EmergentCamp in Bremen

Seit dem Emerging Studientag in Hamburg im letzten Jahr ist hier im Norden eine Zusammenarbeit unter Leuten gewachsen, die sich vor allem über ihre Blogs kennengelernt haben. Und jetzt laden wir alle Interessierten zum EmergentCamp ein, um die Vernetzung voranzubringen:

EmergentCamp:
Evangelium und Gemeinschaft im Kontext der Postmoderne

am 06. September 2008 von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr in den Räumen der Christusgemeinde Bremen-Blumenthal.

EmergentNord lädt ein zu einem ersten EmergentCamp. Im Barcamp-Stil wollen wir miteinander über folgende Themen sprechen:

I. Wer sind wir heute?
Nach fast zwei Jahrtausenden Christentum befindet sich Europa in einem Zeitenbruch. Die Moderne geht ihrem Ende entgegen. Die Bedingungen, in denen das Evangelium kommuniziert wird, ändern sich. In einer unübersichtlichen Gemengelage mischen sich vormodernes, modernes und postmodernes Denken. Wer also sind wir heute? Ein Versuch Spuren zu erkennen.

II. Was ist das Evangelium?
Ein erster Versuch einer Rekonstruktion: welches Evangelium verkünden wir eigentlich in der unübersichtlichen Situation zwischen Moderne und Postmoderne?

III. Was ist christliche Gemeinschaft?
Die neuen Bedingungen sind auch Resonanzboden für Klänge des Evangeliums, die lange überhört worden sind. Wie können sie in Gemeinschaften Gestalt gewinnen? Wir wollen viele Impulse und Fragmente sammeln, die zu einer neuen Praxis christlicher Gemeinschaft anstiften.

Call-for-papers:
Jeder, der auch an diesen Fragestellungen arbeitet, ist eingeladen, Beiträge zu diesen Themen mitzubringen. Das dürfen auch Praxisberichte, Fragmente, Literaturberichte oder Diskussionsanstöße sein. Beiträge sollten 10 min Länge nicht überschreiten.

Anmeldung:
Wir bitten um eine Anmeldung bis zum 15. August 2008 an: info@zellgemeinde-bremen.de

Adresse des Veranstaltungsorts:
Christusgemeinde Bremen Blumenthal (ev.-freikl./Baptisten)
Cranzer Straße 22
28777 Bremen

Eine Wegbeschreibung
gibt es auf der Webseite der Christusgemeinde unter:
http://www.christusgemeinde-blumenthal.de/index.php/kontakt/

Was ist die Säkularisierung eigentlich heute?

Es ist schon einige Zeit her, dass Tobias auf seinem Blog mehrere Beiträge (hier, hier, hier und hier) (und jetzt auch hier) zur religiös-geistigen Situation der Gegenwart veröffentlicht hat. Er macht dabei keine Schnellschüsse, sondern versucht ausdrücklich, unser Heute im Rahmen einer längeren Entwicklungsgeschichte zu verstehen. Also keine kurzfristigen Handlungsrezepte, sondern zuerst einmal verstehen, was eigentlich vorgeht: in welchem Prozess wir uns im Augenblick befinden.

Dazu stellt er verschiedene Theorieansätze vor, mit denen die Situation der Religion - vor allem in Europa - beschrieben worden ist:

  • Der bisher wirkungskräftigste Ansatz war die Säkularisierungsthese: Religion ist eine vorwissenschaftliche Denkweise, die durch rationalere Denkmuster ersetzt werden wird und auf ihr Aussterben zugeht.
  • Diese These wird jedoch inzwischen einfach durch das faktische und vitale Überleben der Religion im Weltmaßstab widerlegt. Sie ist auch nicht mehr das herrschende Denkmuster in der Religionssoziolgie.
  • Vielmehr gerät die Säkularisierungsthese selbst in Ideologieverdacht: sie hat zum Teil erst die Wirklichkeit hervorgebracht, die sie zu beschreiben vorgibt; sie war selbst ein Kampfbegriff. Aber sogar im stark säkularisierten Europa, das im Weltmaßstab eine Ausnahme ist, greift sie nicht: die länderspezifischen Unterschiede (etwa das katholische Polen neben dem gottlosen Ostdeutschland, dem ebensolchen Tschechien und dem gemischten Westdeutschland …) sind nicht nach dem Muster Fortschritt/Rückständigkeit zu erklären.
  • Der Religionspädagoge Dressler schlägt einen anderen Erklärungsrahmen vor: die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft lässt es nicht zu, dass ein Subsystem (die Religion) die ideologische Kontrolle über die ganze Gesellschaft übernimmt.

Tobias hat ausdrücklich zum Mit- und Weiterdenken eingeladen. Das will ich mit einiger zeitlicher Verzögerung hier tun.

Ich empfinde es als zentrales Defizit all dieser Theorien, dass sie von einem allgemeinen Religionsbegriff ausgehen und die christliche Religion darunter subsummieren. Wenn die Religionssoziologie inzwischen feststellt, dass es Säkularisierung eigentlich nur in Europa und bei den weltweiten europäisch geprägten Eliten gibt, dann stellt sich ja die Frage nach dem Grund dieser Sonderstellung.

