Kontemplative Übungen – meine theologische Einordnung

Übersichtsseite mit allen Posts zum Buch und den Kontemplativen Übungen

Immer wieder bin ich gefragt worden, wie diese Übungen eigentlich mit dem christlichen Glauben zusammenpassen – manchmal aus echtem Interesse, manchmal vorwurfsvoll und angriffig. Und in der Tat will ich ja auch verstehen, worum es dabei eigentlich geht. Nach inzwischen bald acht Monaten theoretischem und praktischem Sich-Einlassen auf die Übungen sieht meine Deutung so aus:

Es geht bei den Übungen um Wüstenerfahrung. Die Wüste steht für eine Situation, in der Menschen einerseits schutzlos, andererseits in eine Leere versetzt sind: kaum Ablenkungen, wenig bis keine Kommunikation, fern von Kultur und Zivilisation. Ein Großteil der Hilfsmittel, mit denen wir uns das Leben leichter machen, fällt weg. Das Gedankenkarussell im Kopf bekommt von außen keine neuen Anstöße.

In der Bibel ist die Wüste ein Ort, an dem sich Gott und Mensch auf unerwartete Weise intensiv begegnen: Mose am Dornbusch, Israel am Sinai, Elia am Horeb, Johannes der Täufer und Jesus in der Wüste am Jordan, wahrscheinlich auch Paulus in Arabien (Gal. 1,17). Anscheinend ist die ungeschützte, auf das Einfache reduzierte Umgebung der Wüste besonders geeignet für tiefgreifende geistliche Erfahrungen. Und geistliche Übungen sind ein Stück Wüste im Alltag.

Deshalb sind geistliche Übungen fast immer Akte der freiwilligen Reduktion. Fasten sowieso, aber oft geht es auch um geistige Reduktion: Konzentration auf einen Gedanken, ein Wort, ein Bild, den Atem, die Natur. Gleichzeitig freiwilliger Verzicht auf Hilfsmittel, die mit schneller Erleichterung versorgen: Süßigkeiten, TV, oberflächliche Gespräche und Gedanken; aber auch Distanz zum Strom der Gedanken, Fantasien und Pläne, mit dem wir die Illusion aufrechterhalten, wir hätten die Welt im Griff. 

Diese Reduktion soll eine Leere schaffen, die Gottes Geist ausfüllen kann. Das ist eine neue Sichtweise: Wir müssen Gottes Geist nicht mühsam herbeibitten, sondern wir müssen aufhören, ihn durch unser prall gefülltes Leben zu verdrängen. Gerade der unaufhörliche Gedankenstrom, den wir in uns tragen, ist ein direkter Ausfluss des Sündenfalls: wer sein will wie Gott, muss an alles denken. Er hat Sorgen im weitesten Sinn. Da ist kein Platz mehr für den echten Gott. Jesus wusste, warum er vor den Sorgen warnte.

Direkt bekämpfen kann man diesen Gedankenstrom nicht. Das würde ihn erst recht stärken. Aber man kann die Aufmerksamkeit von ihm abziehen, ihm den Brennstoff nehmen. Man kann die äußeren Anlässe reduzieren.

Was wird nun aber diesen leeren Raum füllen, der in den Übungen entsteht? An dieser Stelle bestehen in christlichen Kreisen viele Esoterikängste. Geistliche Übungen gibt es ja in vielen Religionen. Fasten z.B. tun nicht nur Christen. Welchen Einflüssen setzen wir uns dabei aus?

Ich bin bisher zu einer dreifachen Antwort auf diese Frage gekommen:

  • Erstens trägt die Methode in sich tatsächlich grundlegende Wertentscheidungen: sie macht uns in unserem Lebensgefühl weniger abhängig von oberflächlichen Tröstungen, von der Ausbeutung anderer und eben von der Scheinsicherheit der Sorgen. Sie weicht Schutzpanzer auf, mit denen wir Gott abblocken. Wenn andere geistliche Strömungen das auch gut finden: um so besser für sie.
  • Zweitens hängt die Art der Füllung des leeren Raumes, der bei bei der Übung entsteht, von dem Gegenstand ab, auf den man die Aufmerksamkeit stattdessen konzentriert. Deshalb richten sich christliche Aufmerksamkeitsübungen auf Gegenstände oder Symbole, die Gott widerspiegeln oder repräsentieren: die Natur (einschließlich des eigenen Körpers), ein Kreuz, eine Ikone, den Namen Jesu. Deshalb ist es auch richtig, diese Zeit ausdrücklich Gott zu widmen und den Heiligen Geist einzuladen.
  • Drittens wird bei den Übungen an die Oberfläche kommen, was in einem Menschen schon längst drin ist. Ein Christ wird deshalb auch bei diesen Übungen von seiner religiösen Grundhaltung (einschließlich seiner Verortung in einer der verschiedenen Fraktionen des Christentums) geprägt sein.
    Er wird aber in dieser Zeit möglicherweise auch mit dem Dunklen konfrontiert werden, das er in sich trägt. Der Heilige Geist führte Jesus in die Wüste, damit er sich mit dem Satan auseinandersetzte – auch wenn der in diesem Fall nicht von innen, sondern von außen kam.

