Archiv für September 2008

Gemeinde Marke Eigenbau

Von Holm Friebe und Thomas Ramge ist vergangene Woche ein neues Buch erschienen: „Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion“ (hier findest du eine weitere Rezension). Die Autoren schreiben über eine Entwicklung, die aus ihrer Sicht ein großes Zukunftspotential hat: Menschen sind nicht mehr von Firmen- und Konzernstrukturen abhängig, um Güter jeder Art zu produzieren. Durch die Entwicklung der Kommunikationstechniken (also Internet) und den leichten Zugriff auf professionelle Kleinproduktion können auch Einzelne und kleine Gruppen Nischen aufspüren und für sie produzieren. Bei lokaler Produktion für einen potentiell globalen Markt können auch Ein-Personen Unternehmen ökonomisch erfolgreich sein. Und wenn sie ihren Platz in einem Netzwerk von ähnlichen Firmen haben, dann können sie gemeinsam auch komplexere Güter herstellen.

Die Ursachen sehen die Autoren zunächst darin, dass die Transaktionskosten/Koordinationskosten durch das Internet enorm gesunken sind. Wo es früher einer professionellen Konzernstruktur bedurfte, um die verschiedenen Produktionsstufen und das Marketing zu koordinieren, regelt sich heute vieles über ein elektronisch gestütztes Beziehungsnetz. Darüber hinaus sind die Verbraucher inzwischen die seelenlosen Massenprodukte leid und bereit, für hochwertige, auf ihren persönlichen Bedarf und Geschmack zugeschnittene Produkte auch zu bezahlen. Daraus kann sogar unter günstigen Bedingungen eine Marke entstehen, die die traditionellen Marktführer ernsthaft bedroht (Bionade!).

Man könnte sagen: was sich im Bereich des Webworking entwickelt hat (ein Beziehungsnetz von Freelancern und Agenturen, die nicht primär konkurrieren, sondern in wechselnden Konstellationen kooperieren), übertragen Friebe/Ramge auch auf die materielle Produktion bzw. entdecken es dort.

Ich habe das Buch natürlich immer mit der Frage gelesen, was das für Gemeinden bedeutet. Zunächst einmal sieht man, dass diese Mechanismen auch beim Gründen von Gemeinden gelten: heute kann jeder eine Gemeinde gründen, ohne eine Kirche oder einen Gemeindebund im Hintergrund zu haben. Eine Hausgemeinde ist ähnlich low-cost wie ein Unternehmen, das als Kapital nur einen Laptop braucht. Keine teuren Kirchengebäude sind nötig, und während man früher leicht in die Sektenschublade getan werden konnte, wenn man nicht das offizielle Label einer Kirchenorganisation trug, ist „free“ heute in vielen Milieus eher eine Empfehlung. Die Flexibilität eines Start-ups hat eine Hausgemeinde sowieso, und auch das Know-How kann man sich relativ einfach außerhalb traditioneller Ausbildungsstätten aneignen.

Vor allem aber bin ich interessiert an der Frage, ob nicht Gemeinden noch einmal neu über den Aufbau von Produktion nachdenken sollten. Mindestens dann, wenn sie Gemeinschaften (und nicht Veranstaltungsbesuchergruppen) sein wollen. Viele Klöster haben schon immer mindestens für ihren Eigenbedarf produziert (ja, hier kommt der obligatorische Hinweis aufs Bierbrauen). Darüber hinaus haben sie damit aber auch die Relevanz des Evangeliums für die Gestaltung der Welt anschaulich praktiziert. Man denke nur an die Zisterzienser, die aus Sümpfen und Wäldern Kulturlandschaften geschaffen haben. Oder die Kunst-, Wissens- und Kulturproduktion, die in den Klöstern blühte.

Die Produktion wurde aber in den Klöstern eingebettet in den gemeinsamen Rhythmus geistlichen Lebens und damit vor einer Verabsolutierung geschützt.

Warum sollten in in einer sich entwickelnden Beziehungsökonomie nicht christliche Gemeinschaften ganz vornedran mit dabei sein? Und dabei gleichzeitig ihre eigene Finanzierung sicherstellen, Beziehungen zu vielen nichtchristlichen Geschäftspartnern und Kunden aufbauen, Arbeitsplätze schaffen und einen Bereich harter Realität geistlich prägen? Ich meine damit aber nicht Büchertische oder Kassettendienste!

Für alle, denen ein biblischer Beleg wichtig ist: Paulus, Aquila und Priszilla waren nicht nur ein Evangelisationsteam, sondern auch ein Produktionskollektiv. Wie ja überhaupt die im NT immer wieder genannten „Häuser“ selbstverständlich auch Orte der Produktion waren (bei Christen und Heiden). Anscheinend war das ein Ökosystem, in dem das Evangelium gut gedieh.