Die naheliegende Hypothese wäre dann doch, dass die Säkularisierung kein allgemeines Gesetz ist, sondern eine Frucht der besonderen Religion, die Europa geprägt hat: des Christentums. Wieso ist gerade auf dem Boden des Christentums eine mindestens teilweise religionslose Gesellschaft entstanden? Ist das historischer Zufall, oder hängt das mit den spezifischen Inhalten des Christentums zusammen?

Die Frage so zu stellen bedeutet natürlich, dass man das Zweite vermutet. Genauso kann man dann aber auch unterstellen, dass es ein blinder Fleck der Religionssoziologie ist, wenn sie diesen spezifisch christlichen Sonderweg der Religion in Europa nicht angemessen wahrnimmt (ich kenne mich allerdings nicht gut genug auf diesem Felde aus, um sagen zu können, ob das durchgehend so ist. Das weißt du sicher besser, Tobias!).

Ich denke, dass eine angemessene Theorie der christlichen Religion in Europa mindestens die folgenden Besonderheiten berücksichtigen müsste:

  1. Den besonderen inhaltlichen Impuls des Christentums (Max Weber hat gezeigt, welche revolutionären gesellschaftlichen Entwicklungen der angestoßen hat)
  2. Die konkurrenzlose Monopolstellung des Christentums in Europa (”Religion” bedeutete hier über Jahrhunderte “Christentum” - in anderen Gegenden der Welt erlebt man durchaus mehrere Religionen nebeneinander)
  3. Die staatsgestützte ideologische Dominierung der Gesellschaft durch die Kirche(n)
  4. Die Verformung des christlichen Impulses durch diese dominierende Stellung
  5. Der besondere Charakter des Widerstandes gegen die kirchliche Dominanz in der Aufklärung und der weitere Verlauf dieser Auseinandersetzung.

Meine Vermutung dazu ist, kurz gesagt: die europäische Säkularisierung ist gewachsen aus dem gesellschaftlichen Widerstand gegen die kirchliche Dominanz. Weil die so umfassend war (faktisch und ideologisch - Stichwort Monotheismus, Absolutheitsanspruch des Christentums), konnte es keinen religiösen Widerstand geben, sondern nur einen anti-religiösen, der sich nominell gegen “die Religion”, faktisch aber gegen das Christentum richtete. Eine Spätfolge davon ist das Phänomen, dass die Menschen im Augenblick zu unser aller Erstaunen wieder religiös werden, aber nicht christlich.

Dieser Widerstand gegen kirchliche Dominanz speiste sich aber - jedenfalls teilweise - aus dem christlich-jüdischen Impuls selbst (aber auch antik-heidnische und asiatische Impulse spielen eine Rolle). Nicht umsonst kamen/kommen viele Religionskritiker aus einem christlichen oder jüdischen Umfeld (Pfarrhäuser sind da recht beliebt). Die religionskritischen Impulse der Bibel sind hier auf fruchtbaren Boden gefallen, wenn auch in anderem Kontext. Das führt zu einer sehr undurchsichtigen Gemengelage.

Schließlich müsste man das Ganze auch auf der viel weniger theoretischen Ebene des Alltags, aus der Perspektive des “Volkes” durchspielen: die zwiespältigen Erfahrungen mit Kirchen (bzw. Pastoren), die einerseits Organe gesellschaftlicher Kontrolle und andererseits auch Repräsentanten von Menschlichkeit und Menschenwürde waren. Diese beiden Ebenen (Theorie und Alltag) sind aber - vor allem durch die Arbeiterbewegung - auch miteinander verbunden.

Spannende Fragen sind für mich in diesem Zusammenhang:

  • War das Bündnis von christlichem Impuls und Religion eigentlich ein Missverständnis, oder gibt es da eine Schnittmenge (und welche)?
  • Aktuell gewendet bedeutet das: ist Religion nur eine vorübergehende Gestalt des christlichen Impulses? vielleicht noch nicht einmal eine gute? Pointiert gesprochen: wieviel Religion braucht eigentlich das Evangelium? Sollten wir uns der gegenwärtigen Renaissance der Religion anschließen oder nicht? Oder wie?
    Das ist für mich keine rhetorische, sondern eine echte und praktische Frage!
  • Hier wäre auch nach der bleibenden Bedeutung von Bonhoeffers Prophezeiung einer kommenden “religionslosen” Zeit zu fragen. Wenn man sie als die Prophezeiung einer “christentumslosen” Zeit verstehen würde, dann wäre diese These jedenfalls nicht einfach durch die Entwicklung widerlegt.
  • Muss sich christlicher Glaube eigentlich immer in Form einer Religion organisieren? Die frühen Christen jedenfalls wurde eher als Anti-Religion wahrgenommen.
  • Ist es möglich, relgionskritische Impulse der Aufklärung wieder mit ihren biblischen Wurzeln zu versöhnen?
  • Auffällig ist schließlich, dass sich der Katholizismus in den Ländern bis heute hält, in denen er sich über lange Zeit mit einer unterdrückten Nation verbunden hat (Polen, Irland), während er in Frankreich mit dem Ancien Regime verbunden war und sich von der Revolution nicht wieder erholt hat. Ist also für das Überleben einer Religion (oder wenigstens des Christentums) die Positionierung in gesellschaftlichen Konflikten entscheidend?

