Archiv für Oktober 2007

A community called atonement: Zwischenbilanz am Ende von Teil EIN

Serie zum Buch „A community called atonement“ von Scot McKnight
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Zwischenbilanz am Ende von Teil EINS

Scot McKnight hat mit dem Thema dieses Buches einen entscheidenden Punkt angesprochen. Dass im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu mehr passiert ist, als dass ein großer Lehrer der Menschheit einen schlimmen Tod starb und trotzdem irgendwie weiterwirkt, das behauptet die Bibel sehr deutlich. Dass dies ein zentrales Anliegen des Neuen Testaments ist, das ist überall mit Händen zu greifen. Die bürgerlich liberale Theologie der Neuzeit hat damit trotzdem nie viel anfangen können und Jesus lieber auf eine moralische Figur reduziert (von national über innerlich oder revolutionär bis feministisch).
Aber auf der anderen Seite hat die stärker biblisch orientierte Theologie sich immer schwergetan, wenn sie darlegen sollte, was sich denn nun durch das Heilsgeschehen real ändert im Leben der Christen. Klar, die Frage, wo man die Ewigkeit zubringen würde, bekam eine Antwort. Aber was ist von einer Antwort zu halten, die über den Himmel Auskunft gibt und für die Erde nicht viel beisteuern kann? Die Auskünfte, die hier gegeben werden, dass die ewige Rettung ja für das irdische Verhalten Konsequenzen haben „muss“, „sollte“ oder „dass es nicht anders sein kann, als dass …“ zeugen eher von Hilflosigkeit. Diese Hilflosigkeit findet sich schon bei Luther, auf den ein großer Teil der evangelikalen Theologie aufsetzt. Das Problem: die empirischen Effekte der Sühne/Versöhnung sind in der Regel nicht im Kern der Theologie angesiedelt, sondern eher in den Konsequenzen; in der Kür, aber nicht in der Pflicht. Also können sie zur Not auch wegfallen.
McKnight gebührt das Verdienst, diese Frage gleich im ersten Kapitel zu thematisieren: Does Atonement Work? Was bewirkt das Heilsgeschehen im Leben der Christen? Dahinter darf die Diskussion nicht mehr zurück. Hat das Erlösungswerk Jesu reale Auswirkungen? Hier zeigt sich das hilfreiche Potential der postmodernen Frage danach, ob eine Theorie funktioniert (die die Frage nach der Wahrheit z.T. ersetzt – möge man das gut finden oder nicht).
Um an diesem Punkt nicht zu tiefe Gräben aufzureißen, benutzt McKnight die Golfbeutel-Metapher: es gibt nicht die richtige Theorie über Sühne/Versöhnung, sondern wie man beim Golfspiel je nach Situation verschiedene Schläger einsetzt, so gibt es auch verschiedene theologische Erklärungsmuster für das Heilswerk, die je nach Problemstellung sinnvoll sind.
Trotzdem zieht er schon in diesem ersten Teil deutliche Linien:

  • „Das Problem ist das Problem“:
    Wie man das Problem definiert, für das Sühne/Versöhnung die Antwort ist, legt schon die entsprechende Antwort nahe (wer also nach der Versöhnung des zornigen Gottes fragt, wird dafür eine Antwort bekommen – aber keine andere).
  • Mit Jesus anfangen:
    Was das Problem ist, das muss von Jesu Zentralbotschaft des Reiches Gottes her entwickelt werden.
  • Gemeinschaft ist essentiell:
    Eine Lehre über Sühne/Versöhnung, die nicht im Kern auf die Bildung einer Gemeinschaft zielt, in der Gottes Wille getan wird, verfehlt ihr Thema.
  • Reziprozität bzw. Analogie:
    Das sühnend/versöhnende Werk Jesu setzt sich fort im Leben seiner Jünger.
  • Wiederherstellung der ursprünglichen Bestimmung:
    Ziel des sühnend/versöhnenden Werkes Jesu ist die Restauration der ursprünglichen Bestimmung der Menschen, die seit 1. Mose 3 nur noch gebrochene Ebenbilder Gottes sind.

