Archiv für März 2010

Linchpin – die Macht uneigennütziger Gaben

Seth Godin hat ein neues Buch geschrieben: Linchpin. Ein Linchpin ist die Radachse, im übertragenen Sinn: das, womit alles andere steht und fällt. Essentiell gehört zu einem Linchpin nicht nur, dass er Kunst (im weitesten Sinn – siehe meinen ersten Post zum Buch) produziert, sondern ebenso, dass diese Kunst als Geschenk abgegeben wird. Das heißt nicht, dass Linchpins nicht bezahlt werden sollten; aber Kunst, deren primäres Ziel das Geldverdienen ist, verliert ihren Kunst-Charakter. Kunst ist primär Geschenk, denn sie muss aus Begeisterung um ihrer selbst willen betrieben werden. Erst sekundär sorgt die Kunst vielleicht auch dafür, dass ihr Urheber zu Geld kommt – vielleicht zu viel Geld, vielleicht aber auch nicht.

Linchpins arbeiten mit einer neuen ökonomischen Logik: mit Geschenken. Aber in Wirklichkeit ist dieses Muster sehr alt. Über Zehntausende von Jahren produzierten und konsumierten Menschen vorwiegend auf Geschenk-Basis innerhalb einer kleinen Einheit – Stamm, Sippe, Großfamilie. Sinnbild dafür ist das Zinsverbot: Menschen deines Stammes sollst du umsonst unterstützen, einfach weil sie zu dir gehören. Du sollst von ihnen keine Gegenleistung erwarten – außer, dass sie selbst auch nötigenfalls diese Solidarität zeigen. Mit Fremden kannst du Geschäfte machen, an ihnen darfst du verdienen.

So konstituieren Geschenke einen Bund, eine Gemeinschaft. Jedes neue Geschenk stärkt diese Gemeinschaft, es entsteht mehr als ein ökonomischer Effekt. Geschenke (gerade wenn sie nicht mit der Erwartung von Kompensation gemacht werden) schaffen Bindung. Bei einer rein geschäftlichen Transaktion hingegen ist man hinterher quitt, es entsteht kein Überschuss, keine Bindung.

Um es an einem neutestamentlichen Beispiel zu sagen (und weil nächste Woche Gründonnerstag ist): als Jesus seinen Jüngern die Füße wusch, war das ein Geschenk ohne die Erwartung einer Gegenleistung. Aber er konstituierte/stärkte damit eine Gemeinschaft, deren innere Logik das gegenseitige Dienen war. Das Besondere dabei: diese Gemeinschaft war prinzipiell offen für Außenstehende. Und wie wurden Außenstehende da später mit einbezogen? Durch Geschenke.

Die Kunst des Linchpins, sein Geschenk an seine Umwelt ist das Schaffen von neuen Möglichkeiten, um die herum sich eine Gemeinschaft (Godin nennt es: ein „Tribe“) konstituiert. Dieses Thema wird jetzt wieder akut, weil durch das Internet die Geschenk-Ökonomie zurückkehrt. 500 Jahre lang wurde durch kapitalistische Gehirnwäsche diese andere ökonomische Logik tabuisiert; tendenziell jeder wurde zum Fremden, mit dem man Geschäfte machen konnte. Faktisch wird zwar immer noch ein großer Teil der gesellschaftlichen Arbeit (die ehrenamtliche und die Familienarbeit) auf Geschenkbasis geleistet, aber sie wird fast komplett ignoriert und geht nicht in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein.

In der neuen Internet-Ökonomie wird Kunst verschenkt: Lieder, Fotos, Videos, Gedichte. Aber auch Ideen, Computerprogramme (und ganze Betriebssysteme wie Linux, das ein Paradebeispiel für diese neue Ökonomie ist), Webdienste, theologische Sätze, Predigten, Lebensweisheiten, Bücher, Kundenservice sind nach Godin solche Kunst. Jedenfalls dann, wenn jemand damit das Wagnis eingeht, eine neue Weltsicht zu ermöglichen. Und diese Kunst ist heute auch ganz realwirtschaftlich unbezahlbar. Denn Bekanntes billiger nachmachen kann jeder. Das neue Geschäftsmodell ist stattdessen das Sammeln und Verbinden Gleichgesinnter. Und das läuft über Geschenke.