Tobias hat zur Diskussion eingeladen. Ich möchte das unterstreichen. Die Verhältnisse sind eine so unübersichtliche Gemengelage. Da muss einfach mehr Klarheit rein. Lasst uns hier Nachdenken investieren! Wer macht mit?

Wie im Himmel - oder jedenfalls beinahe

Kay Pollak ist der Regisseur des wunderbaren Films “Wie im Himmel“, der für den Oscar nominiert war und auch in vielen deutschen Städten wochenlang lief. Es ist der beste Film über Gemeindegründung, den ich je gesehen habe. Auch “Chocolat” kommt da nicht mit, aber die Geschichte ist ähnlich: ein Dirigent formt (nicht aus den Kunden einer Chocolaterie, sondern) aus einem mittelmäßigen Kirchenchor eine befreiende und heilende Gemeinschaft. Zwischendrin gibt es so etwas wie eine Kreuzabnahme und am Ende einen großen Saal mit Menschen, die in Zungen reden. Hufi hat neulich darüber gepostet.

Das Verrückte dabei ist wieder mal: Gott kommt in dem Film eigentlich nicht vor. Religion wird nur durch den strengen staatskirchlichen Pfarrer repräsentiert, der sich von der Gemeinschaft des Chores bedroht fühlt, weil die seine auf Angst und Gewissensdruck gegründete Herrschaft über die Gemeinde gefährdet.

Kay Pollak schreibt auch Bücher über persönliches Wachstum und Freiheit. Das Grundmotiv dabei ist: trenn dich von der Illusion, dass das Problem da draußen bei den anderen liegt. Verändere dein Denken, das ist der Schlüssel. Man merkt, dass das sein Weg war und dass der für ihn eine große Befreiung bedeutet hat: sich nicht mehr als Opfer zu fühlen, sondern sich als verantwortlich zu verstehen.

Ich habe gerade “Für die Freude entscheiden” gelesen. Darin beschreibt Pollak gegen Ende (ab Seite 210 - wer es nachlesen will, kann bei amazon  in der Volltextsuche die Zahl “210″ eingeben und dann auf die nächsten Seiten weiterklicken. Interessant könnten auch die Suchbegriffe “Sonntagsschule” und “Kirche” sein) einen inneren Weg der Umkehr und Vergebung, der eigentlich eine sehr zeitgemäße Form dessen ist, was man sonst Beichte und Vergebungszuspruch nennen würde. Das ist in vielem so gut formuliert und gedacht, dass man sich da manches für die Seelsorge abgucken kann.

Aber auch hier ist das Verrückte: obwohl sogar die Zusage “ich vergebe dir” wörtlich vorkommt, wird Gott nirgendwo genannt. Wer vergibt also an dieser Stelle? Das von Pollak so genannte “höhere Ich” - der Mensch, der wir auch sind: sicher, präsent, angstfrei, liebevoll. Die Utopie des Menschen, der wir sein könnten, sollen und manchmal auch sind. Das finde ich einen sehr wichtigen Gedanken: mit jeder Sünde (Pollak benutzt das Wort natürlich nicht) versündigen wir uns an dieser Utopie.

Nur - dass Gott es sein könnte, der diese Utopie von uns hat und diesen Traum auch in Kay Pollak träumt, das ist ein Gedanke, an den Pollak sich nicht heranwagt. Er beschreibt bis ins Detail geistliche Prozesse, ohne den Namen Gottes oder Jesu zu erwähnen. Warum?

An einigen Stellen wird deutlich, dass Pollak aus einem christlich geprägten Elternhaus kommt (woher sollte er auch sonst diese intime Kenntnis geistlicher Strukturen haben …), aber es war offenbar auch ein Elternhaus (oder eine Gemeindekultur), in dem er zum Unglück erzogen wurde. Er lernte, auf Probleme und Ängste mit Irritation, Ärger und Zorn zu reagieren. Vor allem aber war in ihm eine Stimme, die beständig zu ihm sprach: Du bist ein armer sündiger Mensch … geboren in Sünde!

“Wenn ich es für einen Moment wagte, meine einzigartige und wunderbare Größe zu bejahen, dann war es der verurteilende und strafende Gott, der mich in die Knie zwingen wollte.”

Pollak steht für viele andere. Viele wissen oder ahnen, dass sie einen geistlichen Prozess dringend brauchen. Sie sehnen sich danach, und es ist der Sache nach nicht die buddhistische (oder esoterische o.ä.) Grunderfahrung, die sie ersehnen, sondern eine genuin christliche. Aber entweder ahnen sie gar nicht, dass es so etwas unter dem Label “christlich” geben könnte, oder sie bekommen den christlichen Gott und ihre Kirchenerfahrungen (oder ihr Kirchenbild) nicht auseinander. Sie fürchten viel zu sehr (und nicht zu Unrecht!), dass sie am Ende doch wieder bei der ganzen alten unterdrückerischen Scheiße landen, wenn sie sich auf ausdrücklich christliches Vokabular einlassen. Das gebrannte Kind scheut das Feuer.

Stattdessen konstruiert sich Pollak einen Gott, der nur Liebe ist und nie verurteilt, und man möchte ihn fragen: brauchen denn die Unterdrückten dieser Erde das nicht, dass Gott Recht spricht und ihre Unterdrücker verurteilt? Ist das nur ein Problem im Kopf der Armen, das durch Umdenken zu lösen ist?