Hat jemand schon Erfahrungen damit? Gibt es Gemeinden oder Gemeinschaften, die ökonomisch relevante Produktion in ihr Leben integriert haben oder das planen? Ich wäre sehr interessiert daran, davon zu erfahren.

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Christlicher Widerstand gegen Fundamentalismus

Daniel Ehniss schreibt hier etwas über die Wurzeln des Fundamentalismus. Gut, wenn man erfährt, wie Gedanken einmal angefangen habe, die heute weit verbreitet sind – vielleicht noch nicht einmal als klare Theorie wie in den Anfängen, sondern als Mentalität. Der Kern der fundamentalistischen Grundhaltung sind nach seiner Zusammenstellung folgende Punkte:

1) die buchstäbliche Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift und die unbeirrbare Gewissheit, dass die Heilige Schrift keinen Irrtum enthalten könne;

2) die Nichtigkeit aller modernen Theologie und Wissenschaft, soweit sie dem Bibelglauben widersprechen;

3) die Überzeugung, dass niemand, der vom fundamentalistischen Standpunkt abweicht, ein wahrer Christ sein könne, und

4) die Überzeugung, dass die moderne Trennung von Kirche und Staat immer dann zugunsten einer religiösen Bestimmung des Politischen aufgehoben werden muss, wenn politische Regelungen mit fundamentalen religiösen Überzeugungen kollidieren.

Damit besteht Fundamentalismus eigentlich aus zwei Elementen: der Absolutsetzung eines Heiligen Buches und der Überzeugung, dass die dort gefundenen  Wahrheiten nicht verhandelbar, sondern inner- wie außerkirchlich notfalls mit politischen bzw. Machtmitteln durchgesetzt werden müssen (erinnert mich das nicht an eine andere große Weltreligion? welche war das bloß nochmal?).

Wenn man nun berücksichtigt, dass jedes noch so heilige Buch immer durch eine interpretierende Brille gelesen wird, die das Verständnis vorgibt (wobei die Interpreten regelmäßig ihre jeweilige Interpretation mit der Wahrheit selbst gleichsetzen), dann besteht Fundamentalismus letztlich in der Erlaubnis/Aufforderung, das eigene Weltbild bei günstiger Gelegenheit dem Rest der Welt aufzuzwingen.

Wundert sich da jemand noch über den nervigen Denk-, Argumentations- und Umgangsstil der entsprechenden Vertreter?

Ja, in der Tat, dagegen ist christlicher Widerstand geboten. Eigentlich müsste jeder, der Jesus ein bisschen kennt, schon über diesen humorlosen, verbissenen Denkstil den Kopf schütteln. Aber um es auch mal thetisch zu sagen: keiner von den vier Grundsätzen (auch der erste nicht, u.a. weil dabei nicht zwischen Gottes Wort und meinem Verständnis von Gottes Wort unterschieden wird) ist ein legitimer christlicher Grundsatz. Wir kriegen in den Medien Prügel für etwas, was uns andere Leute eingebrockt haben. Oder hat sich etwa irgendwer aus dem Volk Gottes auch daran beteiligt??

EmergentCamp in Bremen

Über das EmergentCamp am vergangenen Wochenende haben schon andere hier und hier und hier geschrieben – ich hoffe, ich habe jetzt niemanden übersehen. Demnächst wird es auch auf Emergent Deutschland die Präsentationen und Podcasts von den sechs Beiträgen geben. Man kann sie auch schon hier hören.

Eins will ich hier noch mal besonders erwähnen: Mir hat die Selbstorganisation des Treffens wirklich gut gefallen. Keine Tagungsstätte, keine Arbeitsstelle oder andere entscheiden über den Verlauf, sondern er entsteht aus dem, was die Teilnehmer mitbringen. Und das war wirklich anregend, brachte neue Perspektiven und überraschende Blicke auf neue Zusammenhänge. Wir haben alle viel mehr einzubringen, als wir denken, und wenn wir es zusammenschmeißen, wird richtig was Gutes draus.


Tiefebene endet – neuer Blog „Walters Werkstatt“

Nach knapp sechs Jahren habe ich diesen Blog eingestellt und eine neue Webpräsenz eingerichtet:
"Walters Werkstatt. Theologie, Politik und Kirche: Texte aus der norddeutschen Tiefebene". Dort werde ich in Zukunft alle meine Texte sammeln. Auch die bisherigen "Tiefebene"-Texte finden sich in Walters Werkstatt..
Also, wenn du von mir lesen möchtest, dann komm in Zukunft dorthin. Hier werden nur noch für eine Übergangszeit Hinweise auf Veröffentlichungen in "Walters Werkstatt" erscheinen.

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