Auf dieser Linie müsste man tatsächlich zu einer Lehre von Sühne/Versöhnung gelangen, die die Begrenzungen des bürgerlich-liberalen wie des reformatorischen Modells hinter sich lässt. Menschliche Gemeinschaft, Praxis und die Welt diesseits des Himmels wären dann von vornherein in das Modell mit aufgenommen und müssten nicht nachträglich irgendwie angeklebt werden. Genauso wäre aber auch rein moralische Verflachung vermieden.
So eine Theologie hätte aber auch weitreichende Konsequenzen für die Gestalt von Gemeinden: Kirche als Heilsanstalt, in der jeder passiv sein Quantum Heil bekommt und nur die besonders Engagierten (bzw. Fanatischen, je nach Standpunkt) darüber hinaus aktiv werden, ist dann nicht mehr möglich.

Es bleibt spannend.

Noch eine Frage zum Schluss: mir ist immer noch nicht klar, wie man „atonement“ am besten übersetzt. Im Wörterbuch steht „Sühne“ oder „Opfer“, der „Große Versöhnungstag“ (3. Mose 16) heißt „day of atonement“ – das würde „Versöhnung“ nahelegen. Es sind aber beide Elemente gemeint, deshalb übersetze ich einstweilen „Sühne/Versöhnung“. Klingt nur nicht toll. „Versühnung“ könnte eigentlich ein Kompromiss sein, aber es gefällt mir sprachlich auch nicht besser. Was meint ihr? Oder hat einer einen anderen Vorschlag?

Hier wird es jetzt eine kurze Pause geben: es warten Trauerfeiern und die Gottesdienste am Sonntag, auch der Gemeindebrief will geschrieben werden. Was man als Landpastor so macht. Und Geburtstag habe ich dann auch noch. Danach geht es weiter mit Teil ZWEI.

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A community called atonement – Kapitel 4

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Kapitel 4: Womit anfangen? Mit der Ewigkeit, mit christlicher Gemeinschaft, und auch mit Praxis

In diesem Kapitel folgen drei weitere Einstiegspunkte zum Thema Sühne/Versöhnung:

Der vierte Ausgangspunkt: Die Ewigkeitsperspektive einer anbetenden Gemeinschaft
Die verschiedenen biblischen Überlieferungsstränge zur Ewigkeit treffen sich in der Überzeugung, dass es in der Ewigkeit eine große Gemeinschaft geben wird, die Gott und seinen Sohn preist und im Kontext der ganzen Schöpfung das Lied der Erlösung singt. Dieses Bild steht für die Einheit mit Gott und die Gemeinschaft mit anderen. Es wird als Hochzeitsfest beschrieben. Da wird eine neue Gesellschaft geschaffen, wo alles wieder so ist wie in Eden. Darauf bereitet Gott sein Volk durch Sühne/Versöhnung vor.
Es muss noch unterstrichen werden, dass der biblische Blick auf die Ewigkeit keine Rechtfertigung für Passivität ist. Vielmehr befeuert er die Sehnsucht, so wie Jesus sich danach sehnte, dass Gottes Reich kommen möge „wie im Himmel, so auf Erden“. Jede Lehre von Sühne/Versöhnung ist falsch, wenn sie entweder nur an die Erde denkt oder den Blickpunkt zu sehr auf die Ewigkeit richtet. Bei Sühne/Versöhnung geht es um irdische Realität und ewige Bestimmung.

Der fünfte Ausgangspunkt: Ekklesiale Gemeinschaft – Israel, das Reich Gottes, die Gemeinde
Weil Gott eine Gemeinschaft von Drei in Einem ist, richtet sich auch sein Werk immer an Gemeinschaften. Sühne/Versöhnung erreicht Menschen immer im Kontext einer Gesellschaft, die in der Bibel drei Namen hat:

  • Israel: Gleich nach der Sintflut formte Gott mit Abraham eine Bundesgemeinschaft, und von da an erzählt die Bibel die Geschichte dieser Bundesgemeinschaft.
  • Reich Gottes: In diesem Begriff konzentrierte Jesus seine Vision. Es geht um eine Gemeinschaft, in der Gottes Wille getan wird.
  • Gemeinde: alle neutestamentlichen Schriften drehen sich um die Gemeinde als lokale Konkretion des Reiches Gottes.

Immer geht es bei Sühne/Versöhnung um die Erschaffung von Gemeinschaften des Glaubens, in denen Gottes Wille getan und gelebt wird. Wir werden das Thema nicht verstehen, wenn wir das nicht von Anfang an beachten.

