübertragungen hinterlassen haben: hier spricht einer, der es wirklich kann. Seine Reden sind politische Predigten, und alle, die Predigten für etwas Langweiliges halten, müssen sich eines Besseren belehren lassen. Thema ist fast immer die Wiedergewinnung von Einheit und Solidarität durch die Erneuerung der freiheitlichen amerikanischen Traditionen (Unabhängigkeitskrieg, Besiedelung des Landes, Lincoln, Große Depression und New Deal, Kampf gegen den Faschismus, Kennedy, M.L. King und die Bürgerrechtsbewegung). Beim Lesen wird deutlich, dass man die Geschichte der USA tatsächlich als erfolgreiche Freiheitsgeschichte erzählen kann. Und Obama kann sie so erzählen, dass man elektrisiert ist. Die Schattenseiten dieser Geschichte tauchen eher am Rande auf. Zwischen den Zeilen merkt man, dass Obama sie kennt, sie aber mit Nichtbeachtung straft oder im Interesse der Einheitsthematik höchstens andeutet. Es ist schon eine erstaunliche Leistung, wie Obama offensiv einen freiheitlich-sozialen Patriotismus definiert und ihn gegen das Bush-Amerika wendet.

Im Vergleich dazu merkt man erst richtig, wie arm Deutschland an geschichtlich realisierten freiheitlichen Traditionen ist. Amerika ist von denen gegründet worden, die hier in Europa keinen Platz mehr hatten und ein gesundes Misstrauen gegen eine übermächtige Staatsmacht entwickelten. Das schuf Raum für Mythen und Visionen, die Obama mit “Yes, we can” genial zusammengefasst hat. In Deutschland dagegen hat die Staatsmacht noch jede nicht von ihr kontrollierte Bewegung der Menschen entweder zerschlagen, totignoriert, diffamiert, entschärft oder sich selbst unter den Nagel gerissen. Uns hat man das Können ausgetrieben oder madig gemacht. Das gilt für Politik wie Kirche. Die deutsche demokratische Bewegung von 1848 ist – anders als die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung von 1776 – gescheitert. Wir hatten keinen Kennedy und keinen Martin Luther King.
Dennoch kann es sinnvoll sein, nach gelungenen Passagen in der deutschen Geschichte zu suchen, die eine Grundlage für eine gemeinsame Identität abgeben können. Auch wenn sie weniger glanzvoll sind. Vielleicht wäre die Erarbeitung des Grundgesetzes solch eine viel zu selten genutzte Erinnerung. Oder der Aufbruch von 1968 als nachgeholte eigene Verabschiedung von Faschismus und Obrigkeitsstaat. Oder die friedliche Revolution in der DDR.
An diesen Beispielen wird aber auch der Unterschied schmerzlich bewusst: die Kämpfe um die amerikanische Unabhängigkeit sind ein Mythos, den die ganze Nation teilt, mit Heroen und Schurken, Kämpfen und Opfern, mit Glauben, der auch angesichts von Niederlagen durchhält. Dagegen fällt natürlich die Nationalversammlung von 1848 oder auch ein Verfassungskonvent ziemlich ab. 1968 hat nur ein Teil der Bevölkerung als Befreiung erlebt. Und die friedliche Revolution von 1989 hat fast niemanden, der sich im Nachhinein noch damit identifizieren möchte. Warum?

Ähnlich ist es mit der Kirchengeschichte. Vielleicht taugt gerade noch Bonhoeffer zur fraktionsübergreifend anerkannten Heiligengestalt. Verdient hat er es allemal. Aber als Erfolgsgeschichte kann man sein Leben kaum erzählen, noch nicht mal in dem Sinn, dass seine Entdeckungen nach seinem Tod umgesetzt worden wären (hoffentlich kommt das noch).
Lange Zeit war Martin Luther in der evangelischen Hälfte Deutschlands ein allgemein anerkannter Heros. Nicht so sehr seine Schattenseiten (die ja beim zweiten Blick fast alle Heldengestalten haben) haben ihn inzwischen beschädigt, sondern viel mehr das polternde Pathos seiner Anhänger, die sich bei ihm eine Stärke holen wollten, über die sie selbst nicht verfügen. Nicht selten sorgt die Rezeptionsgeschichte erst dafür, dass historische Gestalten und Ereignisse als Orientierungspunkte verbrannt werden.
Somit wird die Suche nach positiven kirchlichen Traditionen oft erst an fernen Orten fündig: die irischen Mönche, die frühen mitteleuropäischen Missionare, Teile des Mönchtums überhaupt, Franz von Assisi, die englischen Kämpfer gegen den Sklavenhandel.

Unter dem Strich bleibt uns die Aufgabe einer kritischen, dialektischen Aufnahme unserer Traditionen. Ohne ihre Schattenseiten zu verleugnen, sollten sie doch als Quelle der Inspiration gelesen werden. Der Pietismus, die Herrnhuter, die Aufklärung (ja, auch die!), die christlichen Jugendbewegungen, die Bekennende Kirche, da gibt es wohl noch einiges zu entdecken. Nicht zuletzt vielleicht auch in der Geschichte der je eigenen Gemeinde. Wie gesagt, kritische Aufnahme, denn es gibt eben auch viel Enttäuschendes. Und trotzdem: wer es schafft, die Menschen an ihre besten Seiten (bzw. Traditionen) zu erinnern, kann Erstaunliches freisetzen. Das ist Obama auf eine massentaugliche und dennoch verantwortliche Weise gelungen. Der Erfolg hat ihn bestätigt.