Aber man sollte wohl mit verletzten Menschen nicht so reden. Schon gar nicht, wenn aus dieser Verletzung so viel Heiles und Positives wächst. Vielleicht müssen Pollak und andere einen ganz eigenen Weg gehen, bis sie sich an die Erkenntnis herantrauen, dass sie in ihrer Sehnsucht dem wirklichen Gott ganz nahe auf den Spuren sind.

Wir - Vertreter einer christlichen Kultur, die noch längst nicht frei ist von dem, was Pollak zu Recht beklagt - helfen ihm und anderen wahrscheinlich am besten dadurch, dass wir mit dem arbeiten, was sie uns zu geben haben. Pollaks Buch ist eine wunderbare Hilfe für die Seelsorge (in manchem ja auch nicht neu). Aber es braucht so etwas wie ein Re-engeneering: wir müssen lernen, ihre Weisheit zu nutzen, aber den Namen Gottes, den Namen Jesu auch ausdrücklich auszusprechen und dabei trotzdem (!) so befreiend zu bleiben, wie Pollak und andere es uns vormachen.

Wenn der ausgesprochene Name und die Sache, die damit gemeint ist, wieder zusammenkommen, was wird das anderes bedeuten als Leben aus dem Tod (Römer 11,15)? Vielleicht erleben wir es ja noch, in geringerem oder größerem Maß.

Und: wer sich “Wie im Himmel” noch nicht angeschaut hat - ab ins Kino! Oder die DVD bestellen. Der Film sollte Pflichtprogramm bei allen Schulungen für Gemeindegründung sein. Denn vom Singen werden Menschen immer noch schneller heil als vom Schokoladefuttern.

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A community called atonement - Kapitel 9

Übersichtsseite zum Buch von Scott McKnight

Kapitel 9: Stationen der Sühne/Versöhnung: Das Kreuz

Jede Theorie über Sühne/Versöhnung muss die zentrale Stellung des Todes Jesu und das sühnend/versöhnende Potential des Kreuzes berücksichtigen. Es muss aber mit den anderen Stationen des Heilsgeschehens verbunden werden, um Verkürzungen zu vermeiden.

Das Kreuz bei Markus

Das Kreuz thematisiert die Gefangenschaft der Welt unter dem Bösen, und zwar auf drei Ebenen:

  • der geistliche Widerstand gegen die Präsenz des Sohnes Gottes unter den Menschen
  • der menschliche Widerstand gegen die Taten Jesu
  • der politische Widerstand gegen seine politische Wirkung

Diese drei Ebenen haben ihren Schnittpunkt im Kreuz. Dort konzentriert sich der Widerstand, der Gottes Rettungswerk zu verhindern versucht. Aber auf diese Weise stellt Gott die Mächte des Bösen und bricht ihre Macht.

Paulus und das Kreuz

Im Kreuz identifiziert sich Jesus mit unserem Leiden, unserem Schmerz und unserem Tod. Dem zentralen Text Römer 3,21-26 entnimmt McKnight die Gesamtsicht, dass im Kreuz zerstörte Bilder Gottes wieder in ein Verhältnis zu Gott gebracht werden, ihnen vergeben wird, der Zorn Gottes von ihnen abgewendet wird und sie in eine Gemeinschaft integriert werden, wo sie wiederhergestellt werden. Dies alles geschieht durch das Vertrauen auf Jesus, der Gottes Treue zu seinen Verheißungen verkörpert.
Zwei Themen aus dieser Zusammenfassung werden nun noch genauer untersucht:

Rechtfertigung und Zorn Gottes

In der Rechtfertgung wird ausgesprochen, dass Menschen in Ordnung gekommen sind und nun zu Gottes Volk gehören. Rechtfertigung umgreift die Auslöschung von Sünde und die Erschaffung eines neuen Gottesvolks in Christus. Dieses Geschehen ist ein Akt der Gnade Gottes, so wie auch der Zorn Gottes aus seiner eifersüchtigen Leidenschaft für seine verirrten Ebenbilder erwächst.
Für McKnight ist es ein Irrweg, den Zorn Gottes in einen unpersönlichen Tun-Ergehens-Zusammenhang aufzulösen. Vielmehr muss auch Gottes Zorn aus seiner leidenschaftlichen Liebe zu den Menschen verstanden werden, für die er sich nicht mit weniger als dem Besten zufriedengibt. Sein Zorn ist die Rückseite seiner Liebe.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Gott in Jesus

  • “mit uns” stirbt, indem er in unsere Situation eintritt und einen neuen Weg findet;
  • “an unserer Stelle” stirbt, indem er unsere Situation übernimmt; und
  • “für uns” stirbt, indem dieses Geschehen das Alte ausräumt und einen neuen Weg eröffnet.

Dies alles hat ein vom Kreuz gestaltetes Leben zum Ziel.

