Archiv für September 2007

„Starfish and Spider“ wieder vollständig

Nachdem nun auch noch Emergent Deutschland meine Inhaltsangaben des „legendären“ Buches von Brafman/Beckstrom verlinkt hat, musste ich ja wohl das verschollene 6. Kapitel nachreichen. Ihr findet es hier.

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Markus 1,29 – 39 – Die Ouvertüre: Jesus wird nicht verstanden

Markus beschreibt schon in der Ouvertüre seines Werkes den Interessenkonflikt, der immer wieder zwischen Jesus und dem Volk entsteht: während die Menschen sich auf seine Heilungen fixieren, möchte er sie als Ausfluss von etwas Größerem verstanden wissen. Erste Sollbruchstellen zeichnen sich ab.

29 Und alsbald gingen sie aus der Synagoge und kamen in das Haus des Simon und Andreas mit Jakobus und Johannes. 30 Und die Schwiegermutter Simons lag darnieder und hatte das Fieber; und alsbald sagten sie ihm von ihr. 31 Da trat er zu ihr, fasste sie bei der Hand und richtete sie auf; und das Fieber verließ sie und sie diente ihnen. 32 Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. 33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. 34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn. 35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. 36 Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach. 37 Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. 38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. 39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.

Kurze Verschnaufpause bei Simon-Petrus und Andreas, so dass wir erfahren können, dass der (zukünftige) erste Papst verheiratet war. Dann geht es voll weiter mit Heilungen, und sofort (in der Ouvertüre tauchen alle Motive des ganzen Werkes schon mal auf) gibt es auch einen Dissens mit den Menschen, denen Jesus hilft: sie umstellen ihn förmlich, möchten ihn in ihrer Mitte behalten, in ihre Lebenslogik einbauen. Aber Jesus ist nicht gekommen, um der Hausarzt von Kapernaum zu werden.
Nach diesem Tag, der sicher auch für ihn anstrengend und beeindruckend war, tut er das einzig Richtige: raus aus der Stadt, zu sich selbst und zu Gott kommen, hören, die Dinge, die er erlebt hat, einordnen. Anscheinend geht das in der Stadt mit den vielen Menschen nicht. Deshalb geht er raus in die Berge, betet und erlebt dort den Sonnenaufgang. So bleibt er unabhängig, orientiert sich an seinem Vater im Himmel. Und der sagt ihm: Zeit zum Weiterziehen!
Ist das „Stille Zeit“? Auf jeden Fall bekommt Jesus hier nicht „Kraft für den Tag“, sondern Rückendeckung, um den Tag zu ändern. Gott macht ihn konfliktfähig.
Die Jünger stehen in dieser Auseinandersetzung auf der anderen Seite, machen sich zum Sprachrohr der Kapernaiten (was für ein Wort …). Und das mit dem dümmsten aller Argumente: Wenn alle dich suchen – dann musst du doch kommen. Sie müssen noch viel lernen.
Jesus denkt gar nicht daran, sich dem Diktat der „alle“ zu beugen. Alles, was er tut, steht unter dem Vorzeichen, dass das Reich Gottes kommt und ausgebreitet werden muss. Wenn er in Kapernaum bleibt, bis alle geheilt sind, wird das nie was. Also: Aufbruch. Wem das nicht reicht, der kann ja mitkommen.
Ortswechsel gehört zur Strategie Jesu: so muss er sich nicht in den Rahmen anderer einfügen, sondern formt eine Gemeinschaft, die ihrer eigenen Logik folgt. Seiner Logik des Reiches Gottes.

Aus dem Gottesdienst heute

Einige baten mich um den Text des Gebets, das ich heute im Gottesdienst im Anschluss an die Predigt vorgelesen habe. Ich bin da immer etwas zurückhaltend, weil ich finde, dass solche Texte gesprochen etwas ganz anderes sind, als wenn man sie später liest. Dennoch folgt hier das Gebet; es stammt von Richard Foster aus seinem Buch „Gottes Herz steht allen offen. Eine Einladung zum Gebet“ (S. 260f). DoSi hatte mich in seinem Blog wieder daran erinnert. Seiner Übersetzung folge ich hier im Wesentlichen:

In dem starken Namen Jesu Christi stehe ich gegen die Welt, das Fleisch und den Teufel. Ich widerstehe jeder Kraft, die mich von meinem Zentrum in Gott wegziehen will. Ich weise die verdrehten Konzepte und Gedanken zurück, die Sünde plausibel und wünschenswert erscheinen lassen. Ich stehe auf gegen jeden Versuch, der mich von umfassender Gemeinschaft mit Gott abhalten will.
In der Kraft des Heiligen Geistes spreche ich direkt zu den Gedanken, Emotionen und Sehnsüchten meines Herzens und gebiete euch, in der unendlichen Mannigfaltigkeit Gottes Zufriedenheit zu finden anstatt im faden Speiseplan der Sünde. Ich rufe das Gute, Wahre und Schöne in mir zum Aufstieg und das Böse zum Abklang. Ich bitte um ein Anwachsen in Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.
In der Autorität des allmächtigen Gottes reiße ich die Festungen Satans in meinem Leben nieder, im Leben derer, die ich liebe und in der Gesellschaft, in der ich lebe. Ich ergreife die Waffen der Wahrheit, der Gerechtigkeit, des Friedens, der Rettung, des Wortes Gottes und des Gebets. Ich gebiete jedem Einfluß des Bösen zu gehen: ihr habt hier kein Recht und ich gewähre euch keinen Zutritt. Ich bitte um ein Anwachsen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, so daß ich durch die Kraft Gottes ein Licht auf dem Berg sein kann, das Wahrheit und Gerechtigkeit zum Blühen bringt. Dies bitte ich im Namen dessen, der mich geliebt und sich selbst für mich gegeben hat. Amen.