Der sechste Ausgangspunkt: Praxis als gemeinsame Aufführung
Die Kirche soll ihren Text auf der Bühne der Welt aufführen. Bezogen auf Sühne/Versöhnung bedeutet das Zweiseitigkeit [reciprocity; für die Theologen unter uns: vielleicht würde das Wort an dieser Stelle am besten als „Analogie“ im Barth’schen Sinn verstanden]. Im Vaterunser wie im Gleichnis vom Schalksknecht bindet Jesus z.B. die Vergebung Gottes mit unserer Vergebungsbereitschaft gegenüber anderen zusammen. Der sühnend/versöhnende Gott schafft eine Gemeinschaft der Sühne/Versöhnung. Somit muss gesagt werden: Sühne/Versöhnung setzt sich fort im Werk derer, die das bei Gott gelernt haben. Es ist eine gemeinsame Aufführung. Als Ebenbilder Christi sind wir seine Botschafter der Versöhnung (2. Korinther 5,20). Wer Sühne/Versöhnung empfängt, dem wird damit die Gnade zuteil, in analoger Weise an diesem Werk Anteil zu haben. Es wird nicht nur für uns getan, sondern wir nehmen selbst aktiv daran teil, wenn wir uns der Missio Dei anschließen.

Nachdem wir uns in Teil 1 (Kapitel 2-4) über die Ausgangspunkte des Themas verständigt haben, wird es nun in Teil 2 (Kapitel 5-10) um die Bilder gehen, mit denen man es am besten ausdrückt.

A community called atonement – Kapitel 3

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Kapitel 3: Womit anfangen? Mit Gott, mit seinen Ebenbildern, und auch mit Sünde

In der Belletristik wie in der Theologie gilt: mit welcher Frage man einsetzt, das entscheidet darüber, wo man am Ende hinkommt. Wenn man mit dem Zorn einsetzt, bekommt man eine Theorie von Sühne/Versöhnung, die sich um die Befriedung des Zorns dreht. McKnight hatte im vorigen Kapitel schon grundlegend beim Reich Gottes eingesetzt. Er wird jetzt noch sechs weitere Ausgangspunkte nennen – alle zusammen entfalten sie eine christuszentrierte Lehre von Sühne/Versöhnung. So ergeben sie den passenden Beutel für alle Schläger, die man bei diesem theologischen Golfspiel braucht.
Der erste Ausgangspunkt: Gott und die Perichorese
Vor allem auf Texte des Johannesevangeliums (10, 30.38; 17,20-24) stützte sich die klassische Theologie mit ihrer Lehre von der Perichoresis. In diesen Texten wird die Einheit von Vater und Sohn, sowie die Einheit von Jesus mit den Jüngern beschrieben. Die Lehre von der Perichoresis zeigt, dass es bei den Personen der Trinität keine Trennung gibt zwischen der Person und ihren Beziehungen. Obwohl jeder er selbst bleibt, ist doch keiner jemals ohne die beiden anderen. An dieser Gemeinschaft der Trinität sollen nun auch Menschen Anteil bekommen. Die Beziehungsdimension ist fundamental in Gottes sühnend/versöhnendem Werk. Es betrifft die Vereinigung mit Gott und die Einheit mit anderen Menschen.
Der zweite Ausgangspunkt: Menschen als Ebenbilder Gottes (Eikons)
Dieser theologische Satz ist in der Neuzeit stark unter Druck geraten, seit Kant zwischen Phänomen und Bedeutung getrennt hat. Er leitet sich ab aus 1. Mose 1: dort werden die Menschen als Repräsentanten Gottes in der Schöpfung beschrieben. Aber schon ab 1. Mose 3 sind es nur noch gebrochene Ebenbilder. Und das Wort „Ebenbild“ kommt im ganzen Alten Testament nicht mehr vor. Aber in 2. Korinther 4,3-6 wird Jesus dann als Bild Gottes bezeichnet. Und in dieses Bild sollen wir nach 1. Korinther 3,17-18 verwandelt werden.
Auf dem Boden der Kant’schen Unterscheidung von Phänomen und Bedeutung kamen die Theologen in die Defensive. Sie wollten den Gedanken des Ebenbildes in den Phänomenen verankern, indem sie die Unterschiede zwischen Menschen und der übrigens Schöpfung herausarbeiteten. Stattdessen sollte man das das spezifisch Menschliche darin sehen,

  1. in Einheit mit Gott und
  2. in Gemeinschaft mit anderen Ebenbildern Gottes leben zu können, sowie
  3. Anteil an Gottes Werk zu haben.

