Archiv für März 2007

[Starfish and Spider] Fazit

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Kapitel 9
Die neue Welt der Unsicherheit

Zu wissen, dass sich die Verhältnisse sehr schnell ändern können, ist natürlich leichter, als solche Verschiebungen auch rechtzeitig vorauszusagen. Deshalb geben Brafman/Beckstrom zehn Orientierungspunkte für eine Welt, in der neue Regeln gelten:

  1. Größe ist keine Überlebensgarantie Weiterlesen ‚[Starfish and Spider] Fazit‘

[Starfish and Spider] Wie Apple die goldene Mitte (er)fand

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Kapitel 8
Die optimale Mitte zwischen Zentralisation und Dezentralisation

Brafman/Beckstrom beschreiben in diesem Kapitel, wie es für eine Organisation immer wieder neu gilt, eine Balance zwischen Zentralisation und Dezentralisation zu finden (den „sweet spot“). Auch dazu gibt es wieder Fallbeispiele:

  1. Peter Drucker suchte in den 1940er Jahren nach dem Geheimnis des Erfolgs von General Motors. Er fand heraus, dass die Firma Verantwortung sehr breit streute und den einzelnen Anteilungen große Selbständigkeit gab – also schon eine Art Hybridorganisation war. Er hielt das für den Schlüssel zum Erfolg und schlug vor, diese Elemente noch zu verstärken. GM enpfand das als Angriff, nach dem Motto: wir sind doch sowieso die Besten – wieso sollen wir etwas ändern? Daraufhin ging Drucker später nach Japan und fand dort offene Ohren. Als Resultat war Toyotas Unternehmenskultur in den 1980er Jahren die weit überlegene. Sie hatten die bessere Balance zwischen Zentralisation und Dezentralisation, zwischen Kreativität und Kontrolle.
  2. eBay setzte sich als führende Auktionsplattform im Internet durch, weil sie – im Unterschied zur Konkurrenz, die das Geschäft selbst in der Hand behielt – einen großen Schritt in Richtung Dezentralisation gingen. Andererseits waren noch genug Kontrollelemente eingebaut (die Verifikation der Bieter etwa). Damit hatte eBay genau den „Sweet Spot“ getroffen, die optimale Balance. Das ist der Punkt, wo am meisten Geld verdient wird.

Entscheidend ist nun, dass dieser optmale Punkt sich dauernd ändert. Das hatte General Motors nicht bedacht. Am Beispiel des Musikgeschäfts zeigen Weiterlesen ‚[Starfish and Spider] Wie Apple die goldene Mitte (er)fand‘

[Starfish and Spider] Das Beste aus beiden Welten?

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Kapitel 7
Die Hybridorganisation

Brafman/Beckstrom stellen in diesem Kapitel Firmen vor, die in einem zentralisierten Rahmen dezentralisierte Zonen schaffen. Sie nennen Organisationen, die „das Beste aus beiden Welten kombinieren“ Hybrid-Organisationen. Drei Beispiele:

  1. eBay
    Die Firma hat klare Strukturen, ein Hauptquartier und eine zentrale Leitung. Andererseits organisiert diese Firma aber ein dezentrales Einkaufserlebnis und lässt die Nutzer Anteil haben an Wissen und Macht – durch das community-gestützte System der Kundenbewertungen. Diese Kombination erklärt den Erfolg von eBay. Und nachdem eBay erst einmal das größte Auktionshaus im Netz war, kam niemand mehr dagegen an (der Netzwerk-Effekt: je größer das Netzwerk schon ist, um so mehr kann es den Benutzern bieten).
  2. Amazon
    Weiterlesen ‚[Starfish and Spider] Das Beste aus beiden Welten?‘

Wieder da

Letzte Woche hab ich meinen PC auf den neuesten Stand gebracht – von Suse 10.0 auf 10.2. Alles aufgeräumt, entrümpelt usw. Jetzt macht es wieder richtig Spaß, dranzusitzen.

Außerdem habe ich Brian McLarens Jesus-Buch gelesen. Wunderbar.

