Linchpin – die Macht uneigennütziger Gaben

Seth Godin hat ein neues Buch geschrieben: Linchpin. Ein Linchpin ist die Radachse, im übertragenen Sinn: das, womit alles andere steht und fällt. Essentiell gehört zu einem Linchpin nicht nur, dass er Kunst (im weitesten Sinn – siehe meinen ersten Post zum Buch) produziert, sondern ebenso, dass diese Kunst als Geschenk abgegeben wird. Das heißt nicht, dass Linchpins nicht bezahlt werden sollten; aber Kunst, deren primäres Ziel das Geldverdienen ist, verliert ihren Kunst-Charakter. Kunst ist primär Geschenk, denn sie muss aus Begeisterung um ihrer selbst willen betrieben werden. Erst sekundär sorgt die Kunst vielleicht auch dafür, dass ihr Urheber zu Geld kommt – vielleicht zu viel Geld, vielleicht aber auch nicht.

Linchpins arbeiten mit einer neuen ökonomischen Logik: mit Geschenken. Aber in Wirklichkeit ist dieses Muster sehr alt. Über Zehntausende von Jahren produzierten und konsumierten Menschen vorwiegend auf Geschenk-Basis innerhalb einer kleinen Einheit – Stamm, Sippe, Großfamilie. Sinnbild dafür ist das Zinsverbot: Menschen deines Stammes sollst du umsonst unterstützen, einfach weil sie zu dir gehören. Du sollst von ihnen keine Gegenleistung erwarten – außer, dass sie selbst auch nötigenfalls diese Solidarität zeigen. Mit Fremden kannst du Geschäfte machen, an ihnen darfst du verdienen.

So konstituieren Geschenke einen Bund, eine Gemeinschaft. Jedes neue Geschenk stärkt diese Gemeinschaft, es entsteht mehr als ein ökonomischer Effekt. Geschenke (gerade wenn sie nicht mit der Erwartung von Kompensation gemacht werden) schaffen Bindung. Bei einer rein geschäftlichen Transaktion hingegen ist man hinterher quitt, es entsteht kein Überschuss, keine Bindung.

Um es an einem neutestamentlichen Beispiel zu sagen (und weil nächste Woche Gründonnerstag ist): als Jesus seinen Jüngern die Füße wusch, war das ein Geschenk ohne die Erwartung einer Gegenleistung. Aber er konstituierte/stärkte damit eine Gemeinschaft, deren innere Logik das gegenseitige Dienen war. Das Besondere dabei: diese Gemeinschaft war prinzipiell offen für Außenstehende. Und wie wurden Außenstehende da später mit einbezogen? Durch Geschenke.

Die Kunst des Linchpins, sein Geschenk an seine Umwelt ist das Schaffen von neuen Möglichkeiten, um die herum sich eine Gemeinschaft (Godin nennt es: ein „Tribe“) konstituiert. Dieses Thema wird jetzt wieder akut, weil durch das Internet die Geschenk-Ökonomie zurückkehrt. 500 Jahre lang wurde durch kapitalistische Gehirnwäsche diese andere ökonomische Logik tabuisiert; tendenziell jeder wurde zum Fremden, mit dem man Geschäfte machen konnte. Faktisch wird zwar immer noch ein großer Teil der gesellschaftlichen Arbeit (die ehrenamtliche und die Familienarbeit) auf Geschenkbasis geleistet, aber sie wird fast komplett ignoriert und geht nicht in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein.

In der neuen Internet-Ökonomie wird Kunst verschenkt: Lieder, Fotos, Videos, Gedichte. Aber auch Ideen, Computerprogramme (und ganze Betriebssysteme wie Linux, das ein Paradebeispiel für diese neue Ökonomie ist), Webdienste, theologische Sätze, Predigten, Lebensweisheiten, Bücher, Kundenservice sind nach Godin solche Kunst. Jedenfalls dann, wenn jemand damit das Wagnis eingeht, eine neue Weltsicht zu ermöglichen. Und diese Kunst ist heute auch ganz realwirtschaftlich unbezahlbar. Denn Bekanntes billiger nachmachen kann jeder. Das neue Geschäftsmodell ist stattdessen das Sammeln und Verbinden Gleichgesinnter. Und das läuft über Geschenke.

Nicht jeder Linchpin wird aber seine Kunst in eine Einkommensquelle verwandeln können. Viele werden sich eine benachbarte bezahlte Nische suchen, in der sie einiges von ihrer Kunst einbringen können und vielleicht nebenher im Internet einen Tribe aufbauen. Und je mehr sie dabei von ihrer Kunst statt vom Geld motiviert sind, um so größer ist die Chance, dass sie am Ende doch noch auch einen finanziellen Ausgleich bekommen. Wenn aber Firmen versuchen, Kunst in ihr Geschäftsmodell einzubauen und sie ihren Kundenbetreuern einzubimsen, werden sie scheitern. Menschen lassen sich auf die Dauer nicht täuschen und merken den Unterschied zwischen echtem Engagement und eintrainierten „was kann ich für Sie tun?“ – Sprüchen.

Die eigentliche Kompensation des Linchpins ist die Anerkennung, die er für sein großzügiges Geschenk bekommt – und das Bewusstsein, etwas Schöpferisches geleistet zu haben, das die Welt für immer verändert.

Vielleicht ist schon ein wenig deutlich geworden, warum diese Gedanken gerade auch im christlichen Rahmen sehr fruchtbar sind. Sich Gott versuchsweise als Linchpin vorzustellen, der mit der Welt auf der Basis einer Geschenkökonomie verkehrt – macht das Sinn?  Was würde das für die Gemeinde bedeuten: ein Geschenk an die Welt zu sein? Selbst als Linchpin der Welt neue Möglichkeiten zu eröffnen? Tribes zu konstituieren um das Geschenk neuer Lebensmöglichkeiten herum? Ich möchte das demnächst in einem weiteren Post durchdenken.

1 Response to “Linchpin – die Macht uneigennütziger Gaben”



  1. 1 Linchpin – die Zukunft gehört der Kunst « Tiefebene Trackback zu 23. März 2010 um 15:59

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