Dieses Dunkel in einem Menschen mit dem Licht zusammen zu bringen ist ein weiterer Effekt der Übungen. Jalics nennt das die „Bereitschaft, Unerlöstes an sich heranzulassen und sich nicht dagegen zu wehren„. Das ist mit Schmerz verbunden, aber so „kann es von Christus aufgenommen und erlöst werden.“ Voraussetzung ist also, dass Jesus durch den Heiligen Geist schon in uns wohnt und dann, wenn wir ihm Freiheit dazu geben, sein heilendes Werk in uns tun kann: nicht ohne uns, aber nicht unter unserer Kontrolle. Dies ist ein dem Zungenreden (Glossolalie, Sprachengebet oder wie man es nennen will) vergleichbarer Prozess.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Äußerung Jesu über das Fasten in Markus 2,19-20: So lange Jesus bei den Jüngern ist, können sie auf geistliche Übungen verzichten – die sind schließlich kein Selbstzweck. Passend dazu brauchte das Zungenreden in den ersten Gemeinden keine vorbereitenden Übungen. Die Präsenz des Heiligen Geistes war auch ohne sie stark genug. Aber Jesus kündigt schon in Markus 2,20 eine Zeit an, in der geistliche Übungen wieder dran sind. Und so taucht in Apostelgeschichte 13,2 die Übung des Fastens als Vorbereitung auf den Empfang des Geistes wieder auf.

5 Responses to “Kontemplative Übungen – meine theologische Einordnung”


  1. 1 Tobias E. 14. August 2009 um 09:09

    Vielen Dank für die kompakte Zusammenfassung.

    Zwei deiner Äußerungen zur theologischen Eindordung des kontemplativen Lebensstils haben es mir besonders angetan:

    a) Die theologische Einsortierung des Gedankenstroms, in dem man sich im Extremfall geradezu „auflösen“ kann weil man sich fälschlicherweise mit ihm identifiziert (Psychosen, Zwangsgedanken im kleinen oder komplizierteren Stil o.ä.). Du schreibst: „Gerade der unaufhörliche Gedankenstrom, den wir in uns tragen, ist ein direkter Ausfluss des Sündenfalls…“.
    Diese Sichtweise hilft mir plastischer und konkreter zu verstehen, wie „Sünde“ aufzufassen ist (evtl. auch was „Dämonen“ sind und wie sie als ein-, bzw. gefangennehmende Gedankenmuster funktionieren).
    Ich bin mir nur noch nicht ganz sicher ob man sich mit diesem Verständnis von Sünde noch im christlich traditionellen Rahmen bewegt (wobei das natürlich nicht entscheidend sein muss). Wahrscheinlich ist es so, dass Sünde im biblischen Sinne noch mehr ist als die Verfangenheit in Gedankenmustern. Ich denke aber, das dies ein, evtl. der wesentliche Aspekt von Sünde ist (vgl. die biblische Rede von Shalom, Vertrauen, Freude, Freiheit von Sorge, Leben, Geduld etc. sowohl im AT als auch im NT – irgendwie alles Ausstiege aus Gedankenmustern und Einstiege ins Leben / Sein).

    b) „Zweitens hängt die Art der Füllung des leeren Raumes, der bei bei der Übung entsteht, von dem Gegenstand ab, auf den man die Aufmerksamkeit stattdessen konzentriert…. Deshalb ist es auch richtig, diese Zeit ausdrücklich Gott zu widmen und den Heiligen Geist einzuladen.“
    Damit bekommt die eigene Gewahrwerdung, die bewusste Gegenwärtigkeit im Jetzt (über die Natur, den Körper, die Stille, die Atmung…) einen deutlich christusbezogenen Charakter.
    Die Frage bleibt für mich dennoch bestehen, in wiefern die eigene Gewahrwerdung, Bewusstheit, Dasein im Jetzt, der Ausstieg aus den Gedankenmustern und das Sein im Sein / im Leben dieselbe Wirklichkeit darstellt (wie z.B. im Buddhismus) und nur mit einem bekenntnismäßigen anderen Anstrich versehen wird. Der Unterschied scheint mir hier nicht substanziell zu sein.