Ist Obama aber glaubwürdig? Wird er über kurz oder lang sein Charisma einbüßen, so dass sich die Berufsskeptiker im deutschen (nicht nur journalistischen) Geschäft auf die Schulter klopfen können, weil sie das schon immer kommen sahen? Antworten dazu habe ich in Obamas Buch über seine Familiengeschichte gesucht, das ja schon lange Zeit vor seiner politischen Karriere (nämlich 1995) geschrieben wurde. Mehr darüber im nächsten Teil.

Kontemplative Übungen nach Franz Jalics – praktische Erfahrungen (9)

Zwölfter Teil einer Reihe zu den Exerzitien nach Franz Jalics

Der nächste Schritt bei den Übungen besteht darin, dem Atem ein Wort mitzugeben, während man in die Hände horcht. Das war für mich nicht einfach, weil ich zuerst nicht damit zurecht kam, wie ich meine Aufmerksamkeit auf den Atem, das Wort (zu Anfang einfach ein “Ja”) und die Hände aufteilen sollte. Erst nach einiger Zeit ging es besser. Andere in unserer Gruppe hatten es leichter.

2. Juni
Im Mai habe ich gemerkt, dass ich meinen Tagesrhythmus neu gestalten muss. Mir ist deutlich geworden, dass ich morgens nicht nur Zeit fürs Üben brauche, sondern auch Zeit zum Schreiben. Die lange Pause auf diesem Blog musste sein, damit ich Zeit für die Übungen hatte, aber jetzt muss ich beides in meinem  Tagesablauf unterbringen. Auch regelmäßig zu schreiben ist wichtig für mich, weil es die Gedanken klärt und mich zwingt, die Dinge auf den Punkt zu bringen.
Nach einigem Überlegenin den letzten Tagen beginne ich ab heute um 6.00 Uhr mit den Übungen (was bedeutet, dass ich gegen 5.30 Uhr aufstehen muss – und das gelingt nur, wenn ich am Vorabend rechtzeitig schlafe). Um 6.45 Uhr ist dann die Zeit zum Schreiben für etwa eine Stunde.

7. Juni
Bisher habe ich meinen neuen Rhythmus durchgehalten. Langsam beginnt er sich zu verfestigen, er kostet keine so große Überwindung mehr. Und ich merke, dass das für mein Verhältnis zu mir selbst wichtig ist: wenn ich es schaffe, das auch gegen Widerstand durchzuhalten, kann ich mir selbst mehr trauen. Ich werde in meinen eigenen Augen vertrauenswürdiger. Mir war noch nicht klar, wie wichtig das ist.
Möglicherweise ist das auch wichtig im Verhältnis zu Gott: vielleicht muss auch er sich von unserer Vertrauenswürdigkeit überzeugen, bevor er uns die Gaben seines Geistes in größerem Maß anvertraut.

8. Juni
Allmählich habe ich eine Ahnung, wie das mit dem “Ja” gehen könnte: auf die Hände achten und schauen, wie das Ja dort ankommt. Es breitet sich aus wie leichte Vibrationen und läuft durch die Arme in die Hände. Laut Jalics soll es helfen, die Energieströme im Körper wahrzunehmen. Es geht also um ein noch sensibleres Lauschen auf das, was da ist.
Übrigens spüre ich jetzt öfter mal Schmerzen im Körper: in den Armen, im Bauch, am Herzen. Sie gehen wieder, wenn ich mich auf die Hände konzentriere.

10. Juni
Seit zwei Wochen habe ich jetzt (mit 1 Unterbrechung) die Übungen tatsächlich kontinuierlich gemacht. Ein gutes Gefühl.

11. Juni
Heute verschlafe ich und wache zu spät auf. Im Schnellgang schaffe ich das Üben und Schreiben dann aber doch noch so gerade.

12. Juni
Ich bin gleich von mehreren Dingen sehr bewegt: ein Buch über Obama, kommende Diskussion im Kirchenkreis über die Zukunft der Volkskirche, das Gemeindefest in zwei Tagen. Schwer, sich dann auch noch auf die Hände zu konzentrieren. Aber ich denke, dass das mich gerade davor bewahrt, den ganzen Betrieb zu wichtig zu nehmen.

14. Juni
Heute ist Gemeindefest. Ich schaffe es gerade mal, 20 Minuten zu üben. Alle Unregelmäßigkeiten sind immer auch eine Gefahr für meinen noch jungen Rhythmus.

17. Juni
Wir schauen in unserer Gemeinschaft auf die letzten Monate zurück und erzählen uns, was wir in den einzelnen Untergruppen gemacht haben. Nachdem  die anderen von der Jalics-Gruppe oft hören mussten: “wir können eigentlich gar nicht richtig erzählen, was wir machen”, haben wir uns diesmal Mühe gegeben, das Ganze einigermaßen nachvollziehbar zu schildern. Ich hoffe, wir haben das richtige Maß gefunden.
Auch für unsere Gruppe ist das ein Einschnitt: diejenigen von uns, die weitermachen, werden sich in Zukunft nur noch in größeren Abständen austauschen. Möglicherweise gibt es im Herbst aber wieder eine Einführungsgruppe zu den kontemplativen Übungen.