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Nervige Feststelltaste

Heute mal ein erfreulicher Abstecher in ein ganz anderes Gebiet: schon immer hat mich die fESTSTELLTASTE auf der Tastatur meines Haupt-Handwerkszeuges genervt. Eine Zeitlang habe ich sie mit Knete (ja, ich meine die, mit der die Kinder spielen) stillgelegt. Aber das ist auf die Dauer doch doof.
Nachdem jetzt Florian Steglich beschrieben hat, wie man diese nervige Störungsquelle auf dem Mac stillegen kann, habe ich mich auf die Suche gemacht, wie das auch unter Linux möglich ist (die Einstellungen bei OpenSuse haben das nie geschafft). Und siehe da, es steht bei Wikipedia und ist ganz einfach:

In der Datei /etc/X11/Xmodmap (systemweit, du musst Root-Rechte haben) oder in deinem Home-Verzeichnis in ~/.Xmodmap (auf Benutzerbasis) nur zwei Worte eintragen:

clear Lock

und das Ding ist mausetot (wenn nicht, den nächsten Neustart abwarten).

Übrigens, für alle, die noch Tribut nach Redmond Lizenzgebühren an Microsoft zahlen: auch für Windows (ab Windows 2000) findet sich eine entsprechende Anleitung bei Wikipedia.

Nein, wir haben keine Bibelgruppen

Ryan Bell hat auf dem Allelon-Blog “The Missional Journey” die Probleme der traditionellen Bibelstudien-Gruppen beschrieben und überlegt, was in seiner Gemeinschaft an deren Stelle treten könnte.

Er geht von der Beobachtung aus, dass man in solchen Gruppen normalerweise austauscht, was man so denkt, “was der Text bedeutet”. Die Frage, was der Text eigentlich erreichen sollte (bei Jesus oder gar bei den Evangelisten), taucht kaum auf. Und was er aktuell bei seinen Lesern erreichen soll, diese Frage stellt sich auch nicht. Es geht nur um Information, aber nicht um Formation. Die Folge: Langeweile und Frustration.

Was tritt in Bells Gemeinschaft an die Stelle von Bibelstudiengruppen? Sie arbeiten dort mit “missional action teams”, die danach fragen, was Gott für ihre Nachbarschaft bedeutet. In diesem Zusammenhang wird es lebensnotwendig, in der Bibel zu leben. Solche Teams entwickeln eine “missionale Hermeneutik”. Dazu gehört etwas, was sie “dwelling in scripture” nennen, also ein “Bewohnen”, ein In-der-Bibel-leben. Manche Gruppen haben zwei Jahre lang mit einer bestimmten Passage gelebt und sich immer wieder gefragt: “wie formt dieser Text uns als Volk Gottes, damit wir in unserem Ort seine Zeugen sein können?” Damit bekommt der Text eine ganz andere Verbindlichkeit. Und genauso entsteht eine Verbindlichkeit unter denen, die sich entschlossen haben, gemeinsam Volk Gottes vor Ort zu sein.

Wenn die Bibel so gebraucht wird, dann - so haben sie es jedenfalls erfahren - rücken sehr elementare Texte wie die Bergpredigt, die Aussendung der Jünger oder die Begegnung Jesu mit der Samariterin am Brunnen in den Vordergrund.

Es bleiben Fragen: wie geht man mit der Bibel um in einem Kontext von biblischen Analphabetentum? Wie öffnet man denen einen neuen Weg zur Bibel, die aus ihrem christlichen Hintergrund schon jede Menge Bibelinformationen mitbringen, aber ein ganzes Christenleben lang nur die “informative” Art des Bibelstudiums kennengelernt haben? Und wie hilft man Neubekehrten, erst gar nicht damit anzufangen?

Ich finde das sehr wichtige Fragen und Anstöße. Auch für uns muss es eine missionale Hermeneutik geben. Erst im Zusammenhang von Praxis wird die Bibel ihre wirklichen Qualitäten entfalten.

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Christen und das Kreuz

Unser Gottesdienst gestern stand unter dem Thema “Christen und das Kreuz”. Die Teilnehmer des Ü10-Gottesdienstes am Samstag vorher hatten die Kirche mit einem großen Kreuz und Bildern von heutigem Leid und gegenwärtiger Zerstörung gestaltet - von Hurricans über die Ausrottung von Tierarten bis zur Todesstrafe.

Benny, Rene und Tom zeigten am Anfang eine (ein bisschen gewalttätige) Szene, die aus Markus 3,27 heraus entwickelt war: man kann die Kunstgegenstände im Haus eines Schwergewichtsboxers erst klauen, wenn man den Besitzer vorher irgendwie außer Gefecht gesetzt hat. Da redet Jesus selbst davon, dass es eine entscheidende Begegnung gab, bei der die Machtfrage geklärt wurde. Anschließend konnte er (und später seine Jünger, wir) dann den Einfluss des Bösen an vielen Stellen zurückdrängen. Es gibt also eine einmalige, strategische Entscheidung, die erst einen Raum öffnet, in dem man dann der konkreten Zerstörung entgegentreten kann.

Direkt im Anschluss ans Credo sang unser Musikteam ein modernes Glaubensbekenntnis.

Im folgenden Predigtteil habe ich um das Kreuz und die Bilder ein Absperrband herumgelegt, als Zeichen dafür, dass niemand freiwillig diese Zone von Leid und Gefahr betreten möchte.

Etwas später bekamen alle einen Stein - nicht zum Aussuchen, sondern zugeteilt: als Symbol für unseren Anteil am Schweren in der Welt, den wir uns nicht aussuchen können. Die Anteile sind unterschiedlich groß, sie sehen so unterschiedlich aus und fühlen sich so unterschiedlich an wie die Steine. Keiner weiß, wieso er gerade diesen Anteil bekommen hat. In einer Zeit der Stille konnten alle ihrem Stein einen Namen geben - ihn verbinden mit dem Bedrückenden, Belastenden oder Beängstigenden in ihrem Leben.