    Die Hauptunterscheidung zur Meditation z.B. im Buddhismus bleibt für mich aber die Möglichkeit im Christlichen tatsächlich mit einem Gegenüber, mit einem „Du“ zu tun zu haben (vgl. M. Bubers „Ich und Du“). Bei Eckart Tolle u.a. spirituellen (wenn man so will „esoterischen“) Lehrern wird diese Dimension, wie auch alles andere, ins eigene, bzw. kollektive Bewusstsein verlagert. Etwas anderes existiert nicht. Es gibt auch keine Beziehung, nur das Sein an sich. Das eigene, bzw. kollektive beobachtende Bewusstsein wird als göttlich / Gott angesehen.

    Ich krieg es noch nicht so ganz auf die Reihe, aber bis auf den letzten Kernunterschied sehe ich sonst fast ausschließlich Deckungsgleichheit. Diese Schiene der „Mystik“ scheint tatsächlich auch religions- und kulturverbindend zu wirken.

    Viele Grüße,

    Tobias E.

    • 2 Tobias W. 7. September 2009 um 16:45

      Hallo Tobias,

      dein Beitrag hat mich richtig elektrisiert, weil mich genau dieselbe Frage intensivst bewegt hat, nämlich die zum Thema Hauptunterscheidung zwischen christlicher und buddhistischer oder hinduistischer Kontemplation. Dazu habe ich kürzlich ein exzellentes, theologisch hochwertiges Buch gelesen: Verlinde, Joseph-Marie: „Die verbotene Erfahrung. Vom Ashram ins Kloster.“ Unio-Verlag. Frz. Originaltitel „L’Expérience inter-dite“. Die Quintessenz daraus in Kürze: Es ist ein fundamentaler Unterschied. Beide Wege führen nach innen – dort trennen sie sich. Der fernöstliche sucht das Sein, Ziel ist die Auflösung der eigenen Person. Der christliche sucht Gott als „Du“, als Person, bleibt dabei selbst Person (keine Auflösung!) und tritt mit dem dreieinigen Gott in ein Zwiegespräch ein. Von Person zu Person. (Vorbild ist die Dreieinigkeit selbst). Hier findet der Mensch die Fülle in Christus. Daher das Wortspiel im frz. Original: „inter-dire“ (Zwie-gespräch), die eben der fernöstliche Weg gerade nicht ist. Frei nach Theresa von Avila: im Innern ihrer Seele sieht sie ein Königsschloss, und im Innern des Schlosses den Thronsaal. Und hier sitzt Jesus Christus auf dem Thron und so geht sie immer wieder in sich, um dort Jesus als den ganz Anderen, als Gegenüber, als ihren Erlöser zu finden. Genauso so bei Ignatius von Loyola beim Eintritt in die kontemplative Phase der Exerzitien: Das Anschauen der drei Göttlichen Personen selbst und das in-Beziehung-treten mit ihnen. Zusammenfassung der beiden Wege: Auf der einen Seite steht die Seinsmystik/natürliche Mystik/Enstase, auf der anderen steht die transzendentale Mystik/personale Mystik/Ekstase.

      Nach mehrfachen kontemplativen Exerzitien nach der Methode von P. Jalics hat mich die Frage umgetrieben: Wie passt diese Gebetsform mit meinen anderen Gebetsformen (freier Lobpreis, Sprachengebet, Rosenkranz, eucharistische Anbetung etc.) in meinem christlichen Glauben zusammen? Ist sie, wie P. Jalics es sieht, wirklich die letzte, höchste, reifste Form des Betens? Dazu habe ich kürzlich ein hervorragendes Büchlein zur christlichen Kontemplation gelesen: Schmidt, Andreas: „Bleibt in mir. Kontemplativ leben im Alltag.“ Köln 2007, Adamas-Verlag. Hier wird das kontemplative Gebet als EINE Form im Nebeneinander mit anderen Formen beschrieben, anhand der Mystiker der Kirchengeschichte, des katholischen Katechismus und eigener Erfahrung.