Aber jetzt geht es auch hier bald weiter.

Wirklich.

[Starfish and Spider] Wie bekämpft man einen Seestern?

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Kapitel 6: Wie bekämpft man einen Seestern?

In diesem Kapitel beschreiben Brafman/Beckstrom Strategien, mit denen zentralisierte Organisationen dezentralisierte Netzwerke angreifen können. Einige sind von vornherein zum Scheitern verurteilt, andere aber erfolgversprechend. Ein bisschen merkwürdig ist diese Perspektive schon …
Brafman/Beckstrom beschreiben zunächst die Taktik eines Tierrechts-Aktivisten: er reist durchs Land, trifft sich mit lokalen Tierrechts-Engagierten, baut Gruppen auf, gibt ihnen das nötige Know-How, um z.B. Jagden zu sabotieren und lässt sie dann selbstständig weitermachen. Faktisch entstehen so Ortsgruppen der ALF (Animal Liberation Front).
Die ALF entstand in den 1980er Jahren, als Aktivisten begannnen, in Laboratorien einzudringen und die dort gefangenen Tiere zu befreien.
Wie reagierten die Forschungseinrichtungen? Zunächst hilflos, zumal die Öffentlichkeit jetzt von den Qualen der gefangenen Tiere erfuhr. Das FBI erreichte auch nichts, weil es keine zentrale Organisation gab, die man hätte aufspüren können. Auch wenn es einzelne Gruppen unterwandern konnte, waren die anderen davon unabhängig. So blieb den Laboratorien nichts anderes, als sich mit Sicherheitstechnik in Festungen zu verwandeln.

Das ist das achte Prinzip der Dezentralisation:
Bei einem Angriff neigen zentralisierte Organisationen dazu, sich noch mehr zu zentralisieren.

Die amerikanische Reaktion auf den 11. September 2001 gleicht der Reaktion der Laboratorien. Ebenso hat Al Kaida vieles mit den Tierrechtsaktivisten der ALF gemeinsam. Beide sind im Kern eine Ideologie. Beide stützen sich auf durchschnittliche Menschen, die durch ihre Vernetzung in kleinen Gruppen enorme Macht bekommen. Sie werden verbreitet von Katalysatoren, die in der Lage sind, Empörung in direkte Aktion zu kanalisieren.
In einem kenianischen Slum konnten Brafman/Beckstrom diesen Prozess beobachten. Dort, wo Menschen nichts haben, aber wissen, wie man im reichen Westen lebt, gab es schon eine Al Kaida – Zelle. Über Handy oder Mail sind auch sie mit Gesinnungsfreunden in der ganzen Welt verbunden.
Auf der anderen Seite veränderte der 11. September grundlegend das eigentlich dezentrale US-Regierungssystem. Aber noch nicht einmal mit Erfolg: man kann eine Seestern-Organisation nicht zerschlagen, indem man einen oder mehrere Katalysatoren ausschaltet. Es wachsen neue nach, und die Organisation wird nur noch dezentaler.
Aber Seesterne sind nicht unbesiegbar. Es gibt mindestens drei erfolgversprechende Strategien, um sie anzugreifen:

Strategie 1: Bei der Ideologie ansetzen
Die Ideologie ist die angreifbarste Stelle einer Seestern-Organsiation. In Kenia hat das jedenfalls teilweise über ein Mikrokreditsystem geklappt: eine Bewegung von reproduzierbaren Kleingruppen, deren Mitglieder füreinander bürgen. Diese Bewegung verändert das Grundgefühl in den Slums. Hoffnung keimt auf, jetzt haben Leute, die sich sonst den Terrorzellen angeschlossen hätten, etwas zu verlieren. Aber das geht nur, wenn dahinter ein echter Wille zur Hilfe steht. Propaganda funktioniert nicht. Auch nicht die Anti-Piracy-Clips der Musikindustrie. So blöd sind die Leute nicht.