19. Juni
Heute fahren wir in den Urlaub. Auch das ist eine Herausforderung, unter veränderten Umständen an den Übungen festzuhalten.

25. Juni
Schöner Urlaub, aber gestern habe ich mit den Übungen ausgesetzt. Das ist wie ein Fadenriss, und ich merke, dass ich erst wieder zurückfinden muss. Das Schreiben wird auch seltener, schon allein wegen der erbärmlich langsamen Internetverbindung hier. Aber das ist nicht so schlimm, schließlich habe ich Urlaub.

Damit bin ich in der Gegenwart angekommen. Ich beende erst einmal diese Serie von Erfahrungsberichten. Gelegentlich wird vielleicht etwas folgen, aber dafür müssen erst wieder genug neue Erfahrungen da sein.

Aus den täglich neuen aufregenden Entdeckungen der ersten Tage ist in diesem letzten halben Jahr ein kontinuierlicher Bestandteil meines Lebens geworden, den ich nicht mehr missen möchte. Er hat auch meinen Umgang mit Menschen, mit meiner Arbeit, mein Verhältnis zu Gott noch einmal gründlich verändert. Und immer noch habe ich das Gefühl, dass ich ganz am Anfang eines Weges stehe, von dem ich kaum ahne, wo er noch hinführen wird.

 

Kontemplative Übungen nach Franz Jalics – praktische Erfahrungen (8)

Elfter Teil einer Reihe zu den Exerzitien nach Franz Jalics

Im Mai bin ich aus der Spur gekommen. Ich habe die Übungen nur noch unregelmäßig gemacht. Auch meine Aufzeichnungen werden spärlicher. Arbeitsbelastung, eine Zeit mit Handwerkern im Haus und Aktionen wie eine Vorkonfirmandenfreizeit bringen meinen Rhythmus durcheinander. Auf der anderen Seite erlebe ich immer wieder bei mir eine neue Tiefe, die mir viele Aufgaben leichter machte. Beim EmergentCamp in Bremen am 2. Mai habe ich erstmals anderen von meinen Erfahrungen berichtet. Und die Gruppe zu den Übungen, die ich in unserer Gemeinschaft anbiete, entwickelt sich gut.

In der Anleitung von Franz Jalics folgt jetzt die Verlängerung auf Einheiten von einer halben Stunde. Weiterhin in die Hände lauschen, aber länger. Das bereitete mir zum Glück keine Probleme.

9. Mai
Auf Vorkonfirmandenfreizeit bei Bad Sachsa/Harz. Ich erlebe bei mir eine größere Offenheit für unerwartete Impulse. Wir werfen das Programm ein wenig über den Haufen und fahren mit den Kindern (Vorkonfirmandenunterricht findet bei uns in der 4. Klasse statt, im Alter von 9-10 Jahren) zum Kloster Walkenried. Ich erzähle von den Zisterziensern, die bewusst in solche unwirtlichen Gegenden gegangen sind wie den damals kaum erschlossenen Harz. Wir gehen durch die Ruine der Klosterkirche, und ich halte innerlich den Atem an, als die Kids auf den alten Mauerresten herumklettern. Zum Glück bleibt alles gerade noch im grünen Bereich, ich muss nicht eingreifen. Hinterher erzählt mir eine Mutter aus dem Mitarbeiterteam, dass sie mitbekommen hat, wie vier Mädchen sich in einem separaten Teil der Ruine hingekniet und gemeinsam das Vaterunser gesprochen haben.
Aber das bleibende Erlebnis dieses Nachmittags ist ein Bach auf dem Gelände (Zisterzienser haben auf fließendes Wasser im Klosterbereich Wert gelegt). So weit wie möglich dort hineinzuwaten, alte Kacheln herauszufischen und alles Mögliche schwimmen zu lassen, das entpuppt sich als Spitzenerlebnis. Dazu noch Fußballspielen auf der Wiese, wir haben Kekse und Saft dabei, außerdem Gitarre und Liederbücher. Auch wir Betreuer genießen einen wunderschönen, entspannten Nachmittag. Die Kinder spielen ganz ohne Gezanke oder Probleme miteinander, entdecken aneinander neue Stärken.
Wieder zu Hause im Freizeithaus gibt es dafür sofort um so mehr Aufregung: auf einmal sind alle total dünnhäutig, es werden “böse Worte” übereinander gesagt, Tränen fließen. Wir Betreuer kommen kaum nach mit dem Beschwichtigen.
Am Ende holen wir alle zur Abendandacht zusammen. Eine Kerze kommt in die Mitte und ich erzähle von dem Orts-Fiesling Zachäus, der von Jesus nicht gesagt bekam, was er verdient hätte, weil das nicht geholfen hätte. Am Ende bitte ich sie, in der Stille einem anderen (den sie sich aussuchen dürfen) Frieden zu wünschen, diesen Wunsch aufzuschreiben und an einem Kreuz abzulegen. Und tatsächlich, sie tun das mit großem Ernst. Und anschließend gehen alle ins Bett und schlafen.
Was hat das mit den Übungen zu tun? Ich könnte es nicht beweisen, aber ich bin überzeugt, dass ich viele Entscheidungen an diesem Tag ohne die Übungen anders getroffen hätte. Ich habe oft genug solche Freizeiten gemacht, um mein Verhalten in ähnlichen Situationen zu kennen. Ich wäre unsicherer gewesen, hätte weniger Abstand gehabt, hätte mich mehr aufgeregt, wäre manchen Impulsen nicht nachgegangen. Ich hätte vieles mit weniger Stimmigkeit gemacht. Ich bin kein ganz anderer geworden, ich habe nicht das Konzept unserer Konfirmandenarbeit revidiert, aber ich tue die Dinge mit mehr innerer Stimmigkeit und Klarheit. Und das hat Wirkungen bei Konfirmanden und Mitarbeitern. Ich verstehe immer noch nicht wirklich, wie das kommt, aber für mich ist es ganz klar, dass es mit den Übungen zusammenhängt.