Anschließend waren alle eingeladen, ihren Stein zum Kreuz nach vorn zu bringen. Aber das bedeutete auch, die Linie zu übertreten und Jesus zu folgen in den dunklen Bereich der Welt. “Sich für Jesus zu entscheiden” ist nicht zu haben ohne Nachfolge in diesen dunklen Bereich hinein. Auch wer tröstet oder hilft, bleibt davon nicht unberührt.

Es war schön, dass dann viele gekommen sind.

Auf dem Weg zurück bekamen sie von den den dreien aus dem Ü10-Gottesdienst eine “Medaille”, mit dem Kreuz auf der einen und dem leeren Grab am Auferstehungsmorgen auf der anderen Seite. Sie soll als Erinnerungszeichen dienen: damit wir in der kommendenZeit darauf achten, was aus den Dingen geworden ist, die wir zum Kreuz gebracht haben.

Mit einem Gebet haben wir den Predigtteil beschlossen.

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Karwoche mit N.T. Wright

Ostern in einem Verlierergebiet der Globalisierung

N.T. Wright, anglikanischer Bischof von Durham, war in der Karwoche 2007 zu Gast in einer von Deindustrialisierung und Niedergang gezeichneten Gemeinde seiner Diözese, Easington Colliery. Täglich hat er dort eine Predigt gehalten. Dabei herausgekommen ist eine kurzgefasste Kreuzestheologie und gleichzeitig ein Beispiel dafür, wie gelebte Theologie in Zeiten der Globalisierung aussehen kann:


N.T. Wright:
Christians at the Cross
Finding Hope
in the Passion,
Death
and Resurrection
of Jesus
2007

Ein vierstimmiges Lied

Wright beschreibt seinen Weg mit der Gemeinde durch die Karwoche als eine Einübung in einen vierstimmigen Liedsatz. Da ist einmal die Melodiestimme, der Sopran: das ist die Leidensgeschichte Jesu (in diesem Fall hauptsächlich nach dem Johannesevangelium). Aber diese Melodie wird grundiert und gestützt von der Bassstimme, dem Alten Testament, in dieser Predigtreihe vertreten vor allem durch die Gottesknechtslieder aus dem Buch Jesaja. Wenn man die Passionsgeschichte ohne diese Grundierung liest, wird man sie vom falschen Kontext her verstehen, auf jeden Fall nicht vollständig.

Zwischen Bass und Sopran liegen noch Tenor und Alt. Der Tenor steht für den Schmerz und die Trauer in unserer Welt: für die Zerstörung von Gemeinschaften und sozialen Netzen durch die Globalisierung, für Armut, Gewalt, Drogen und Unsicherheit, die seit der Schließung der Zeche 1993 auch in Easington Colliery Einzug gehalten haben. Für Unglück und plötzliche Katastrophen wie das Grubenunglück von 1951.

Wrights Ansatz: wenn es gelingt, diese Stimme innerhalb des ganzen Liedes zu hören, dann gibt es Hoffnung, auch für sehr desolate Verhältnisse. Schmerz und Sorgen können sich auf eine nicht voraussagbare Weise verändern, wenn sie mit dem Kreuz Jesu in Verbindung gebracht werden.

Schließlich die Altstimme: das ist unser persönliche Geschichte, die wir einzubringen haben in das Lied. Der Alt steht selten im Vordergrund, aber ohne ihn fehlt dem Ganzen etwas, und manchmal hat er eine ganz besondere Aufgabe. Die Karwoche ist eine Einübung, unsere ganz persönliche Melodie im Einklang mit Gottes Melodie zu singen.

So wird dieses Bild eines vierstimmigen Chorsatzes eine Hermeneutik im Kleinen.

Der Beitrag der Bassstimme:

Aus dem Alten Testament lernen wir: Gott will die Welt nicht zerstören und dann wieder ganz von vorne anfangen. Er will die Welt heilen. Dazu hat er sein Volk befreit und das Passafest eingesetzt. Dazu sendet er seinen Knecht, der auf neue Art Gottes Projekt verfolgt. Und deshalb sollen Christen auf seine Art den Gemeinschaften dienen, in denen sie leben. Nicht mit lauten Propagandaaktionen, sondern indem sie demütig und dienend Licht in die dunklen Zonen der Welt bringen.

Der Beitrag des Tenors:

Wenn wir den Schmerz einer Gemeinschaft wie Easington Coliery und die Trauer unseres Herzens in die Leidensgeschichte Jesu hineinbringen, dann werden sie auch Anteil haben an dem Sieg Jesu. Aber wir wissen vorher nicht, wie Gott das Neue hineinbringen wird.

Die Melodie des Soprans:

Die Sünden, für die Jesus starb, waren kein abstrakter theologischer Begriff. In der Passionsgeschte sind die schlimmsten menschlichen Sünden fast vollständig vertreten. Jesus ertrug das Schlimmste, was das Böse einem Menschen antun kann. Aber er hat bis zuletzt mit Liebe geantwortet.