Auf diese Weise ist ein Ebenbild Gott-orientiert, selbst-orientiert, Nächsten-orientiert und Kosmos-orientiert. Ein Ebenbild ist ein missionales Wesen, es ist berufen, an Gottes überfließender Liebe teilzunehmen. Die Sühne/Versöhnung ist Gottes Weg, um seine gebrochenen Ebenbilder wiederherzustellen, damit sie ihm Ehre machen. Und das geschieht dadurch, dass sie Anteil am vollkommenen Ebenbild, Jesus Christus, bekommen, der den Kosmos erlöst. Wir werden freigesetzt, um neue Schöpfung zu sein in wahrer Gemeinschaft mit Gott und den Menschen.
Der dritte Ausgangspunkt: Sünde als Multi-Beziehungs-Geschehen
Sünde umfasst immer mehrere Beziehungsebenen. Sie beginnt als Auflehnung gegen Gott und breitet sich dann in allen Beziehungen aus. Deshalb greifen Sühne/Versöhnungslehren zu kurz, wenn sie sich nur auf eine Dimension beschränken – sei es das Verhältnis zu Gott oder das zwischenmenschliche Verhältnis. Das Problem ist das Problem: immer wieder stoßen wir auf die Frage, worin eigentlich das Problem besteht, das von Sühne/Versöhnung gelöst werden soll. Je nachdem, wie man Sünde definiert – als Misstrauen, Stolz, Furcht oder Übertretung des Gesetzes, bekommt man die entsprechenden Definitionen von Sühne/Versöhnung.
Grundlegender kann man – in Anlehnung an Wolfhart Pannenberg und Emil Brunner – Sünde definieren als ein Verfehlen der Bestimmung des Menschen. Sünde ist die Entscheidung, absolute Freiheit wie Gott zu erstreben, Freiheit im Sinn von Unabhängigkeit zu erreichen. Weil die Ebenbilder zur Einheit mit Gott, zur Gemeinschaft mit anderen, zur Liebe zum Selbst und zur Fürsorge für die Welt bestimmt sind, werden sie ihr Ziel verfehlen, wenn sie unabhängig von Beziehungen sein wollen. Ein Leben ohne Beziehungen, ohne Abhängigkeiten, ohne Liebe unterfordert sie und setzt sie herab. Das Streben nach absoluter Freiheit trennt sie von allen anderen und von sich selbst.
Schließlich erlaubt das Verständnis von Sünde als Multi-Beziehungs-Geschehen es auch, sündhafte Gesellschaftssysteme in den Blick zu bekommen. Sühne/Versöhnung bedeutet dann die Wiederherstellung der Ebenbilder in jeder Beziehung, einschließlich der System-Dimension. Sühne/Versöhnung wird damit zur Tat Gottes, mit der er sich ein Volk schafft, das nach der Logik seines Reiches lebt.
Aber es gibt noch ein paar Punkte mehr, die am Anfang zu bedenken sind: nächstes Kapitel.

A community called atonement – Kapitel 2

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Kapitel 2: Wo anfangen? Natürlich mit Jesus!

Es gibt einen Haufen Theorien über Sühne/Versöhnung, die meist vom Römerbrief ausgehen und Jesu Vision vom Reich Gottes kaum erwähnen. Das Reich Gottes ist das, was Gott durch die Gemeinschaft des Glaubens tut, um seine Erlösungspläne auszuführen. Dazu gehört auch das, was er in dir und mir tut. Deswegen muss Sühne/Versöhnung als Wiederherstellung von Menschen in jeder Beziehung verstanden werden, so dass sie in die Lage versetzt werden, eine Gemeinschaft zu bilden, in der Gottes Wille verwirklicht wird und Freiheit zur Transformation des ganzen Lebens herrscht.
Deshalb ist jede Lehre über Sühne/Versöhnung unzureichend, wenn sie nicht gleichzeitig eine Lehre über die Gemeinde ist. Mit der Gemeinschaft des Reiches Gottes muss jede Theorie über Sühne/Versöhnung beginnen. McKnight will das an Eckpunkten des lukanischen Geschichtswerkes (‚Lukan thread‘) zeigen.