Strategie 2: Den Gegner zentralisieren
Mit dieser Methode besiegten die USA schließlich die Apachen, nachdem Spanier und Mexikaner gescheitert waren. Auch sie schafften es nicht, die Nant’ans (die spirituellen Führer) auszurotten – es wuchsen immer wieder neue nach. Deshalb gaben die Amerikaner den Nant’ans Kühe. Das war alles. Aber dadurch wandelte sich die Macht der Nant’ans. Vorher hatten sie allein durch ihr Beispiel geleitet. Jetzt hatten sie ökonomische Macht. Von Stund an gab es Rangeleien unter den Nant’ans um Einfluss, Kampf um materielle Vorteile, es entwickelte sich eine Hierarchie. Das zerstörte das Sozialgefüge der Apachen. Von da ab konnten die USA sie kontrollieren.
In eine ähnliche Krise gerieten die Anonymen Alkoholiker, als sie unvorhergesehene große Einnahmen aus dem Vertrieb ihrer Literatur erzielten. Dadurch entstand eine Tendenz zur Zentralisation, und ebenso Ärger an der Basis über die Zentrale, die sich teure Gebäude leistete.
Ob Apachen oder AAs: wenn Leute materielles Eigentum zu verlieren haben, überzeugt sie das plötzlich von den Vorzügen eines zentralisierten Systems, das ihre Interessen schützt. Also, gib den Katalysatoren Eigentum, und sie werden zum Konzernvorstand. Wollte man also Wikipedia kaputt machen, müsste man nur für kräftige Einnahmen sorgen. Und hätten die Musik-Labels Napster rechtzeitig akzeptiert und ein Geschäftsmodell dafür entwickelt, hätten sie die Lawine gestoppt, bevor sie richtig ins Rollen gekommen wäre.
Was ist aber, wenn man an die internen Strukturen des Gegners nicht herankommt? Dann hilft nur noch die

Strategie 3: Selbst zum Seestern werden
Man kann einen Seestern auch mit seinen eigenen Mitteln bekämpfen. In einem muslimischen Land hat die Regierung nach dem Seestern-Muster Todesschwadronen gebildet: örtliche Polizei- und Militärkräfte, die sich vor Ort auskennen und nachts auf die Jagd nach Al Kaida-Leuten gehen. Die Regierung stellt nur die Munition und keine Fragen. Und es funktioniert. Al Kaida ist in der Defensive.

Auf jeden Fall zeigt sich, dass die neue Herausforderung neue Strategien braucht. Und die beste ist wahrscheinlich die Combo-Strategie, die beide Ansätze (zentral und dezentral) kombiniert. Dazu das nächste Kapitel.

Kommentar:
Dieses Kapitel hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck.
Es ist interessant, die Parallelen zur Staatskirche zu sehen: mach aus Aposteln und Propheten brave Pastoren, Kirchenvorstände und Bischöfe, die Verfügungsmacht über Geld haben, und sofort werden sie weniger an Jesus denken als an ihre Pfründe, Planstelle usw. und wie man die sichert. Es hat seinen praktischen Grund, dass Jesus vor dem Mammon warnte und Franziskus darum kämpfte, dass seine Bewegung arm bleiben konnte.
Auf der anderen Seite graust es einem, wenn man sieht, wie hier sehr deutlich die Counterinsurgency-Strategie skizziert wird. Die schafft langfristig keine Sicherheit, weil die Todesschwadronen eben auch nicht mehr zu kontrollieren sind, und (wie man etwa in Südamerika sehen kann) immer mehr zu Mörderbanden oder Kriminellen werden. Man schwingt sich nicht ungestraft zum Herrn über Leben und Tod auf. Es kann keine Lösung sein, Terror mit Terror zu bekämpfen. Da machen die Dämonen der Gewalt auf jeder Seite freudig mit. Die Taliban sind ja ursprünglich von den USA in Afghanistan gegen die UdSSR aufgerüstet worden. Saddam Hussein war der Büttel gegen den Iran, und da hatte man gar nichts gegen sein Giftgas. Also, technisch gesehen haben Brafman/Beckstrom Recht, aber die Strategie 3 ist nicht zu Ende gedacht. Da machen sie eine Büchse der Pandora auf. Man merkt, dass ihnen dabei auch nicht ganz wohl ist.
Strategie 1 dagegen ist die wirkliche Alternative. Ein Seestern, der ehrlich bei der Not der Menschen ansetzt, wird dem Terror den Boden entziehen. Es ist letztlich ein Kampf um die Herzen, und der ist nur mit gelebter Wahrheit zu gewinnen, nicht mit Bomben. Die Ortsgemeinde ist die Rettung der Welt. Sie braucht dafür keine Glocken, Orgel, Talare usw.
Aber unsere westliche Vormacht gibt ja lieber Geld fürs Militär aus als für Entwicklungshilfe, und wenn doch, dann lieber für profitable Mammutprojekte als für Mikrokredite. Es ist eben unangenehm, sich einzugestehen, dass man eigentlich werben müsste um die Zustimmung von armen, stinkenden Leuten, die man von Herzen verachtet. Und wir alle werden es ausbaden müssen, dass Bushs „Krieg gegen den Terror“ Al Kaida erst so richtig stark gemacht hat. Das sehen Brafman/Beckstron wohl auch so.
Nach der Lektüre dieses Kapitels stellt sich mir schon die Frage, wie Brafman/Beckstrom sich eigentlich verstehen? Als aufgeklärte Regierungsberater? Aber sei’s drum, lernen kann man von ihnen, und das nicht zu knapp.