Wieder zurück in Ilsede, beobachte ich bei mir und anderen, wie sehr es von einer guten Zeiteinteilung abhängt, ob jemand die Übungen durchhält.
Zeitplanung wiederum hat mit Prioritätensetzung zu tun. Wovon erwarte ich, dass es mein Leben entscheidend voranbringt? Oder erwarte ich überhaupt, dass es eine durchgreifende Veränderung geben könnte? Gibt es diese Hoffnung? Und wird sie absorbiert von den gewöhnlichen kleinen Hoffnungsträgern, oder gibt es Raum für Wege, die ganz aus dem Rahmen fallen? Vielleicht müssen in Zukunft diese Themen mit dazugehören, wenn ich wieder eine Gruppe zu den Übungen anbiete.

In der Gruppe erleben wir viele erfreuliche und auch spannende Entwicklungen. Im Gedächtnis bleiben natürlich die Spitzenmomente. An einem Abend bitte ich die Teilnehmer nach einer Aufmerksamkeitsübung, sich gegenseitig zu segnen. Zu unserem Erstaunen ist Segen tatsächlich deutlich spürbar. Und gerade die zierlichste von uns allen entwickelt dabei eine ungeahnte Kraft. Wieder einmal fällt mir die Parallele zu charismatischen Erfahrungen auf. Trotzdem, es geht im Kern um die langfristige Sicht, nicht um den einen oder anderen Spezialeffekt.

Ende Mai wird mir klar, dass ich mich um einen neuen Tagesrhythmus für mich selbst kümmern muss.

Kontemplative Übungen nach Franz Jalics – praktische Erfahrungen (7)

Zehnter Teil einer Reihe zu den Exerzitien nach Franz Jalics
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Im vierten Monat meiner Übungen bin ich immer noch dabei, auf meine Hände und das, was zwischen meinen Handflächen ist, zu achten. Außerdem  habe ich begonnen, diesen Weg mit unserer Gemeinschaft zu teilen.

1. April
Abends zum ersten Mal in der Gruppe von den Übungen und meinen Erfahrungen damit erzählt. Es scheint lebhaftes Interesse daran zu geben. Vielleicht können wir das ja in Zukunft irgendwie gemeinsam machen.

4. April
Heute erlebe ich einen warmen, lebendigen Zustand in den Händen. Es erinnert mich an Erfahrungen, die ich aus anderen Zusammenhängen kenne. Als junger Pastor fühlten sich meine Hände so ähnlich an, wenn ich mit Hinterbliebenen am Ende eines Trauergesprächs betete. Das hat irgendwann nachgelassen. Und aus charismatischen Zusammenhängen kenne ich ähnliche Empfindungen. Über diese Parallelen denke ich öfter nach: auch wenn es äußerlich große Unterschiede gibt – haben diese Übungen und charismatische Erfahrungen nicht möglicherweise eine ganz ähnliche Funktion? Nämlich Menschen aufzuschließen für das Gegenüber Gott? Könnte es sein, dass es dafür viele Wege gibt, die sehr unterschiedlich profiliert sind, auch unterschiedliche Problemzonen haben, aber doch in ihren besten Vertretern alle in die gleiche Richtung weisen? Ich bin sehr neugierig, wo das alles hinführen wird.
Heute stellt sich bei mir am Ende richtige Lust ein, etwas zu schaffen.

6. April
Heute bin ich dauernd abgelenkt. Überall in meinem Körper klemmt es, drückt es, juckt es. Hartnäckige, störende Gedanken.

14. April
Heute habe ich zwei Einheiten hintereinander geübt, wie es ja eigentlich vorgesehen ist. Der Abdruck dieser Zeit in meinem Gefühl bleibt diesmal länger als sonst. Zwischendurch habe ich mich aber sehr gesehnt, dass die Zeit zu Ende geht und ich anderes tun kann. Ich habe dann dieses Gefühl einfach wahrgenommen und angeschaut, da wurde es besser.

