A community called atonement – Kapitel 3

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Kapitel 3: Womit anfangen? Mit Gott, mit seinen Ebenbildern, und auch mit Sünde

In der Belletristik wie in der Theologie gilt: mit welcher Frage man einsetzt, das entscheidet darüber, wo man am Ende hinkommt. Wenn man mit dem Zorn einsetzt, bekommt man eine Theorie von Sühne/Versöhnung, die sich um die Befriedung des Zorns dreht. McKnight hatte im vorigen Kapitel schon grundlegend beim Reich Gottes eingesetzt. Er wird jetzt noch sechs weitere Ausgangspunkte nennen – alle zusammen entfalten sie eine christuszentrierte Lehre von Sühne/Versöhnung. So ergeben sie den passenden Beutel für alle Schläger, die man bei diesem theologischen Golfspiel braucht.
Der erste Ausgangspunkt: Gott und die Perichorese
Vor allem auf Texte des Johannesevangeliums (10, 30.38; 17,20-24) stützte sich die klassische Theologie mit ihrer Lehre von der Perichoresis. In diesen Texten wird die Einheit von Vater und Sohn, sowie die Einheit von Jesus mit den Jüngern beschrieben. Die Lehre von der Perichoresis zeigt, dass es bei den Personen der Trinität keine Trennung gibt zwischen der Person und ihren Beziehungen. Obwohl jeder er selbst bleibt, ist doch keiner jemals ohne die beiden anderen. An dieser Gemeinschaft der Trinität sollen nun auch Menschen Anteil bekommen. Die Beziehungsdimension ist fundamental in Gottes sühnend/versöhnendem Werk. Es betrifft die Vereinigung mit Gott und die Einheit mit anderen Menschen.
Der zweite Ausgangspunkt: Menschen als Ebenbilder Gottes (Eikons)
Dieser theologische Satz ist in der Neuzeit stark unter Druck geraten, seit Kant zwischen Phänomen und Bedeutung getrennt hat. Er leitet sich ab aus 1. Mose 1: dort werden die Menschen als Repräsentanten Gottes in der Schöpfung beschrieben. Aber schon ab 1. Mose 3 sind es nur noch gebrochene Ebenbilder. Und das Wort „Ebenbild“ kommt im ganzen Alten Testament nicht mehr vor. Aber in 2. Korinther 4,3-6 wird Jesus dann als Bild Gottes bezeichnet. Und in dieses Bild sollen wir nach 1. Korinther 3,17-18 verwandelt werden.
Auf dem Boden der Kant’schen Unterscheidung von Phänomen und Bedeutung kamen die Theologen in die Defensive. Sie wollten den Gedanken des Ebenbildes in den Phänomenen verankern, indem sie die Unterschiede zwischen Menschen und der übrigens Schöpfung herausarbeiteten. Stattdessen sollte man das das spezifisch Menschliche darin sehen,

  1. in Einheit mit Gott und
  2. in Gemeinschaft mit anderen Ebenbildern Gottes leben zu können, sowie
  3. Anteil an Gottes Werk zu haben.

Auf diese Weise ist ein Ebenbild Gott-orientiert, selbst-orientiert, Nächsten-orientiert und Kosmos-orientiert. Ein Ebenbild ist ein missionales Wesen, es ist berufen, an Gottes überfließender Liebe teilzunehmen. Die Sühne/Versöhnung ist Gottes Weg, um seine gebrochenen Ebenbilder wiederherzustellen, damit sie ihm Ehre machen. Und das geschieht dadurch, dass sie Anteil am vollkommenen Ebenbild, Jesus Christus, bekommen, der den Kosmos erlöst. Wir werden freigesetzt, um neue Schöpfung zu sein in wahrer Gemeinschaft mit Gott und den Menschen.
Der dritte Ausgangspunkt: Sünde als Multi-Beziehungs-Geschehen
Sünde umfasst immer mehrere Beziehungsebenen. Sie beginnt als Auflehnung gegen Gott und breitet sich dann in allen Beziehungen aus. Deshalb greifen Sühne/Versöhnungslehren zu kurz, wenn sie sich nur auf eine Dimension beschränken – sei es das Verhältnis zu Gott oder das zwischenmenschliche Verhältnis. Das Problem ist das Problem: immer wieder stoßen wir auf die Frage, worin eigentlich das Problem besteht, das von Sühne/Versöhnung gelöst werden soll. Je nachdem, wie man Sünde definiert – als Misstrauen, Stolz, Furcht oder Übertretung des Gesetzes, bekommt man die entsprechenden Definitionen von Sühne/Versöhnung.
Grundlegender kann man – in Anlehnung an Wolfhart Pannenberg und Emil Brunner – Sünde definieren als ein Verfehlen der Bestimmung des Menschen. Sünde ist die Entscheidung, absolute Freiheit wie Gott zu erstreben, Freiheit im Sinn von Unabhängigkeit zu erreichen. Weil die Ebenbilder zur Einheit mit Gott, zur Gemeinschaft mit anderen, zur Liebe zum Selbst und zur Fürsorge für die Welt bestimmt sind, werden sie ihr Ziel verfehlen, wenn sie unabhängig von Beziehungen sein wollen. Ein Leben ohne Beziehungen, ohne Abhängigkeiten, ohne Liebe unterfordert sie und setzt sie herab. Das Streben nach absoluter Freiheit trennt sie von allen anderen und von sich selbst.
Schließlich erlaubt das Verständnis von Sünde als Multi-Beziehungs-Geschehen es auch, sündhafte Gesellschaftssysteme in den Blick zu bekommen. Sühne/Versöhnung bedeutet dann die Wiederherstellung der Ebenbilder in jeder Beziehung, einschließlich der System-Dimension. Sühne/Versöhnung wird damit zur Tat Gottes, mit der er sich ein Volk schafft, das nach der Logik seines Reiches lebt.
Aber es gibt noch ein paar Punkte mehr, die am Anfang zu bedenken sind: nächstes Kapitel.

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