Markus 1,1-8 – Die Ouvertüre: Das Exil geht zu Ende

Jesus hat eine Vorgeschichte: Anknüpfend an die unerfüllten Verheißungen der Exilszeit weckt Johannes der Täufer die Erwartung, dass Gott in Kürze die entscheidenden Dinge tun wird. Das Alte Testament gibt den Rahmen ab, von dem her Jesu Geschichte gelesen werden muss.

1 Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. 2 Wie geschrieben steht im Propheten Jesaja: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten soll.« 3 »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!« (Maleachi 3,1; Jesaja 40,3): 4 Johannes der Täufer war in der Wüste und predigte die Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden. 5 Und es ging zu ihm hinaus das ganze jüdische Land und alle Leute von Jerusalem und ließen sich von ihm taufen im Jordan und bekannten ihre Sünden. 6 Johannes aber trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Lenden und aß Heuschrecken und wilden Honig 7 und predigte und sprach: Es kommt einer nach mir, der ist stärker als ich; und ich bin nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe löse. 8 Ich taufe euch mit Wasser; aber er wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

Markus beginnt mit einem Rückblick in die Zeit des Exils: Israel hatte seine Selbständigkeit verloren und war fremden Mächten ausgeliefert. Gott hatte versprochen, dass er seinem Volk zu Hilfe kommen würde. Aber Israel ist immer noch im Exil, diesmal im eigenen Land: unterworfen, abhängig von fremden Mächten, in seiner Identität bedroht, nicht in der Lage, in politischer Autonomie über die eigene Lebensführung zu entscheiden. Aus Ägypten hatte Gott sein Volk befreit, aber inzwischen ist Ägypten überall. Das römische Imperium beherrscht beinahe die ganze bekannte Welt. Man kann nicht mehr einfach in ein anderes Land fliehen.

Aber jetzt kommt Bewegung in die alten Verheißungen. Die prophetische Umkehrpredigt wird wieder lebendig: schuvu, kehrt um! Lauft nicht in euer Verderben, sondern gebt eurem Leben eine neue Richtung! Noch im griechischen Text des NT ist das mit metanoeite gut wiedergegeben: umdenken, neue Software aufspielen, ein ganzes neues Betriebssystem. Das ist zwar schon etwas theoretischer als das hebräische „Umkehren“, beschreibt aber noch sehr deutlich einen Neuanfang. Erst bei der Übersetzung ins Latein ist da poenitentia draus geworden, Buße. Eine rückwärtsgewandte Form des Verhaftetseins an Schuld wird im staatskirchlichen Christentum an die Stelle des befreienden Neuanfangs treten, bis hin zu Luthers Thesenanschlag: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus sagt ‚Tut Buße‘ usw. (Matth. 4,17), wollte er, dass das ganze Leben des Gläubigen Buße sein sollte“. Der Protestantismus wurde eine ernste Religion.

Dagegen Ernst Bloch:

„Da geht einer in sich. Das bessert ihn, wie er meint. Doch das merkt niemand, bleibt er darin zu lange. Er tritt dann oft nur auf sich selber herum.“

Johannes muss aber in der Tradition des Alten Testaments gesehen werden: in einem unauflöslichen Ineinander von (wie wir heute sagen würden) sozialen, politischen, religiösen, moralischen, persönlichen Ebenen predigt er die „Taufe der Umkehr“. Taufe ist ein Zeichen des Bruchs, des Neuanfangs, der Befreiung vom Alten. Sie symbolisiert weniger ein sündenbefreiendes Abgewaschenwerden, sondern ein Ertränken des Alten und ein Auftauchen zum neuen Leben. Deswegen wird Paulus später Taufe und Kreuzigung zusammenbringen. Aber so weit sind wir noch nicht. Noch steht Johannes in der Wüste, im Niemandsland, außerhalb der Zivilisation. Er ernährt sich naturbelassen (das Beste, was ich dazu gelesen habe: Der Honig war dafür da, dass man die Heuschrecken nicht so schmeckte). Wer dem Imperium entgehen will, muss in die Einöde. Auch Jesus wird da häufig sein. Beide werden viele Menschen in diese öden Gegenden locken. „Liminalität“ nennt das (in „Exiles“) Michael Frost. Eine Situation jenseits der gesellschaftlichen „Normalität“. Ein paar Jahrhunderte später werden die ersten christlichen Einsiedler es Johannes nachmachen und aus der „christlich“ gewordenen Welt in die Wüste fliehen.

Trotzdem: das alles ist es noch nicht. Johannes mischt die Leute schon mal auf. Das ist gut. Sie ahnen, dass etwas in Bewegung geraten ist. Aber auch Johannes wartet noch auf den Geist. Die Energie des Neuanfangs muss erst noch kommen. Wenn die ausbleibt, steht Johannes dumm da.

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