Übersichtsseite zum Buch
Kapitel 8: Stationen der Sühne/Versöhnung: Inkarnation – der zweite Adam
Der Name Jesus hat die Bedeutung „Gott mit uns“. Das weist hin auf die Identifikation Jesu mit uns um der Befreiung willen. Seine Identifikation mit uns soll uns zu Gott bringen. Die Inkarnation selbst, als Inbegriff des irdischen Lebens Jesu, ist ein sühnend/versöhnendes Element.
In der Versuchungsgeschichte Jesu geht es nicht um Methoden, mit Bibelsprüchen Satan abzuwehren. Es geht um die Wiederholung einer vermasselten früheren Situation, entweder der Paradies/Versuchungs- Geschichte aus 1. Mose 3 oder der Prüfungszeit Israels in der Wüste. McKnight entscheidet sich für das Letztere [wobei es da m. E. auch gute Gründe für die erste Möglichkeit gibt, aber vielleicht muss man das gar nicht alternativ sehen]: Jesus wiederholt die Geschichte Israels und revidiert das Versagen in der Wüstenzeit. In ihm und mit ihm beginnt ein neues Volk, das die Wüstenprobe siegreich besteht.
So wie Adam und Eva zum Bild Gottes bestimmt waren, ist nun – wie Paulus es wiederholt ausführt – Jesus das wirkliche Bild Gottes geworden. Es gehört zum Erlösungsplan Gottes, Menschen in dieses Bild hinein zu verwandeln.
Ebenfalls Paulus beschreibt Jesus als zweiten Adam: was Adam anrichtete, macht Jesus über die Maßen gut. Sein Leben stoppt den tödlichen Einfluss, dem Adam die Tür geöffnet hatte. Denn sein ganzes Leben, einschließlich des Kreuzes, war ein Leben des Gehorsams. Aus dieser Identifikation mit uns wächst Sühne/Versöhnung.
Übrigens, Jesus wird nicht als zweiter Abraham bezeichnet, d.h., hier wird der ganzen Menschheit ein neuer Start geschenkt.
Die „Unio cum Christo“ (Einheit mit Christus)
Bei all diesen von der Inkarnation geprägten Gedanken geht es immer wieder um eine Einheit mit Jesus, durch die er uns in sein Leben aufnimmt. Dadurch wird im Gegenzug sein Leben zu unserem. Weisheit und Gerechtigkeit und Heiligung und Erlösung (1. Kor. 1,30) und alles andere, was ihm gehört, wird unser. Dieser Gedanke der Einheit mit Christus beschreibt Sühne/Versöhnung als Beziehungsgeschehen.
Leider haben das viele reformierte Theologen übersehen. Dagegen ist – mit D. A. Carson – festzuhalten, dass die Imputatio (also die den Nachfolgern Jesu zugerechnete Gerechtigkeit) nicht der Unio cum Christo (also der Einheit mit Jesus) konträr ist. Vielmehr ist die Gemeinschaft mit Christus gerade die Voraussetzung für die Zurechnung der Verdienste und Güter Christi.
Schließlich ist Philipper 2,5-11 die wohl vollständigste Beschreibung des Versöhnungshandelns Gottes in Jesus. Auch hier werden Inkarnation und Erlösung verbunden. Es geht hier um das Leben der christlichen Gemeinschaft, die lernt, nach dem Vorbild Jesu zu leben. Dieses Vorbild bestand in seiner Identifikation mit Menschen bis zum Tode am Kreuz. Das ganze Leben Jesu war darauf ausgerichtet, dass zerstörte Ebenbilder in Gottes Ewigkeit gelangen können und bis dahin auf Jesu Art leben.
Sühne/Versöhnung beginnt in der Perichoresis (dem gemeinschaftlichen Leben der Dreieinigkeit), die Gestalt annimmt in Jesus, dem Sohn Gottes, dem Logos, der die menschliche Wirklichkeit bis zum Tode am Kreuz annimmt, damit wir in diese Perichoresis hineingezogen werden. Dieser ganze Weg Jesu ist der Kontext des Geschehens am Kreuz. Deshalb ist eine auf das Kreuz beschränkte Theorie über Sühne/Versöhnung unbiblisch.