Der Beitrag der Altstimme:

Durch Jesus können wir vermeiden, auf das Böse mit Bösem zu antworten, zynisch zu werden oder uns in eine Opferhaltung bringen zu lassen. Wir können frei von dem werden, was man uns angetan hat. Das ist Vergebung.

Gründonnerstag - Einsetzung des Abendmahls:

Die Eucharistie ist ein Vollzug, der diese Wahrheiten verkündigt (1. Korinther 11,26), und damit ist nicht gemeint, dass das eine gute Gelegenheit wäre, um eine Predigt zum Thema zu halten. Der Vollzug selbst verkündet. In der Karwoche 2007 gab es in Easington Colliery auch die Möglichkeit, Sorgen und Leid auf Zettel zu schreiben, die in einem Korb gesammelt und am Karfreitag zum Kreuz gebracht wurden. Aber in erster Linie ist die Eucharistie das Symbol, in dem dieser Zusammenhang ausgedrückt wird (ein Gedanke, dem ich unbedingt nachgehen möchte).

Karfreitag - der Punkt, auf den alles zuläuft:

Jesaja 53 erzählt eine Geschichte von Gewalt und zerstörtem Menschsein. Aber es ist auch ein Lied über die Frucht des Leidens und Gottes Neuanfang mitten in Dunkelheit und Sinnlosigkeit. Und wenn Johannes die Kreuzigung Jesu beschreibt, dann steht in der Mitte das Wort Jesu: “es ist vollbracht”. So wie Gott am sechsten Schöpfungstag sein Werk abschloss, so beendet Jesu am sechsten Tag der Woche sein Rettungswerk. Gott kam in unser Chaos, hielt bei uns aus und brachte uns so die neue Schöpfung. Dieser Sieg muss jetzt umgesetzt werden (im Englischen hat Wright dafür das treffende Wort “implemented”).

Ostern - der Tag des Sieges:

Zu viele Christen haben Ostern so verstanden, dass Jesus auferstand und in den Himmel ging, und so wäre auch unser Ziel der Himmel bzw. das Paradies. Aber der Himmel bzw. das Paradies ist ein heller Tunnel zum neuen Himmel und zur neuen Erde. Und in Jesu Auferstehung ist schon ein Stück dieser neuen Welt hierher zu uns gekommen. Da ist jemand aus der Zukunft zu uns gekommen und sagt uns, dass wir besser aufstehen und an die Arbeit gehen sollten, weil eine neue Welt angebrochen ist. Wir sollen dafür sorgen, dass sich die neue Schöpfung in der alten ausbreitet. Dazu lassen wir alles Dunkle und Böse am Kreuz zurück.

Dieser kurze Abriss schöpft das Büchlein (80 Seiten) nicht annähernd aus. Besonders die starken lokalen Bezüge machen das Besondere aus und sind eine Ermutigung, selbst welche zu finden. Das Buch bietet einen Abriss der zentralen christlichen Themen in Wrights inspirierender Sicht. Ich werde mit ihm die Passionszeit und Ostern gestalten und habe für eine Predigt am 2. März schon hemmungslos daraus geklaut. Ich kann das Buch nur empfehlen. Hoffentlich findet sich mal ein Verlag, der eine deutsche Übersetzung herausbringt. Aber Wrights geschliffene, mit trockenem Humor gewürzte Sprache ist im Original natürlich ein - vielleicht unübersetzbarer - Genuss.

A community called atonement - Kapitel 8

Übersichtsseite zum Buch

Kapitel 8: Stationen der Sühne/Versöhnung: Inkarnation - der zweite Adam

Die crux-sola-Theologie tendiert dazu, das Leben Jesu zu ignorieren und sich auf seinen Tod zu konzentrieren. Der trinitarische Gedanke der Perichorese betont dagegen die Inkarnation, und durch die gegenwärtige Jesus-Forschung wird diese Tendenz gestärkt. Inkarnation bedeutet: Gott identifiziert sich mit den Menschen, damit wir an Gott teilhaben können (2. Petr. 1,4).
Inkarnation als Identifikation mit den Menschen
Der Name Jesus hat die Bedeutung “Gott mit uns”. Das weist hin auf die Identifikation Jesu mit uns um der Befreiung willen. Seine Identifikation mit uns soll uns zu Gott bringen. Die Inkarnation selbst, als Inbegriff des irdischen Lebens Jesu, ist ein sühnend/versöhnendes Element.
Die Versuchungen Jesu
In der Versuchungsgeschichte Jesu geht es nicht um Methoden, mit Bibelsprüchen Satan abzuwehren. Es geht um die Wiederholung einer vermasselten früheren Situation, entweder der Paradies/Versuchungs- Geschichte aus 1. Mose 3 oder der Prüfungszeit Israels in der Wüste. McKnight entscheidet sich für das Letztere [wobei es da m. E. auch gute Gründe für die erste Möglichkeit gibt, aber vielleicht muss man das gar nicht alternativ sehen]: Jesus wiederholt die Geschichte Israels und revidiert das Versagen in der Wüstenzeit. In ihm und mit ihm beginnt ein neues Volk, das die Wüstenprobe siegreich besteht.
Es gibt weitere Themen, bei denen ein Zusammenhang zwischen Inkarnation und Sühne/Versöhnung deutlich wird:
Jesus, das perfekte Bild Gottes
So wie Adam und Eva zum Bild Gottes bestimmt waren, ist nun - wie Paulus es wiederholt ausführt - Jesus das wirkliche Bild Gottes geworden. Es gehört zum Erlösungsplan Gottes, Menschen in dieses Bild hinein zu verwandeln.
Jesus, der zweite Adam
Ebenfalls Paulus beschreibt Jesus als zweiten Adam: was Adam anrichtete, macht Jesus über die Maßen gut. Sein Leben stoppt den tödlichen Einfluss, dem Adam die Tür geöffnet hatte. Denn sein ganzes Leben, einschließlich des Kreuzes, war ein Leben des Gehorsams. Aus dieser Identifikation mit uns wächst Sühne/Versöhnung.
Übrigens, Jesus wird nicht als zweiter Abraham bezeichnet, d.h., hier wird der ganzen Menschheit ein neuer Start geschenkt.