Das Reich Gottes nach dem Bericht des Lukas

Lukas setzt ein mit dem Magnificat (1,46-55), einem Lied, das Jesus als Kind von seinen Eltern gehört haben könnte. Da geht es um die Aufrichtung von Gerechtigkeit durch Marias Sohn. Auch das Benedictus des Zacharias (1,67-79) spricht von der Befreiung Israels von seinen Feinden, also Rom und Herodes. Es geht immer um die Schaffung einer Gesellschaft, in der Gottes Wille getan wird. Die Vergebung der Sünden ist gebunden an Gottes Plan, eine Glaubensgemeinschaft zu schaffen, die mit ihm im Bund ist. Jesus selbst sieht in seiner Antrittspredigt (4,16-21) seinen Auftrag als gute Nachricht für die Armen. Die Seligpreisungen (6,20-26) zeigen, dass Jesus eine neue Gesellschaft um die Marginalisierten herum bauen will. In seiner Antwort auf die Frage des Täufers Johannes (7,21-23) macht er deutlich, dass seine Mission die Beendigung von Unrecht, Krankheit, Verwirrung und Unterdrückung bedeutet, damit jede und jeder nach dem Willen des Bundesgottes leben kann.

Hinter diese Vision Jesu darf keine Lehre über Sühne/Versöhnung mehr zurückfallen. Die Schaffung einer Gemeinschaft, in der Gottes Wille getan wird, gehört in den Kern des Verständnisses von Sühne/Versöhnung. McKnight unterstreicht: Jesu Vision vom Reich Gottes und Sühne/Versöhnung gehören zusammen; wenn man sie trennt, tut man ihnen Gewalt an. Das Ziel von Sühne/Versöhnung ist die Verwirklichung des Reiches Gottes.

Jesu Mission, die sein Leben, Sterben, Auferstehen und die Sendung des Hl. Geistes umfasst, kommt zu ihrem Ziel in der ersten Gemeinde, die Lukas in Apostelgeschichte 2 beschreibt. Diese Gemeinde ist die Verwirklichung von dem, was Jesus in seiner Antrittspredigt und in den Seligpreisungen ankündigte. Nimmt man Apg. 4,32-35 (v.a. Gütergemeinschaft) dazu, dann entsteht das Bild einer Alternativgesellschaft, die nicht nach den Machtstrukturen der römischen (und jüdischen) Welt funktioniert.

Bei diesem Verständnis des Reiches Gottes, das Jesus hatte, muss jede Theorie über Sühne/Versöhnung ansetzen. Aber das Thema ist komplex, und auch andere biblische Themen müssen dabei berücksichtigt werden. Davon werden die nächsten beiden Kapitel handeln.

A community called atonement – Kapitel 1

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Kapitel 1: Sühne/Versöhnung: das Problem, eine Geschichte und unsere Wahl, womit wir beginnen

  • Das Problem: funktioniert Sühne/Versöhnung?
    Die Theorie, wie Sühne/Versöhnung funktioniert, bringt uns zum Kern des Evangeliums. Sie beschreibt, was in Leben, Tod und Auferstehung Jesu eigentlich passiert ist. Das Problem: wirkt sich das auch so aus, dass man konkrete Folgen im Leben von Menschen erkennen kann? Wobei es nicht um einzelne gute oder schlechte Beispiele gehen kann, sondern um einen Gesamtblick auf die Folgen des Christentums. Eine neue Generation hat folgenlose Theorien über Sühne und Versöhnung genauso satt wie „ich bin nicht perfekt, aber mir ist vergeben“-Sprüche. Sie ist daran interessiert, ob Christen irgendwie anders sind. Diesem Interesse schließt sich McKnight ausdrücklich an. Heute kann nur noch etwas als gute Nachricht angesehen werden, was die verschiedenen Lebensdimensionen integriert und Gemeinschaft gestaltet. Und in diesem Sinn kann Sühne/Versöhnung als gute Nachricht beschrieben werden. Daran glaubt McKnight, weil er Geschichten wie die folgende kennt:
  • Eine Geschichte: Sühne/Versöhnung funktioniert
    Mc Knight erzählt die Geschichte von Dawn Husnick, die bei ihrer Arbeit als Krankenschwester in der Notaufnahme einem völlig verwahrlosten Obdachlosen begegnete und ihn so behandelte, dass die Liebe Jesu bis zu ihm durchdringen konnte. Als sie ihn ansah, verstand sie, dass sie in ihm Jesus begegnet war.
    Eine sehr eindrückliche Geschichte – nicht in ihrer Reichweite, sondern in der Qualität, und in der Dichte der Schilderung. Sie illustriert die Wirkung von Sühne/Versöhnung, und diese Wirkung wird in einer zerrissenen Welt dringend gebraucht.
    Aber wird so eine Frucht von Sühne/Versöhnung auch von unseren Theorien über Sühne/Versöhnung erfasst und gefördert? Es kommt an auf
  • Unsere Wahl: welche Theorie zu Sühne/Versöhnung wollen wir?
    Unsere Wahl an dieser Stelle entscheidet über die Art von Kirche, die wir prägen. Andererseits prägt unsere Art von Kirche auch das Evangelium, das wir verkünden. Könnte es sein, das unsere Theorien über Sühne/Versöhnung von dem Interesse geleitet sind, in unseren Gemeinden unter uns zu bleiben? Wir lesen die Texte der Tradition immer schon mit einer bestimmten Brille. Dieses Buch soll diese Lesegewohnheiten dekonstruieren, damit alternative Gemeinschaften entstehen können, in denen das Evangelium aus seinen Fesseln befreit werden kann.
    Die erste Frage, der man sich dabei stellen muss, ist die nach dem Ausgangspunkt einer Theologie der Sühne/Versöhnung.