Nicht jeder Linchpin wird aber seine Kunst in eine Einkommensquelle verwandeln können. Viele werden sich eine benachbarte bezahlte Nische suchen, in der sie einiges von ihrer Kunst einbringen können und vielleicht nebenher im Internet einen Tribe aufbauen. Und je mehr sie dabei von ihrer Kunst statt vom Geld motiviert sind, um so größer ist die Chance, dass sie am Ende doch noch auch einen finanziellen Ausgleich bekommen. Wenn aber Firmen versuchen, Kunst in ihr Geschäftsmodell einzubauen und sie ihren Kundenbetreuern einzubimsen, werden sie scheitern. Menschen lassen sich auf die Dauer nicht täuschen und merken den Unterschied zwischen echtem Engagement und eintrainierten „was kann ich für Sie tun?“ – Sprüchen.

Die eigentliche Kompensation des Linchpins ist die Anerkennung, die er für sein großzügiges Geschenk bekommt – und das Bewusstsein, etwas Schöpferisches geleistet zu haben, das die Welt für immer verändert.

Vielleicht ist schon ein wenig deutlich geworden, warum diese Gedanken gerade auch im christlichen Rahmen sehr fruchtbar sind. Sich Gott versuchsweise als Linchpin vorzustellen, der mit der Welt auf der Basis einer Geschenkökonomie verkehrt – macht das Sinn?  Was würde das für die Gemeinde bedeuten: ein Geschenk an die Welt zu sein? Selbst als Linchpin der Welt neue Möglichkeiten zu eröffnen? Tribes zu konstituieren um das Geschenk neuer Lebensmöglichkeiten herum? Ich möchte das demnächst in einem weiteren Post durchdenken.

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Linchpin – die Zukunft gehört der Kunst

Seth Godin hat ein neues Buch geschrieben: Linchpin. Ein Linchpin ist die Radachse, im übertragenen Sinn: das, womit alles andere steht und fällt. Was ist nach Godin diese Achse? Kunst. Kunst ist der Unterschied, auf den es ankommt. In einer Welt, in der alles standardisiert werden kann, in der jede Arbeit irgendwo noch etwas besser und billiger erledigt wird, wird Kunst zum wichtigsten Unterscheidungsmerkmal: weil sie die Quelle für echte Wertschöpfung ist.

Allerdings versteht Godin „Kunst“ in einem sehr weiten Sinn. Es geht nur noch am Rande um Pinsel, Leinwand, Noten oder die Theaterbühne. Wir würden vielleicht eher „Kreativität“ sagen als „Kunst“. Aber das würde wohl schon Godins These verwässern.

Alles kann Kunst werden: das Design eines neuen i-Gerätes sowieso, aber auch die Virtuosität, mit der ein Kellner in seinem Restaurant alle Probleme meistert und den Gästen das Gefühl gibt, einen großartigen Abend verbracht zu haben. Kunst kann bedeuten, einen neuen Webdienst wie Twitter zu entwickeln oder Schülern eine inspirierende Lernerfahrung zu ermöglichen. Kunst, sagt Godin, ist ein überraschendes persönliches Geschenk, das Menschen verändert. Vorher hätte es keiner vermisst, aber wenn es da ist, sind Menschen begeistert. Das Wort „great“ fällt immer wieder: Menschen können in der Begegnung mit solcher Kunst großartige Erfahrungen machen.

Deswegen hat Kunst immer mit dem Bruch von Regeln zu tun, die vorher galten. Sie bedeutet das Risiko, ausgelacht oder angefeindet zu werden. Sie weitet unseren Horizont. Kunst ist immer ein Geschenk, weil man sie nicht per Arbeitsvertrag einfordern kann. Sie beginnt da, wo die Vorschriften zu Ende sind.