      Ein persönliches Wort zum Schluss: Ich finde das Exerzitienanleitungsbuch von Jalics hervorragend, aber auch ein bisschen einseitig. Was Jalics ja zu Anfang selbst z.T. einräumt, wenn er sagt, dass seine Darlegung als Abwertung anderer Wege scheinen könne, weil er eben diesen speziellen Weg ja in dem Buch darlegen möchte. Die eine große Schwäche an den Buch ist m.E. folgende: Man könnte als Leser den Eindruck gewinnen: „Wenn ich nur die richtige Methode oder Technik benutze, komme ich automatisch zu Gott und WERDE erlöst.“ (Anmerkung: Verlinde überschreibt ein Kapitel seines Buches „An Techniken glauben – oder an dich glauben, Herr?“ Besser kann man es m.E. nicht sagen!) Dabei ist das Zentrum des christlichen Glaubens Jesus Christus selbst und sein großes Geschenk des Kreuzes und der Sündenvergebung. Wir kommen vom Kreuz Jesu Christi als Erlöste HER (sofern wir Jesus in unser Leben eingeladen haben) und treten in den kontemplativen Exerzitien in einen Weg der Reinigung und Heiligung EIN. Wir machen uns nicht zu einem Weg der Erlösung AUF. Wo Jalics von Erlösung schreibt, würde ich von Heiligung und Reinigung sprechen. Die Bücher von Verlinde und Schmidt waren für mich persönlich eine wichtige Ergänzung zu Jalics‘ Anleitungsbuch.

      Abschließend ein paar lose Gedankensplitter zum Nebeneinander von Christentum und esoterischen und fernöstlichen Strömungen im Bereich der Mystik/Kontemplation: Paulus hatte schon damals unter anderem gegen gnostische Strömungen (letztlich ist das m.E. ein individueller Heilsweg an Jesus Christus vorbei) zu kämpfen und schrieb unter anderem: Ich habe euch Jesus Christus gebracht, und zwar nur als den Gekreuzigten. Will sagen: an Jesus und an der Torheit des Kreuzes kommen wir nicht vorbei. Es gibt keine direkteren Weg zu Gott als über Jesus Christus. Und zu Gott als Vater nur den. (Ich weiss: Für den Mainstream der heutigen Zeit der Patchworkreligion klingt das apodiktisch und intolerant. Nicht nur damals zu Paulus‘ Zeiten für die griechischen und römischen Heiden). Ich kann die Erlösung Jesu Christi nicht selber machen oder eigens leisten, sondern nur annehmen und an mir geschehen lassen. Und hier scheiden sich die Geister. Denn hier wird die selbstsüchtige Autonomie, das Eigenkönigtum (die Autobasileia) des gefallenen Menschen in Frage gestellt. Der gefallene Mensch sagt im Innersten: Ich brauche dich nicht, Gott, ich mach das schon selbst. Die Verweigerung der Selbsterkenntnis der eigenen Erlösungsbedürftigkeit, die Verweigerung der Annahme des geschöpflichen totalen Angewiesenseins auf Gott, die Verweigerung, die angebotene Erlösung anzunehmen, die Weigerung, Gott Gott sein zu lassen und ihn anzubeten. „Verweigerung der Anbetung / Refusal to worship“ – ist das Motto des gefallenen Engels und die Versuchung, die er Adam und Eva, aber auch Jesus in der Wüste vorlegt („ich will dir alle menschlichen Sehnsüchte erfüllen, wenn du nur auf die Knie fällst und statt Gott mich anbetest“).

      Buddha zeigt mir einen Weg, wenn ich den Weg gefunden habe, kann ich Buddha hinter mir lassen. Jesus hingegen zeigt mir nicht nur den Weg, sondern er IST der Weg. Es gibt keine Etappe meines Weges, auf dem Jesus nicht mehr zählen würde. Wenn ich bei kontemplativen Exerzitien nach Jalics zusammen mit Reikimeistern oder Anhängern fernöstlicher Religionen meditiert habe (und anscheinend alle gleichermassen mit dem Namen Jesus Christus), dann frage ich mich heute: Haben wir im Innern unserer Seelen wirklich das gleiche Ziel? Wird etwa auf der einen Seite der Name Jesus als Mantra benutzt, um die Enstase, die Heiterkeit des Seins zu erreichen und auf der anderen Seite Jesus selbst und der dreieinige Gott als Gegenüber gesucht? Habe ich selbst den Namen Jesu irrtümlich als Mantra benutzt und verzweckt? Oder bin ich auf der Suche nach ihm selbst? An Techniken glauben oder an dich, Herr? Für mich persönlich geht der Weg mit den kontemplative Exerzitien (Jesusgebet) nach Jalics weiter, aber im katholischen Evangelisationszentrum Maihingen, das die Integration in eine katholische, eucharistische und auch charismatische Frömmigkeit stärker verkörpert als liberale Exerzitienhäuser, in dem Zenmeister, Reikimeister, Anhänger des Familienstellens nach Hellinger und andere esoterisch und fernöstlich angehauchte Menschen mitunter unter den Teilnehmern oder vielleicht gar unter den Kursleitern zu finden sind und in denen Yoga oder Qi-Gong als Körperübungen angeboten werden.

