Archiv für April 2007

Erneuerung der Christenheit nach Dietrich Bonhoeffer (1)

Viele Impulse zur Erneuerung, die sich unter dem Titel „emerging church“ bündeln (eine gute Übersicht dazu findet man jetzt hier im Blog von Simon), kommen aus englischsprachigen Ländern. Im Gegensatz zu einigen anderen ist mir das überhaupt kein Problem. Trotzdem leben wir aber doch in einem etwas anderen Kontext, und deshalb sollten wir auch nach Erneuerungsimpulsen Ausschau halten, die in unserem Kontext entstanden sind.
Ein wirklich visionärer Denker ist für mich da immer Dietrich Bonhoeffer gewesen. Was er – insbesondere in seinem letzten Gefängnisjahr – schon gesehen hat, harrt bis heute noch seiner Umsetzung. Er war einsame Spitze, und zwar auch und gerade in dem Sinn, dass meines Wissens kaum ein anderer damals schon so tiefgehend den Umbruch vom konstantinischen zum nachkonstantinischen Christentum vorausgesehen, begrüßt und durchdacht hat. Das möchte ich in einigen Posts auf diesem Blog darstellen.

„… auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen“ schreibt Bonhoeffer in den Gedanken zur Taufe seines Patenkindes Dietrich Wilhelm Rüdiger Bethge im Mai 1944. „Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das ist alles so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können.“
Das klingt nach etwas anderem als nur nach einem neuen theologischen Fündlein. Dietrich Bonhoeffers Suchbewegung, die ihn ins Theologiestudium, nach Amerika (ans Union Theological Seminary und in die schwarzen Gemeinden von Harlem), in die Lebensgemeinschaft eines illegalen Predigerseminars, in den politischen Widerstand gegen Hitler und schließlich ins Gefängnis geführt hat, kommt an ihren entscheidenden Punkt. Weniger als 12 Monate hat er noch zu leben. Und er lernt noch einmal Dinge, die er in dieser Zeit wohl nirgendwo anders lernen konnte:

  • Dekonstruktion: alle bisherigen theologischen Worte werden noch einmal frag-würdig. Das ganze Gebäude kommt ins Wanken. Bonhoeffer ist ja theologisch in den Spuren Karl Barths gegangen, für den der erste Weltkrieg ein Anlass war, theologisch noch einmal ganz von vorne anzufangen. Bei Bonhoeffer verschärft sich das. „… unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun.“
  • Das Ende der Moderne: Schon in seiner „Ethik“ hatte Bonhoeffer den Aufstieg der Moderne am Ende des Mittelalters beschrieben und ihre inneren Widersprüche beschrieben. Ein ihr wesentliches Element ist die befreite ratio. Nun schreibt er: „Wir haben die Bedeutung des Vernünftigen und Gerechten auch im Geschichtsablauf immer wieder überschätzt.“ Er beschreibt die Unterschiede zwischen Amerika und Europa; und er weist (in der „Ethik“) auf die stärkere Verbindung zwischen Kirche und Moderne in Amerika hin: „Der Anspruch der Gemeinde der Gläubigen, mit christlichen Prinzipien die Welt aufzubauen, endet, wie ein Blick in den New Yorker Kirchenzettel zur Genüge zeigt, in dem völligen Verfall der Kirche an die Welt.“
    [allerdings würde Bonhoeffer als Gegenmittel sicher nicht „mehr Kerzen“ nennen]
  • Kulturbrüche, neue Unübersichtlichkeit: Bonhoeffer beschreibt verschiedene Traditionslinien/Milieus der europäischen christlichen Überlieferung und beendet diese Schilderung so: „Bis du groß bist, wird das alte Dorfpfarrhaus ebenso wie das alte Bürgerhaus eine versunkene Welt sein.“ Er redet von den kommenden Jahren der Umwälzungen und der Verstädterung des Landes und davon, dass „unser Leben im Unterschied zu dem unserer Eltern gestaltlos oder doch fragmentarisch geworden ist.“ Und trotzdem ist er sich sicher, dass er „nicht in einer anderen Zeit leben wollte als der unseren“.

So weit zu Bonhoeffers Gedanken über die Diagnose der Zeit. Hier finden sich schon Elemente, die viel später unter dem Stichwort des Postmodernen auftauchen. Und er fragt danach, wie man in dieser neuen (von ihm noch nicht postmodern genannten) Epoche wird leben und glauben können. Das Bewusstsein, an einem entscheidenden Wendepunkt der Geschichte zu stehen, verbindet sich mit der Hoffnung, dass sich hier eine Chance bietet, vieles besser zu machen.
Mit den Sackgassen der Vergangenheit setzt er sich vor allem unter dem Stichwort des „Religiösen“ auseinander. Deshalb wird der nächste Post über Bonhoeffers Sicht auf das, was er „religiös“ nennt, handeln.

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Jesus erklärt die Bibel

Haso beschreibt Jesus als jemanden, der uns ermutigt, auch in der Bibelauslegung auf unser eigenes Herz zu hören.
Er endet: „In welcher bibeltreuen Gemeinde oder an welcher theologischen Ausbildungsstätte käme Jesus mit dieser Hermeneutik durch?“
Interessant zu bedenken!