Um es auf meinen Bereich zu übertragen: eine dogmatisch richtige Predigt zu halten, über die sich niemand beschweren wird, ist keine Kunst. Aber so eine Predigt wird auch niemanden inspirieren. Sie ist vorhersehbar, wenn man die theologischen Fundamente kennt. Eine Predigt wird zu Kunst, wenn sie Menschen entlässt mit einer neuen Sicht der Welt und sie die Freude Gottes an der Vielfalt des Lebens spüren lässt. Künstler ist auch, wer als Kulturarchitekt an einer neuen Gemeindekultur arbeitet.

Soweit vielleicht nichts allzu Neues. Der Clou bei Godin ist aber, dass er sagt: was früher das Geschäft einiger weniger kreativer Wilder war, das ist heute eine Notwendigkeit für jeden, der auf die Dauer etwas erreichen will. Wer nur etwas ausführt, was sich in Pflichtenheften und Handbüchern vorschreiben lässt, der ist jederzeit ersetzbar. Aber wer den Menschen etwas Unerwartetes, Überraschendes und Faszinierendes schenkt, der erzeugt wirkliche Werte und wird zum „Linchpin“ jeder Organisation. Andersherum ist jede Organisation angewiesen auf die Linchpins in ihren Reihen, wenn sie Wirkung erzielen oder neue Märkte öffnen will.

Godin vertraut auf das schöpferische Potential, das in jedem Menschen angelegt, aber oft durch innere und äußere Blockaden lahmgelegt ist. Ich weiß nicht, ob er von christlichem Gedankengut beeinflusst ist. Aber seine Gedanken passen sehr gut zusammen mit dem biblischen Bild des schöpferischen Gottes, der völlig Neues, bisher nie Gesehenes erschafft und den Menschen nach seinem Bilde macht: ebenfalls mit einem unerschöpflichen schöpferischen Potential.

Aber was hindert uns daran, unserer Kreativität zu vertrauen und sie fließen zu lassen? Godin nennt es die „resistance“. Es ist das Zurückschrecken vor der eigenen schöpferischen Kraft und unserer möglichen Größe. Godin verortet diesen Widerstand in der Amygdala, einem sehr alten Teil des Gehirns. Hier sitzen Instinkte wie Furcht und Konformität. Dieses Reptilienhirn kennt viele Wege, um uns den Mut zu nehmen. Wir wollten die Welt ändern und sind schließlich froh, wenn wir mit dem Lesen der Emails nachkommen. Wer neue Wege gehen will, muss diesen instinktiven Widerstand gegen das Wagnis des Unbekannten überlisten. Denn der Widerstand kommt von innen und von außen zugleich: aus dem eigenen Reptilienhirn und von den besorgten, Amygdala-bewegten Mitmenschen.

Alle, die lieber die Sicherheit des Altvertrauten und Bekannten schätzen, werden sich dem Wagnis in den Weg stellen. Sie werden damit aber auch sich (und ihre Organisation) austauschbar und ersetzbar machen. Gerade in den Zeiten einer weltweiten Konkurrenz kommt es nun auch ökonomisch gesehen auf die Linchpins an: Menschen, die die überkommenen Selbstverständlichkeiten in Frage stellen und ihre Mitmenschen mit einer überragenden Gabe überraschen.

Weil Kunst eigentlich unbezahlbar ist, hat sie immer ein Element des Schenkens in sich. Ein Linchpin arbeitet deshalb auf der Basis einer Geschenkökonomie. Dazu mehr in einem weiteren Post.


Tiefebene endet – neuer Blog „Walters Werkstatt“

Nach knapp sechs Jahren habe ich diesen Blog eingestellt und eine neue Webpräsenz eingerichtet:
"Walters Werkstatt. Theologie, Politik und Kirche: Texte aus der norddeutschen Tiefebene". Dort werde ich in Zukunft alle meine Texte sammeln. Auch die bisherigen "Tiefebene"-Texte finden sich in Walters Werkstatt..
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