15. April
Heute war ich schrecklich abgelenkt. Dauernd Gedanken, Planungen und Aktivitäten im Kopf. Am Ende bringe ich es mit der Ruhe zusammen und schaue es an, da wird es etwas besser. Sogar Schmerzen im Bauch. Bis zum Ende habe ich es nicht geschafft, richtig in die Hände zu kommen.
Am Abend war das erste Treffen mit der Gruppe derer, die auch die Übungen machen möchten. Ich erkläre ihnen den Grundansatz und schicke sie für die nächste Woche in die Natur.  Was sie wohl jetzt erleben werden?
Dieser Start war schön und hat mir auch am nächsten Tag noch richtig Auftrieb gegeben.

19. April
Heute ist Konfirmation. Wir hatten eine gute Konfirmandenzeit zusammen. Ich möchte die Jungen und Mädchen gut segnen. Ich erinnere mich deshalb im Gottesdienst wieder an meine Hände und die Übungen. Und es ist diesmal ein sehr konstantes Gefühl beim Segnen. Wie soll ich es sagen? Früher wusste ich vorher nicht, wie es sein beim Segnen sein würde. Im Lauf der Zeremonie wuchs meist langsam meine Konzentration und Präsenz. Mir taten immer diejenigen leid, die als erste zum Altar kamen. Diesmal war es von Anfang an gleichmäßig. Ich hatte das Gefühl, dass es für mich (im guten Sinn) nichts Besonderes war, sondern dass ich in dieser Situation ganz zu Hause war. Ich war auf vertrautem Gelände.

28. April
Ich experimentiere mit meiner Sitzhaltung. Irgendwie stimmt da was noch nicht.

29. April
In der Gruppe gibt es erstaunliche Rückmeldungen: jemand ist trotz Heuschnupfen und Pollenflug in die Natur gegangen. Hat mit einer Birke Frieden geschlossen und hat jetzt viel weniger Probleme mit Heuschnupfen. Es steht wirklich nicht alles im Buch.

Kontemplative Übungen nach Franz Jalics – praktische Erfahrungen (6)

Neunter Teil einer Reihe zu den Exerzitien nach Franz Jalics
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In der “dritten Zeit” der Übungen  (für mich ungefähr der dritte Monat) fokussiert sich die Aufmerksamkeit noch einmal auf einen kleineren Bereich: die Mitte der Handflächen.

6. März
Zum ersten Mal die Übung mit den Händen gemacht. Noch ungewohnt. Ich kriege die Handflächen nicht richtig aufeinander. Das geht anatomisch eigentlich gar nicht. Nun gut, dann eben mit Abstand.
Mir fällt auf, wie wenig ich in den letzten Tagen zum Nachdenken gekommen bin. So viel ist immer zu tun. Morgen Vorstellungsgottesdienst der diesjährigen Konfirmandengruppe.

10. März
Langsam kann ich spüren, was zwischen den Handflächen geschieht. Da passiert eigentlich sogar ziemlich viel.

15. März, Sonntag
Den Gottesdienst heute morgen haben wir in unserer Gemeinschaft vorbereitet. Seit Dezember haben wir über Lukas 9,57-62 gebrütet, waren erschrocken, haben diskutiert und mit dem Text gekämpft. Das ist Bibelarbeit, wie ich sie gut finde: nicht wir haben die Texte ausgelegt, so dass man sich wieder einmal bestätigen kann, dass da drinsteht, was man sowieso schon weiß. Sondern dieser Text hat mit uns etwas gemacht, hat uns verändert und unsere gemeinsame Basis geklärt und vertieft. Sein Potential ist auch jetzt noch längst nicht ausgeschöpft, aber wir verstehen ihn doch schon besser, und vor allem: wir haben – jedenfalls ein wenig – mit unserem Leben geantwortet. Meine Predigt ist ein Produkt dieses gemeinsamen Weges. Es wird ein wirklich starker Gottesdienst. Irgendwie hat es auch mit den Übungen zu tun, aber noch viel mehr damit, dass ein Stück echter Lebensweg von vielen Menschen drinsteckt.

16. März
Ein paar Urlaubstage beginnen, und ich will die Zeit nutzen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Bei den Übungen schweifen meine Gedanken immer wieder ab. Ich merke, dass das was mit meiner Müdigkeit zu tun hat: ich bin ganz tief in mir drin erschöpft und habe nicht die Kraft zu der wachen Aufmerksamkeit, die zu den Übungen gehört.
Im Rückblick fällt mir jetzt auf, dass ich in der letzten Zeit nach außen stärker geworden bin. Neulich bei einer Trauung habe ich z.B. in ruhigem, freundlichem Ton Menschen aufgefordert, auf das Filmen während der Zeremonie zu verzichten. Immer eine schwierige Sache. Aber mir war in dem Moment schon vorher völlig klar, dass sie tun würden, was ich ihnen sage. Und so geschah es. Auch im Unterricht habe ich diesen Effekt in der letzten Zeit öfter erlebt. Und ich bin beim Predigen noch ein Stück sicherer als vorher. Ich kann nicht belegen, dass das mit den Übungen zu tun hat, aber mir fallen an mir selbst diese Veränderungen auf, und zeitlich geht es mit den Übungen parallel. Vielleicht kann man es so sagen: ich habe öfter das Gefühl, dass Gott mir in vieler Hinsicht den Rücken stärkt, und dass ich ohne Sorge auch mal was wagen kann.
Darf man so was schreiben?