A community called atonement – Prolog

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Prolog: Was man beim Golfspielen über Theologie lernen kann

McKnight beginnt mit einer Anekdote vom Golfspiel: da gab es einen Spieler, der nur einen einzigen Schläger hatte, weil es ihm zu aufwändig war, einen ganzen Beutel mit Schlägern zu tragen. Dafür spielte er dann mit dem einen Schläger recht gut, obwohl er nicht an die Ergebnisse eines Spielers herankam, der für jede Situation den richtigen Schläger dabei hatte.
Dieses Bild ist das zentrale Bild für McKnights Behandlung des Themas der Sühne/Versöhnung und zieht sich durch das ganze Buch. Er sieht das Problem darin, dass in vielen Kirchen nur eine einzige Theorie über Sühne/Versöhnung in Gebrauch ist. Stattdessen schlägt er vor, man möge doch auch einen ganzen Beutel voll Theorien zur Hand haben und lieber überlegen, wann man welche davon am besten einsetzt.

Anmerkung: „Atonement“ ist nicht leicht zu übersetzen, weil es ein von William Tyndale erfundenes Wort ist, in dem mehrere Bedeutungen verbunden sind. Ich werde versuchen, es mit der Kombination „Sühne/Versöhnung“ wiederzugeben.

A community called Atonement

Es gibt mich noch. Auch wenn dieser Blog eine Zeitlang ziemlich still war. Aber manchmal gibt es Zeiten, da liest man mehr als zu schreiben, oder andere Arbeit steht im Vordergrund.

Heute beginne ich mit Beiträgen zum Buch von Scot McKnight über die christliche Lehre von Sühne und Versöhnung.

Ich bin überzeugt, dass die Frage nach dem richtigen Verständnis von Sühne und Versöhnung zentral ist für die gegenwärtige Transformation der Christenheit. Solange wir an diesem Punkt keine Klarheit haben, werden wir immer wieder in alte Schemata zurückfallen. Eine neue Klarheit im Verständnis von Sühne und Versöhnung wird auch für die Neugestaltung von Kirchen und Gemeinden enorme Auswirkungen haben.

Eine Übersicht über alle Beiträge und Materialien findet ihr hier auf einer zentralen statischen Seite zum Buch.


Tiefebene endet – neuer Blog „Walters Werkstatt“

Nach knapp sechs Jahren habe ich diesen Blog eingestellt und eine neue Webpräsenz eingerichtet:
"Walters Werkstatt. Theologie, Politik und Kirche: Texte aus der norddeutschen Tiefebene". Dort werde ich in Zukunft alle meine Texte sammeln. Auch die bisherigen "Tiefebene"-Texte finden sich in Walters Werkstatt..
Also, wenn du von mir lesen möchtest, dann komm in Zukunft dorthin. Hier werden nur noch für eine Übergangszeit Hinweise auf Veröffentlichungen in "Walters Werkstatt" erscheinen.

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