      Zur obigen Diskussion zum ignatianischen Thema: „Gott selbst mehr suchen als seine Gaben“ noch ein Buch, das mir sehr hilft: Crabb, Larry: „The PAPA Prayer“. Deutsche Übersetzung: „Dem Vater im Himmel ganz nah.“

      Herzliche Grüße
      Tobias

  2. 3 Walter 14. August 2009 um 17:10

    Lieber Tobias,
    beinahe zeitgleich hat Peter Aschoff etwas aus einem Buch von George Lindbeck veröffentlicht, was unsere Überlegungen hier sehr schön ergänzt: http://www.elia-gemeinschaft.de/wordpress/2009/08/09/peters-gedanken/theologie/sind-alle-religionen-gleich .
    Lindbeck vertritt einen „kulturell-sprachlichen Ansatz, der in der Sprache, den Deutungsmustern und der Praxis einer Gemeinschaft die Voraussetzung (und nicht etwa die Folge) für konkrete Glaubenserfahrungen sieht“. Das finde ich einen bemerkenswerten Ansatz: nicht eine allgemein-religiöse Erfahrung wird in verschiedenen Religionen bloß unterschiedlich etikettiert, sondern die jeweilige Logik der Religion generiert religiöse Erfahrungen, die nur oberflächliche Ähnlichkeiten mit anderen religiösen Strömungen haben. Das finde ich eine wichtige Argumentation.
    Ich will es am Beispiel des Fastens sagen: die einen fasten als Buße, die anderen aus Leibfeindlichkeit, die Dritten wollen sich den Himmel verdienen und die vierten versuchen etwas per Hungerstreik zu erzwingen. Christen fasten, um offen für Gott zu sein. Alle fasten, aber tatsächlich geht es um sehr unterschiedliche Dinge.
    So würde ich auch denken, dass es bei den Übungen (nach Jalics oder anderen) im christlichen Kontext nicht darum geht, eine innere Mitte im Sinne einer göttlichen Substanz im Menschen zu finden, sondern den Ort zu finden, an dem Christus als Gegenüber auf uns wartet.
    Man kann vielleicht sagen, dass Tolle (den ich nur von der Webseite her kenne, nachdem du ihn benanntest) eine missverstandene oder verkürzte Theorie über die von ihm gemachten Erfahrungen hat. Ja, er hat vielleicht wirklich etwas echtes erlebt: Gottesnähe, aber von seinem liberalen Denkansatz her hat er es nur verkürzt verstehen und erleben können. Die Sache selbst hat trotzdem eine Wirkung.
    Vielleicht müsste man da ganz offensiv denken: nur die Christen verstehen wirklich, was in solchen Erfahrungen passiert. Das ist jetzt aber auch nicht mehr Lindbeck (den ich aber noch nicht gelesen habe).
    Nur noch zur Erläuterung: ich würde nicht sagen, dass Sünde (vielleicht sogar ausschließlich) aus diesem Gedankenstrom besteht, sondern dass er eine Folge der Sünde ist. Wer sein will wie Gott (das ist der Kern der Sünde), bekommt erstens Terminstress und zweitens einen Haufen Probleme, über den er dann pausenlos nachdenken muss.
    Dir alles Gute,
    Walter

  3. 4 Tobias E. 17. August 2009 um 15:07

    Lieber Walter,

    deine Antwort finde ich hilfreich. Vielleicht sind Sprache und Deutungsmuster als Innenseite einer Sache / Erfahrung zu betrachten im Gegensatz zur Sache / Erfahrung an sich, die die Außenseite bildet. Und Innen- und Außenseite sind aufeinander bezogen. Den Eintrag von Peter Aschoff (und evtl. das Buch) werde ich mir noch zur Gemüte führen.

    Das Ganze heißt für mich dann aber auch, dass ich von Menschen / Lehrern aus anderen spirituellen Strömen viel lernen kann, solange ich ihre Deutungen nicht übernehme. Wobei sich dann natürlich die Frage anschließt, in wiefern man Deutung und die Sache / Erfahrung an sich (wie z.B. Stille, Leerwerden, Atmung etc. auseinanderklambüstern kann (um es norddeutsch zu sagen).

    Deinen letzten Satz zum Thema „Sünde“ finde ich klasse! Eine schöne und an der Wurzel ansetzende Definition. Man lernt dadurch die Realität von Erlösung / Befreiung (im Buddismus wäre es wohl Erleuchtung / Erwachen) sehr praktisch wertzuschätzen.

    Schöne Grüße und dir auch alles Gute,

    Tobias


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