Alltagstheologie

Heute habe ich meinen Sohn in Göttingen besucht. Mittags aßen wir in einem libanesischen Restaurant. Durchs Fenster beobachteten wir auf der Straße einen Konflikt zwischen einem Mann und einer Frau mit Kind. Dann kam ein Taxi, die Frau wollte einsteigen, aber der Mann stellte sich zwischen sie und den Wagen und ließ sie nicht hinein. Es sah ziemlich dramatisch aus.

Wir schauten uns an, dann gingen wir raus und dazwischen: eine eingeschüchterte Frau und ein schleimig grinsender Typ mit Bierflasche in der Hand, der sie mit einer Mischung von Gewaltausstrahlung und subtilen Schuldzuweisungen einzuschüchtern versuchte. „Die hat meinen Schlüssel und mein Geld“ – so auf die Tour versuchte er, auch uns zu verunsichern.

Wir bedeuteten ihm, dass wir selbst Augen hätten, um zu sehen, was hier los sei, wir könnten aber gerne die Polizei rufen, damit sie die Sache klärt. Dem Taxifahrer, um dessen Auto der ganze Streit ging, wurde die Situation zu unübersichtlich: er fuhr weg. Daraufhin lotsten wir Frau und Kind in unser Lokal und spendierten dem Kleinen erstmal eine Flasche Sprite. Bei Kindern gibt es ja eine gewisse Chance, dass eine unverhoffte Getränkespende ihre Weltsicht wieder ins Gleichgewicht bringt. Ich hoffe für den Kleinen, dass es geklappt hat.

Inzwischen hatte sich der Mann getrollt, und der Wirt rief für die Frau und das Kind ein anderes Taxi. Ich konnte ihr gerade noch sagen: halten Sie durch!, dann war sie weg und vermutlich vor einem neuen Kampf, dessen Frontverlauf wir höchstens ahnen konnten.

Diese Geschichte gibt mir Anlass zu einigen Gedanken:

  1. In erbaulichen Kalendergeschichten aufgeklärter Provenienz könnten Sohn und ich als Schutzengel firmieren, „zu denen manchmal ja auch ein ganz normaler Mensch werden kann“. Das ist verklemmte Mystik. Ich bestreite nicht die Möglichkeit von Schutzengeln (ganz im Gegenteil, und es dürfen auch gerne Männer mit Flügeln sein), aber heute Mittag hat da nichts geflattert. Wir waren wir, niemand anderes.
  2. Wegen solcher Arschlöcher wie dem Bierflaschenmann steht man als Mann unter Dauerverdacht, ein potentieller Unterdrücker, Schläger oder Schlimmeres (… es gibt sie bekanntlich in allen Schichten!) zu sein. Es ist zum Kotzen.
  3. Nach allgemeinem politisch korrekten Konsens darf man nie, nie, nie niemanden be- oder gar verurteilen. Ich verstehe das Bedenken dahinter. Aber ich gebe zu, dass ich öfters auch ein Anhänger der guten alten Hardcore-Sicht bin: sehen, was los ist, und sich das nicht ausreden lassen. Von keiner Atomkraft-Lobby und keinem Bierflaschen-Heini. Lass die Frau in Ruhe und hör auf zu quatschen! [Ok, das hab ich natürlich nicht laut gesagt.]
  4. Es ist schön, einen erwachsenen Sohn zu haben, mit dem man sich im entscheidenden Moment ohne Diskussion einig ist. Vor allem, wenn man weiß, dass er ziemlich erfolgreich Krafttraining macht.

Schlussbemerkung: Wer durch die schöne Stadt Göttingen kommt (in der nach Auskunft meines Sohnes Szenen wie die oben beschriebene durchaus nicht zum normalen Alltag gehören), sollte nicht versäumen, das Restaurant „Der grüne Libanon“ zu besuchen. Falafel wird dort für jeden Gast extra frisch zubereitet und schmeckt einfach köstlich.

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