Wie im Himmel – oder jedenfalls beinahe

Kay Pollak ist der Regisseur des wunderbaren Films „Wie im Himmel„, der für den Oscar nominiert war und auch in vielen deutschen Städten wochenlang lief. Es ist der beste Film über Gemeindegründung, den ich je gesehen habe. Auch „Chocolat“ kommt da nicht mit, aber die Geschichte ist ähnlich: ein Dirigent formt (nicht aus den Kunden einer Chocolaterie, sondern) aus einem mittelmäßigen Kirchenchor eine befreiende und heilende Gemeinschaft. Zwischendrin gibt es so etwas wie eine Kreuzabnahme und am Ende einen großen Saal mit Menschen, die in Zungen reden. Hufi hat neulich darüber gepostet.

Das Verrückte dabei ist wieder mal: Gott kommt in dem Film eigentlich nicht vor. Religion wird nur durch den strengen staatskirchlichen Pfarrer repräsentiert, der sich von der Gemeinschaft des Chores bedroht fühlt, weil die seine auf Angst und Gewissensdruck gegründete Herrschaft über die Gemeinde gefährdet.

Kay Pollak schreibt auch Bücher über persönliches Wachstum und Freiheit. Das Grundmotiv dabei ist: trenn dich von der Illusion, dass das Problem da draußen bei den anderen liegt. Verändere dein Denken, das ist der Schlüssel. Man merkt, dass das sein Weg war und dass der für ihn eine große Befreiung bedeutet hat: sich nicht mehr als Opfer zu fühlen, sondern sich als verantwortlich zu verstehen.

Ich habe gerade „Für die Freude entscheiden“ gelesen. Darin beschreibt Pollak gegen Ende (ab Seite 210 – wer es nachlesen will, kann bei amazon  in der Volltextsuche die Zahl „210“ eingeben und dann auf die nächsten Seiten weiterklicken. Interessant könnten auch die Suchbegriffe „Sonntagsschule“ und „Kirche“ sein) einen inneren Weg der Umkehr und Vergebung, der eigentlich eine sehr zeitgemäße Form dessen ist, was man sonst Beichte und Vergebungszuspruch nennen würde. Das ist in vielem so gut formuliert und gedacht, dass man sich da manches für die Seelsorge abgucken kann.

Aber auch hier ist das Verrückte: obwohl sogar die Zusage „ich vergebe dir“ wörtlich vorkommt, wird Gott nirgendwo genannt. Wer vergibt also an dieser Stelle? Das von Pollak so genannte „höhere Ich“ – der Mensch, der wir auch sind: sicher, präsent, angstfrei, liebevoll. Die Utopie des Menschen, der wir sein könnten, sollen und manchmal auch sind. Das finde ich einen sehr wichtigen Gedanken: mit jeder Sünde (Pollak benutzt das Wort natürlich nicht) versündigen wir uns an dieser Utopie.

Nur – dass Gott es sein könnte, der diese Utopie von uns hat und diesen Traum auch in Kay Pollak träumt, das ist ein Gedanke, an den Pollak sich nicht heranwagt. Er beschreibt bis ins Detail geistliche Prozesse, ohne den Namen Gottes oder Jesu zu erwähnen. Warum?

An einigen Stellen wird deutlich, dass Pollak aus einem christlich geprägten Elternhaus kommt (woher sollte er auch sonst diese intime Kenntnis geistlicher Strukturen haben …), aber es war offenbar auch ein Elternhaus (oder eine Gemeindekultur), in dem er zum Unglück erzogen wurde. Er lernte, auf Probleme und Ängste mit Irritation, Ärger und Zorn zu reagieren. Vor allem aber war in ihm eine Stimme, die beständig zu ihm sprach: Du bist ein armer sündiger Mensch … geboren in Sünde!

„Wenn ich es für einen Moment wagte, meine einzigartige und wunderbare Größe zu bejahen, dann war es der verurteilende und strafende Gott, der mich in die Knie zwingen wollte.“

Pollak steht für viele andere. Viele wissen oder ahnen, dass sie einen geistlichen Prozess dringend brauchen. Sie sehnen sich danach, und es ist der Sache nach nicht die buddhistische (oder esoterische o.ä.) Grunderfahrung, die sie ersehnen, sondern eine genuin christliche. Aber entweder ahnen sie gar nicht, dass es so etwas unter dem Label „christlich“ geben könnte, oder sie bekommen den christlichen Gott und ihre Kirchenerfahrungen (oder ihr Kirchenbild) nicht auseinander. Sie fürchten viel zu sehr (und nicht zu Unrecht!), dass sie am Ende doch wieder bei der ganzen alten unterdrückerischen Scheiße landen, wenn sie sich auf ausdrücklich christliches Vokabular einlassen. Das gebrannte Kind scheut das Feuer.

Stattdessen konstruiert sich Pollak einen Gott, der nur Liebe ist und nie verurteilt, und man möchte ihn fragen: brauchen denn die Unterdrückten dieser Erde das nicht, dass Gott Recht spricht und ihre Unterdrücker verurteilt? Ist das nur ein Problem im Kopf der Armen, das durch Umdenken zu lösen ist?

Aber man sollte wohl mit verletzten Menschen nicht so reden. Schon gar nicht, wenn aus dieser Verletzung so viel Heiles und Positives wächst. Vielleicht müssen Pollak und andere einen ganz eigenen Weg gehen, bis sie sich an die Erkenntnis herantrauen, dass sie in ihrer Sehnsucht dem wirklichen Gott ganz nahe auf den Spuren sind.

Wir – Vertreter einer christlichen Kultur, die noch längst nicht frei ist von dem, was Pollak zu Recht beklagt – helfen ihm und anderen wahrscheinlich am besten dadurch, dass wir mit dem arbeiten, was sie uns zu geben haben. Pollaks Buch ist eine wunderbare Hilfe für die Seelsorge (in manchem ja auch nicht neu). Aber es braucht so etwas wie ein Re-engeneering: wir müssen lernen, ihre Weisheit zu nutzen, aber den Namen Gottes, den Namen Jesu auch ausdrücklich auszusprechen und dabei trotzdem (!) so befreiend zu bleiben, wie Pollak und andere es uns vormachen.

Wenn der ausgesprochene Name und die Sache, die damit gemeint ist, wieder zusammenkommen, was wird das anderes bedeuten als Leben aus dem Tod (Römer 11,15)? Vielleicht erleben wir es ja noch, in geringerem oder größerem Maß.

Und: wer sich „Wie im Himmel“ noch nicht angeschaut hat – ab ins Kino! Oder die DVD bestellen. Der Film sollte Pflichtprogramm bei allen Schulungen für Gemeindegründung sein. Denn vom Singen werden Menschen immer noch schneller heil als vom Schokoladefuttern.

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3 Responses to “Wie im Himmel – oder jedenfalls beinahe”


  1. 1 Hufi 22. April 2008 um 15:43

    Dabei bin ich eindeutig jemand, der lieber Schokolade ist als zu singen…😉

  2. 2 Walter 22. April 2008 um 18:58

    Man kann ja auch mal Sachen einfach so tun, weils schmeckt.

  3. 3 beisasse 23. April 2008 um 06:18

    danke für diesen buchtipp. das hört sich spannend für mich an. – bei deiner einschätzung finde ich am mutigsten den satz: „Vielleicht müssen Pollak und andere einen ganz eigenen Weg gehen …“ das denke ich auch. vielleicht kommen sie ja aber auch woanders an. wer weiss. z.b. bei dem nur liebe und verzeihen seienden gott, nach dem viele sich sehnen, aber über den am meisten gelästert wird.


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