23. März
Heute habe ich eine 1/2 Stunde gesessen und auf die Hände geachtet. Am Anfang war viel Ablenkung, aber es wurde besser. Ich wollte eigentlich nach 20 Minuten aufhören, aber diesmal erlebte ich etwas, was ich bisher nur aus den aufgezeichneten Gesprächen im Buch von Jalics kannte: die Hände hielten mich fest. Ich blieb 10 zusätzliche Minuten bei der Übung. Ich bin jetzt nicht mehr so müde, es kommen auch weniger Gedanken an Probleme oder Konflikte, stattdessen fallen mir lauter Lösungen für technische Probleme ein. Auch nicht viel besser. Es hilft, vorher ein oder zwei Gespräche aus dem Buch zu lesen, dann steht einem der ruhige, unaufgeregte Jalics-Ton zur Seite.

31. März
Die Urlaubstage liegen längst hinter mir, aber trotz der Arbeit schaffe ich es, an den Übungen festzuhalten. Dafür juckt es mich heute am Anfang am ganzen Körper. Nervig! Zum Glück lässt es dann langsam nach.

Kontemplative Übungen nach Franz Jalics – praktische Erfahrungen (5)

Achter Teil einer Reihe zu den Exerzitien nach Franz Jalics
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Am “zweiten Tag” oder in “zweiten Zeit” der Exerzitien (für mich der zweite Monat) geht es um das Achten auf den eigenen Atem. Bei mir war es ein Monat mit unerwarteten Überraschungsgeschenken: ich stieß auf Nebeneffekte, die so nicht angekündigt waren. Andererseits legte mich eine Erkältung/Grippe ziemlich lahm.

11. Februar
Heute war es meine Aufgabe, einen Teil der Pfarrkonferenz zu moderieren. Trotzdem habe ich morgens die Übungen gemacht, noch vor den Vorbereitungen auf den Vormittag. Ich merkte dann am Vormittag, dass ich dabei nicht aufgeregt war, sondern sehr konzentriert, und ohne Mühe die richtigen Gedanken fand. Ich glaube, dass das mit den Übungen zu tun hat.

14. Februar
Heute habe ich tatsächlich zum ersten Mal den Atem auch in der Lunge gespürt. Erstaunliche Erfahrung. Ich hoffe, ich bilde mir nichts ein. Ich finde die Unterscheidung zum autogenen Trennung gut: es geht bei den Übungen nicht darum, Wirklichkeit zu produzieren, sondern lediglich wahrzunehmen, was ist.
Konstant begleiten mich viele Gedanken, und ich ertappe mich dauernd dabei, dass ich mich von ihnen forttragen lasse. Dann kehre ich in die Atemwege zurück, um mich bald darauf wieder irgendwo anders zu finden. Aber das ist wohl ziemlich normal.
Einer der Gedanken war immerhin, wie ich in unserer Gemeinschaft einen Kurs zu diesen Exerzitien anbieten könnte.

17. Februar
Bin krank, heftige Erkältung. Die Übungen reizen den Hals. Abgebrochen. Stattdessen raus in die Natur gegangen. Das war aber zu anstrengend.

19. Februar
Immer noch erschöpft von der Grippe. Ich rutsche bei den Übungen weg und bin neben mir. Immerhin verstehe ich irgendwie, dass mein Körper nicht gegen mich ist, auch wenn mir seine Reaktionen nicht gefallen. Heute fahre ich auch noch auf Konfirmandenfreizeit.

24. Februar
Zu einer Fortbildung im Kloster Volkenroda. Bin immer noch nicht wieder gesund. Bei den Übungen merke ich, wie erschöpft ich innerlich bin. Das Programm der Fortbildung lässt mir wenig Spielraum. Normalerweise würde ich das schätzen, aber jetzt führt es dazu, dass ich mein Schlafdefizit nur langsam ausgleiche. Aber eigentlich ist es ja gut, wenn mir die Übungen helfen, den Stand meines Energie-Akkus nicht zu übersehen.

26. Februar
Heute fühle ich mich langsam besser.  In diesen Tagen habe ich immerhin den Spielraum gehabt, um ein Bild von der möglichen  Fortentwicklung unserer Gemeinschaft zu gewinnen.

27. Februar
Endlich gehen auch die Übungen wieder besser. Ich rutsche nicht dauernd in den Halbschlaf ab.  Fortbildung zu Ende, ich fahre wieder nach Hause.

5. März
Habe die letzten Tage die Übungen nicht gemacht. Dauernd nur gearbeitet, die ganze Woche durch. Nachholen, was in der Zeit meiner Abwesenheit liegengeblieben ist. Heute bin ich nicht mehr so erschöpft, aber sehr zerstreut. Tausend Sachen, die ich noch tun muss, bedrängen mich. Ich finde nur sporadisch zu mir und den Übungen.

Kontemplative Übungen nach Franz Jalics – praktische Erfahrungen (4)

Siebter Teil einer Reihe zu den Exerzitien nach Franz Jalics
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Am “zweiten Tag” der Exerzitien (für mich der zweite Monat) steht das Achten auf den eigenen Atem an. Im Sitzen verfolgt man den Weg der Luft durch die Luftwege bis in die Lunge.