Konfirmation

Am Wochenende war bei uns Konfirmation, deswegen hatte ich beim Bloggen eine längere Pause eingelegt. In diesem Jahr ist es gut gelaufen – wir hatten eine Gruppe, die im letzten Jahr richtig gut zusammengewachsen ist, mit den Eltern haben wir uns prima verstanden (bei uns arbeiten Eltern im Konfirmandenunterricht mit – ungefähr 30 % der Familien sind dabei vertreten) und jetzt die Konfirmation war auch sehr schön.
Trotzdem spüre ich – und zwar ganz besonders in den Momenten, wo es gut läuft! – sehr deutlich die Begrenzungen des gesellschaftlichen Musters, nach dem bei uns Christentum funktioniert. Ich versuche es zu formulieren: ihr Kirchenleute erledigt für uns die Sache mit Gott. Irgendwer muss es ja wohl machen. Wir freuen uns, wenn ihr es gut macht, wir schätzen euch dann, wir bezahlen euch, wir machen auch in Grenzen mit – aber bewahrt uns davor, allzu tief da hineingezogen zu werden.
So ist das wohl kaum von jemandem formuliert worden, aber so funktioniert es. Ganz selbstverständlich und ohne dass man da groß drüber nachdenken müsste. Auch relativ unabhängig von der Qualität kirchlicher Arbeit. Alle Gemeindearbeit steht unter diesem Vorzeichen – schön, wenn dann in der Klammer gute Dinge geschehen. Aber die Klammer bleibt.
Das ist der gesellschaftliche Kompromiss zwischen Gesellschaft und Kirche. Er kann von der Kirche nicht einseitig verändert werden, weil es ja ein Gegenüber gibt, das dabei mitspielen muss. Übrigens: auch eine Freikirche kommt da nicht einfach raus. Aber es ist natürlich die Frage, ob die Kirche diesen Status Quo auch selbst akzeptiert und richtig findet.
Wir wissen aus der Paartherapie: wenn von zwei Partnern einer sich ändert, dann kann der andere auf die Dauer auch nicht so bleiben, wie er ist. Also geht es zuerst darum, uns selbst zu verändern. Die Organisationsgeschichte neu zu erzählen. Mit ein bisschen Kosmetik und Modernisierung ist es da wirklich nicht getan.

Das Volk der Auferstehung

Mit müden Augen sehen sie das Licht
und lassen hinter sich die Spuren dunkler Jahre
in ihren Augen spiegelt sich Erkennen
für einen Augenblick enthüllt sich, wer sie sind
gesandt, begabt, befreit, geliebt, entronnen,
verstehen wir noch ohne zu versteh’n.

Für einen Augenblick enthüllt sich, wer sie sind
strahlt auf der Glanz, der lange sich verbarg.
Die Macht der Fesseln ist verschwunden.
Ein leichter Sieg. Geflohen ist der Feind
im ersten Schreck und sammelt seine Kräfte neu.
Der Schleier ist gefallen. Für einen Augenblick
weht Luft der Freiheit. Wir sehen das Gelobte Land.

Erweck dein Volk der Auferstehung
zum Leben ohne Grenzen.
Führ uns aus dieser Wüste.
Die ersten Früchte werden reif.
Wann wird ein Ende sein für dunkle Jahre?
Wann wird der Friede wohnen?
Wann wird der Schleier
zerrissen?

Wer sind wir?

Johannes Kleske verdanke ich den Hinweis auf einen schönen Persönlichkeitstest im Internet. Nur vier Klicks, und du hast dich selbst erkannt. Und was Johannes schreibt, kann ich bestätigen: ich fühlte mich auch gut beschrieben.

Landeskirche und Freikirche

Wenn ich es recht sehe, dann gehören die meisten in der „emergent“-Blogosphäre entweder in selbständige christliche Gemeinschaften, Freikirchen oder landeskirchliche Gemeinden besonderen Typs. Ein bisschen exotisch komme ich mir da schon vor als Pastor einer ländlichen landeskirchlichen Ortsgemeinde. Deswegen schreibe ich heute etwas darüber, was ich als unterschiedliche Perspektive von Landes- und Freikirchen wahrnehme.

  • Zunächst einmal: der Unterschied liegt eigentlich nicht in der Theologie. In all den Diskussionen über das Ende der „Christendom“-Ära wird deutlich, dass aus dieser Perspektive gar kein großer Unterschied zwischen Landes- und Freikirchen ist. Oder, anders gesagt: die Freikirchen haben sich organisatorisch von der Staatskirche getrennt, sind ihr aber theologisch an den entscheidenden Punkten treu geblieben. Aus der Post-Christendom-Sicht rücken Gegensätze wie Kinder/Glaubenstaufe, Mitgliedschafts- oder Entscheidungschristentum, ja sogar die Frage nach den Charismen in die zweite bis dritte Reihe. Weiterlesen ‚Landeskirche und Freikirche‘

Tiefebene endet – neuer Blog „Walters Werkstatt“

Nach knapp sechs Jahren habe ich diesen Blog eingestellt und eine neue Webpräsenz eingerichtet:
"Walters Werkstatt. Theologie, Politik und Kirche: Texte aus der norddeutschen Tiefebene". Dort werde ich in Zukunft alle meine Texte sammeln. Auch die bisherigen "Tiefebene"-Texte finden sich in Walters Werkstatt..
Also, wenn du von mir lesen möchtest, dann komm in Zukunft dorthin. Hier werden nur noch für eine Übergangszeit Hinweise auf Veröffentlichungen in "Walters Werkstatt" erscheinen.

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