Da ist das Ende

Eine gut verständliche Übersicht über die Situation am Ende der Konstantinischen Ära findet man in einer Zusammenfassung des Buches von Start Murray: „Post-Christendom: Church and Mission in a Strange New World“ auf dem Coachnet-Blog „Mehr-und-bessere-Gemeinden„. Vor allem sind hier auch zunächst bescheidene, aber realistische Perspektiven aufgezeigt, wie man in dieser Situation weitermachen sollte. Insbesondere die deutliche Absage an die rückwärtsgewandten schnellen Erweckungs-Prophetien überzeugt mich.

Einige Zitate:

„Gemeinde ist eigentlich recht einfach“, meint Murray. „Sie besteht im wesentlichen aus Freundschaft als beziehungsmäßigem Paradigma, aus gemeinsamem Essen und Lachen.“

Gerade in unserem Land wird „Erweckung“ regelmäßig angesagt. In der Regel erwartet man – neben vielen Bekehrungen – eine Wiederherstellung flächendeckender christlicher Kultur und ganze gesellschaftliche Bereiche, die „wieder“ vom Evangelium geprägt werden. Angesichts der Tatsache, dass die christlich geprägte Kultur in Westeuropa an ihr Ende kommt, ist immer mehr denkenden Christen bei dieser Perspektive nicht wohl.

Akzeptiert euren Status als Gemeinschaften am Rande der Gesellschaft.

Meidet kurzfristige Perspektiven, strebt nachhaltige Transformation an.

Der Umzug von der Mitte der Gesellschaft an die Ränder, von privilegierter Religion zu einer Stimme unter vielen und von aufgezwungenem Glauben zu radikaler Freiwilligkeit wird dem Christentum gut tun. Immerhin hat es ja auch so angefangen.

Chaos auf deutsch

Den Anhang von Alan Hirschs Buch „The Forgotten Ways“ gibt es hier auf deutsch zum Runterladen als PDF-Datei. Der verheißungsvolle Titel: „A Crash Course in Chaos“.


Tiefebene endet – neuer Blog „Walters Werkstatt“

Nach knapp sechs Jahren habe ich diesen Blog eingestellt und eine neue Webpräsenz eingerichtet:
"Walters Werkstatt. Theologie, Politik und Kirche: Texte aus der norddeutschen Tiefebene". Dort werde ich in Zukunft alle meine Texte sammeln. Auch die bisherigen "Tiefebene"-Texte finden sich in Walters Werkstatt..
Also, wenn du von mir lesen möchtest, dann komm in Zukunft dorthin. Hier werden nur noch für eine Übergangszeit Hinweise auf Veröffentlichungen in "Walters Werkstatt" erscheinen.

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