Mit dem richtigen Anfang anfangen (Karl Barth)

Was ist der Anfang, wenn man das Evangelium erklären will? Ist es die menschliche Sünde und Unzulänglichkeit, oder nicht eher die Schöpfung und Berufung des Menschen zum Ebenbild Gottes und zu einem Leben voll Freude vor IHM? Womit man anfängt, das setzt schon den Rahmen, in dem die Antwort liegen wird. Wer mit der Sünde einsetzt, wird es in der Regel schwer haben mit dem Können und dem Werk des Menschen, und auch die Freude wird misstrauisch angesehen werden. Dieser Gedanke ist in „Emergent“-Kreisen nicht neu. Die üblichen Verdächtigen (insbesondere Augustin) sind schnell benannt.
Ich habe jetzt bei Karl Barth eine Überlegung aus dem Jahre 1955 (Kirchliche Dogmatik IV/2,258) gefunden, die in die gleiche Richtung geht – nur dass hier als besserer Bezugsrahmen nicht die Schöpfung, sondern das Reich Gottes und die dadurch geschehene Befreiung von den Todesmächten benannt wird. Aber das ist kein Gegensatz. Im Reich Gottes geht es ja gerade um die Befreiung der Schöpfung zur Freiheit der Kinder Gottes.

Wie war es nur möglich, dass die Reformation und dann – auf den Wegen Luthers und auf denen Calvins – der ganze alte und erst recht der neue Protestantismus, von gewissen Einzelgängern abgesehen, diese im Neuen Testament doch so klar bezeugte Dimension des Evangeliums: seine Kraft als Botschaft der erbarmungsvoll mächtigen, vorbehaltlos vollzogenen Befreiung, eben von der Phthora [dem Verderben], vom Tode, vom Bösen als der Gewalt des Üblen, so gänzlich übersehen konnte? Wie kam es, dass der Protestantismus im Ganzen – Augustin, dem „Vater des Abendlandes“ nur zu getreu – sich so einseitig anthropologisch (am Problem der Buße, statt an deren Voraussetzung: dem Reiche Gottes!) orientieren, und das hieß dann im Resultat: zu einer so einseitig moralischen und darum so glanzlosen, der Frage nach dem Menschen selbst gegenüber so gleichgültigen und darum so unfreudigen Angelegenheit werden musste?

Übrigens erwartet Barth vom Katholizismus da erst recht nichts Besseres, konstatiert aber, dass in der ostkirchlichen Tradition noch einiges zu finden sei. Schade, dass bei Barth viele Schätze in den Tausenden von Seiten der Kirchlichen Dogmatik doch sehr versteckt sind. Und seine oft sehr breit ausformulierten Sätze sind auch nicht jedermanns Sache. Trotzdem, für alle, die sich von dem Zitat oben nicht haben entmutigen lassen, hier noch der Folgesatz:

Wie war es nur möglich, dass man auch das übersehen konnte: welche strahlende Begründung und Bestätigung gerade [für] die spezifisch reformatorische Lehre von der Rechtfertigung und von der Heiligung man sich damit entgehen ließ, dass man nicht ganz anders auf den gerade in den Wundertaten Jesu, in diesen „Werken Gottes“ sichtbaren Charakter der Selbstoffenbarung Gottes in ihm, dem Menschensohn, achtete: eben auf die Freiheit der in ihm erschienenen Gnade?

Das bedeutet: die Konzentration auf Schuld und Buße ist eine anthropologische Engführung. Erst von der Revolution des Reiches Gottes her bekommen die Fragen von Moral, persönlichem Heil usw. ihren angemessenen Platz. Es geht um Befreiung von den Todesmächten, die diese Welt in ihren Fängen halten. Werden Sünde und Buße von diesem größeren Zusammenhang isoliert und zum Zentrum gemacht, dann bekommt man all die Probleme, die die Rechtfertigungslehre für Denken und Lebenspraxis mit sich bringt, wenn sie vom Schuldparadigma dominiert wird.


Tiefebene endet – neuer Blog „Walters Werkstatt“

Nach knapp sechs Jahren habe ich diesen Blog eingestellt und eine neue Webpräsenz eingerichtet:
"Walters Werkstatt. Theologie, Politik und Kirche: Texte aus der norddeutschen Tiefebene". Dort werde ich in Zukunft alle meine Texte sammeln. Auch die bisherigen "Tiefebene"-Texte finden sich in Walters Werkstatt..
Also, wenn du von mir lesen möchtest, dann komm in Zukunft dorthin. Hier werden nur noch für eine Übergangszeit Hinweise auf Veröffentlichungen in "Walters Werkstatt" erscheinen.

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