3. Februar
Ich kann tatsächlich etwas fühlen, was ich sonst nie beachtet habe: wie die kühle Luft durch Nase, Rachen, Hals und Bronchien in die Lunge strömt. Unterhalb des Halses wird es schwierig. Und merkwürdigerweise spüre ich da nur links etwas. Es ist schon heftig, zu merken, dass da schon mein Leben lang etwas passiert, was ich noch nie wirklich bemerkt habe. Obwohl es nicht schwer wahrzunehmen ist. Kann das wohl mit Gott auch so sein? Das Schöne ist: auch diese Erfahrung ist, entgegen meiner Befürchtung, nicht langweilig.

4. Februar
Heute kam ich auf dem Weg durch die Atemwege nicht voran. Es war wie ein Widerstand, weiterzugehen. Ich bekam Angst, es nicht zu schaffen und steckenzubleiben. Zum Glück erinnerte ich mich an den Rat, solche Empfindungen einfach gelassen wahrzunehmen. Trotzdem war ich heute wie blockiert.
Ich habe übrigens den Eindruck, dass man durch diese Übung lernt, seine Aufmerksamkeit willentlich hin und her zu bewegen – fast wie einen Körperteil, eine Hand z.B.

7. Februar
Heute geht es ganz leicht. Vielleicht hat mich das letzte Mal auch mein Schnupfen behindert. Ich merke aber, wie müde ich eigentlich bin – zu wenig geschlafen. Normalerweise würde ich das einfach ignorieren. Heute habe ich noch eine halbe Stunde nachgeschlafen. Ich merke, dass eins der Hauptprobleme bei diesen Übungen ist, sie zuverlässig in den Tagesablauf einzubauen. Das heißt für mich vor allem, konstant früher ins Bett zu gehen.
In der Nacht habe ich mich zwei Mal an Träume erinnert, recht klar sogar. Das ist ungewöhnlich, weil ich normalerweise gar keine Erinnerungen an meine Träume habe.

8. Februar
Heute ist Sonntag, und da stehe ich morgens immer früh auf und schreibe einen Großteil meiner Predigt. Trotzdem habe ich heute vorher noch die Übung gemacht. Hinterher hatte ich ganz unerwartet den Eindruck, dass das Schreiben besonders leicht und flüssig ging. Anscheinend öffnen mir die Übungen einen leichteren Zugang zu meinen kreativen Quellen. Und ich fand die Predigt, die dabei herauskam, gut. Bessere Predigten schneller schreiben – das würde bedeuten, dass sich der Zeitaufwand für die Übungen auch ganz äußerlich lohnt. Davon stand nichts bei Jalics, aber es ist ja nicht schlecht, wenn man ganz unvorbereitet auf so etwas stößt.

Kontemplative Übungen nach Franz Jalics – praktische Erfahrungen (3)

Sechster Teil einer Reihe zu den Exerzitien nach Franz Jalics
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Seit Beginn dieses Jahres habe ich mich auf die kontemplativen Übungen nach
Franz Jalics eingelassen und lasse euch hier an meinen Erfahrungen teilhaben:

10. Januar
Heute gehe ich morgens los, ich schaffe nur 1/2 Stunde. Wieder in die Wiesen. Ich merke, dass ich in dieser Situation einen Zugang zu einer tiefen Ideenschicht in mir bekommen. Es setzt Kreativität frei. Mir kamen viele gute Ideen, und ich fand es schwer, sie in dieser Situation nicht weiter zu verfolgen. Hinterher kann ich mich aber daran nicht mehr erinnern. Es ist wie in einem Traum, an den man sich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern kann, aber kreativer, klarer.

12. Januar
Herrlicher blauer Himmel mit kleinen Wölkchen, und mein Lieblingsbaum sieht toll aus gegen diesen Hintergrund. Wieder viele gute Ideen gehabt, die ich aber auch alle vergesse. Werden diese Übungen eines Tages dazu führen, dass ich einen leichteren Zugang finde zu meiner kreativen Tiefe? Davon stand nichts im Buch, aber es wäre ja trotzdem nicht schlecht. Mir fällt Jalics’ Warnung ein, dass man die Übungen nicht machen soll, um zu … (ruhiger, kreativer usw. zu werden). Also werde ich weitermachen und abwarten.
Mein Lieblingsbaum und die Reihe der Bäume an der Fuhse bewegen mich heute ganz besonders, wie sie so schweigend und kahl im Sonnenlicht dastehen. Aber ich weiß nicht, was es ist. Für den Baum finde ich das Wort “majestätisch”, für die Baumreihe am Flüsschen finde ich keins. Manchmal möchte ich weinen, wenn ich sie da so stehen sehe, aber ich verstehe nicht warum.
Erstaunlich, wie viele Menschen mit Hund hier herumlaufen.

13. Januar
Heute an einem Post zu Jalics gearbeitet, deswegen hatte ich keine Zeit, loszugehen. Beides gleichzeitig kriege ich nicht hin.