Die “Unio cum Christo” (Einheit mit Christus)
Bei all diesen von der Inkarnation geprägten Gedanken geht es immer wieder um eine Einheit mit Jesus, durch die er uns in sein Leben aufnimmt. Dadurch wird im Gegenzug sein Leben zu unserem. Weisheit und Gerechtigkeit und Heiligung und Erlösung (1. Kor. 1,30) und alles andere, was ihm gehört, wird unser. Dieser Gedanke der Einheit mit Christus beschreibt Sühne/Versöhnung als Beziehungsgeschehen.
Leider haben das viele reformierte Theologen übersehen. Dagegen ist - mit D. A. Carson - festzuhalten, dass die Imputatio (also die den Nachfolgern Jesu zugerechnete Gerechtigkeit) nicht der Unio cum Christo (also der Einheit mit Jesus) konträr ist. Vielmehr ist die Gemeinschaft mit Christus gerade die Voraussetzung für die Zurechnung der Verdienste und Güter Christi.
Schließlich ist Philipper 2,5-11 die wohl vollständigste Beschreibung des Versöhnungshandelns Gottes in Jesus. Auch hier werden Inkarnation und Erlösung verbunden. Es geht hier um das Leben der christlichen Gemeinschaft, die lernt, nach dem Vorbild Jesu zu leben. Dieses Vorbild bestand in seiner Identifikation mit Menschen bis zum Tode am Kreuz. Das ganze Leben Jesu war darauf ausgerichtet, dass zerstörte Ebenbilder in Gottes Ewigkeit gelangen können und bis dahin auf Jesu Art leben.

Sühne/Versöhnung beginnt in der Perichoresis (dem gemeinschaftlichen Leben der Dreieinigkeit), die Gestalt annimmt in Jesus, dem Sohn Gottes, dem Logos, der die menschliche Wirklichkeit bis zum Tode am Kreuz annimmt, damit wir in diese Perichoresis hineingezogen werden. Dieser ganze Weg Jesu ist der Kontext des Geschehens am Kreuz. Deshalb ist eine auf das Kreuz beschränkte Theorie über Sühne/Versöhnung unbiblisch.

A community called atonement - Kapitel 7

Übersichtsseite zum Buch

Kapitel 7: Stationen der Sühne/Versöhnung: Allein das Kreuz?

Sühne/Versöhnung erzählt immer eine Geschichte davon, wie Menschen als Ebenbilder Gottes geschaffen wurden und was ihre schließliche Bestimmung ist. Dazwischen steht ein Konflikt: wie diese Ebenbildlichkeit zerstört wurde, und was Gott unternahm, um sie zu heilen. Um die Geschichte richtig zu erzählen, werden wir die einzelnen Stationen betrachten, auf denen Gott etwas unternahm, um diesen Konflikt einer Lösung zuzuführen.
Das Zentrum von Sühne/Versöhnung ist das Kreuz. McKnight erinnert kurz an die zentrale Bedeutung des Kreuzes bei Paulus und Luther:

Paulus
Paulus konzentriert das versöhnende Handeln Gottes im Kreuz Jesu. Er benutzt ein vielfältiges Vokabular aus unterschiedlichen Lebensbereichen, um zu schildern, was die Lösung (Loskauf, Gnadenthron, Rechtfertigung, Versöhnung) des Problems (Sklaverei, Sünde, Entfremdung) ist. Aber immer wird die jeweilige Lösung durch ein und dasselbe Ereignis ermöglicht: den Tod Jesu. Er ist das Zentrum der Sühne/Versöhnung.

Luther
Kein anderer Theologe hat so konzentriert das Kreuz zum Schlüssel der Theologie gemacht wie Martin Luther. In der Heidelberger Disputation von 1518 erklärte er: “crux sola est nostra theologia” (das Kreuz allein ist unsere Theologie). Aber umfasst Sühne/Versöhnung nicht mehr als das Kreuz? Aus der Gesamtschau von Luthers Theologie wird deutlich, dass das Kreuz zwar der Schlüssel ist, deswegen aber andere Stationen nicht unter den Tisch fallen.

Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen einer crux-sola-Theologie, die nur Karfreitag im Auge hat, und einer, bei der das Kreuz der methodische Zugang zu allen sühnend/versöhnenden Taten Gottes ist.

In den folgenden Kapiteln wird McKnight versuchen, das Kreuz mit den anderen Elementen wie Auferstehung und Pfingsten zu verbinden. Zuvor aber wird es um die Inkarnation gehen.

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