14. Januar
Heute melden sich dauernd deprimierende Gedanken zur Situation von Kirche, Pastoren und ihren Begrenzungen. Und mir fallen die ästhetisch misshandelten Bäume auf, hässlich geworden durch willkürliche menschliche Eingriffe. Überhaupt, wie hässlich sind fast alle menschlichen Artefakte hier. Und über allem liegt trübes, feuchtes Wetter.
Ich versuche, die Dinge nicht zu Ende denken zu wollen, sondern sie mit der heilenden Präsenz in Verbindung zu bringen.

16. Januar
Es taut. Die Bäume sehen nicht mehr so tot aus. Ein ganz leichter Schimmer von Leben liegt über ihnen.

17. Januar
Immer wieder gute Ideen. Ich muss der Versuchung widerstehen, dieses Rohmaterial während meiner Gänge weiterzudenken, zu verarbeiten und festzuhalten. Manchmal kann ich mich jetzt schon hinterher wieder an eine Idee erinnern.

19. Januar
Heute auf der Rückfahrt zwischen Peine und Klein Ilsede angehalten und in die Natur gegangen. Aber die Gegend dort trägt so deutliche Spuren menschlichen Wirkens, so hässlich. Es ist deprimierend. Ich will zurück zu meinen Bäumen in den Wiesen.

25. Januar
Allmählich ist es Zeit für den Übergang zum 2. Tag (die Übungen sind in 10 Tage gegliedert, wenn man sie an einem Stück macht. Ich mache sie nach und nach, deswegen dauert ein Tag bei mir mehrere Wochen). Aber ich bin so mit Arbeit vollgepackt, ich komme nicht dazu, mich auf den zweiten Tag und die dann nötige Umstellung meines Tagesrhythmus einzustellen.

Kontemplative Übungen nach Franz Jalics – praktische Erfahrungen (2)

Fünfter Teil einer Reihe zu den Exerzitien nach Franz Jalics
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Seit Beginn dieses Jahres habe ich mich auf die kontemplativen Übungen nach Franz Jalics eingelassen und lasse euch hier an meinen Erfahrungen teilhaben:

4. Januar
Mein zweiter Tag in der Natur. Es liegt Schnee und es ist wieder sehr kalt. Die Beobachtungsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Ich gehe an einer Baumreihe entlang und schaue die Baumrinde an. Ich habe nicht gewusst, wie vielfältig Baumrinde ist. Wie die gleiche Grundstruktur immer wieder variiert wird. Die Natur ist von einer Vielfalt, an die unsere Produktionen nicht heranreichen. Ältere menschliche Produkte (z. B. alte Häuser oder Möbel) spiegeln davon aber meist noch mehr wieder als moderne Produkte mit ihren glatten Plastikoberflächen. Oh, schon wieder ins Analysieren und Deuten geraten. Na gut, ich muss sowieso weitergehen, sonst frieren mir die Füße ein.
Die wichtigste Entdeckung heute: es ist nicht (wie ich vorher befürchtet hatte) langweilig. Schauen tut gut. Ich ahne, dass es da wirklich etwas geben könnte, was meine Aufmerksamkeit anzieht – und schön ist.

5. Januar
Heute ist es noch etwas kälter. Die Sicht ist sehr klar, der Himmel pastellfarben. Die geschwungene Reihe der Bäume an der Fuhse kenne ich nun schon. Ich schaue zu, wie es langsam dunkel wird, der Himmel stahlblau. Ich schweife mit den Gedanken weniger ab. Zwischendurch erkunde ich aber einen zugefrorenen Sumpf, der im Sommer unzugänglich ist. Das ist ein Rückfall in die Naturforscher-Mentalität.

6. Januar
Heute gehe ich mal auf das alte Hüttengelände, das inzwischen von der Natur teilweise zurückerobert ist. Das ist ein Fehler. Diese Mischung aus Verfall und traurigen Pflanzen wirkt niederdrückend. Außerdem sind da immer wieder Menschen, und mit denen kann man nicht nicht kommunizieren (Watzlawick). Dazu ist es (gefühlt) noch kälter geworden, und irgendwie scheuert der Schuh heute meine Ferse auf. Nach einer halben Stunde gehe ich nach Hause.

7. Januar
Es ist immer noch kalt und unsere Heizung fällt aus. Ich warte auf den Installateur und gehe nicht raus.

8. Januar
Heute fiel mir wieder auf, wie sehr die Spuren menschlicher Aktivitäten die Ästhetik stören. Selbst die Kondensstreifen der Flugzeuge, die am klaren Himmel haufenweise zu sehen sind, sind viel zu gerade. Das passt nicht. Von all dem Gerümpel in der Landschaft ganz zu schweigen. Ich bin verunsichert. Werde ich jetzt Ästhet? Dummerweise denke ich auch dauernd daran, was ich bloggen könnte. Das stört ebenso wie die Kälte, die immer noch ganz schön kalt ist.

9. Januar
Eine 3/4 Stunde in den Wiesen. Langsam geht mein Urlaub zu Ende. Ich merke, wie sich mehr und mehr die Arbeit, die auf mich wartet, wieder in meine Gedanken einschleicht. Werde ich die Übungen auch im “Normalbetrieb” durchhalten können?
Immerhin ist es jetzt weniger kalt.

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