Der NAME und die Religion

Dick Boer denkt in „Erlösung aus der Sklaverei“ (ich habe über das Buch hier gebloggt) über die Sache nach, um die es bei der „Religion“ geht. Diese Sache wird in der Regel als „Gott“ bezeichnet. Was ist mit Gott gemeint? Boer unterscheidet mehrere Vorstellungen von Gott, die – obwohl unterschiedlich – mehr oder auch weniger friedlich koexistieren.

Da ist einmal Gott als „Verabsolutierung und damit Sanktionierung der irdischen Macht, die die übergroße Mehrzahl der Menschen zur Knechtschaft verdammt“. Das ist in der Umwelt der Bibel die Normalität. Boer schreibt:

Der sozial-kulturelle Kontext der biblischen Erzählungen ist eine Welt voller ‚Söhne Gottes‘: der Pharao, der König von Babel, der römische Kaiser. … Der Sohn Gottes ist dort per definitionem ein Machthaber, der mit seinen Komplizen herrscht auf Kosten der ihm unterworfenen Völker. Gott repräsentiert also das höchste Wesen dieser Herrschaft, den himmlischen Überbau, der den irdischen Unterbau widerspiegelt. So bekommt dieser irdische Unterbau himmlische Züge, nicht zuletzt für die Menschen, die daran glauben müssen.

So weit, so schlecht, aber diese Analyse stimmt leider bis heute viel zu oft, inzwischen auch für „christliche“ Religionen. Der Kern dieser Analyse ist letztlich die biblische Religionskritik, die dann von Marx/Feuerbach aktualisiert wurde und heute für jeden Berufsatheisten billig zu haben ist. Aber – und damit kommen wir eine Etage tiefer – dieses Spiel funktioniert ja nur deshalb, weil diese Herrschaftsreligion an eine echte menschliche Wahrnehmung (und Sehnsucht!) anknüpft. Boer schreibt:

Es ist … zu einfach, ‚Gott‘ nur zu einer direkten Abspiegelung irdischer Machtverhältnisse zu erklären, als ob er nicht mehr wäre als ein metaphysischer Pharao. Wer denkt, dass diese Erklärung als Religionskritik genüge, weiß nicht, wovon er redet. Das ‚Wesen‘ der Religion ist vielmehr das ‚Gefühl‘, dass es ‚etwas‘ gibt, das über all diese menschlichen, allzumenschlichen Gegebenheiten hinausgeht. ‚Gott‘ ist das Wort für das unaussprechliche Geheimnis des Daseins, das höher ist als alle Vernunft. … Es besagt nämlich, dass das Dasein in letzter Instanz ungreifbar ist, nicht zu fassen. Darüber kann man durchaus lyrisch werden. Die Sprache, die durch dieses Geheimnis hervorgerufen wird, ist nicht selten ein liebevolles Abtasten dessen, was sich der herrschenden Ordnung des konventionellen Wortes entzieht. … Diese Sprache erweckt eine heilsame Aversion gegen alle Festigkeit: Alles kann immer auch anders.

Gott nur auf seine Rolle als metaphysischer Pharao zu reduzieren ist also ein bisschen – nun, vulgär. Soweit Feuerbach/Marx hierbei stehen bleiben (und das tun sie überwiegend, wenn auch nicht völlig) sind sie typische Vertreter der Moderne und fallen der postmodernen Kritik anheim. Und tatsächlich erobert sich ja im Augenblick Religion (durchaus nicht nur „christliche“ Religion) nach und nach wieder einen Platz auch in der westlichen Öffentlichkeit. Aber damit ist sie nicht aus dem Schneider. Mindestens nicht in der biblischen Sicht Boers. Denn ein „Gott“, der einfach nur für das ungreifbare und unaussprechliche Geheimnis des Daseins steht, bleibt in einer fundamentalen Ambivalenz. Er „kann immer auch anders“. Man kann sich nicht auf ihn verlassen. Boer schreibt:

Denn das, was seinem Wesen nach unaussprechlich ist, kann ein erlösendes Wort nicht sprechen. Und wo ein erlösendes Wort fehlt, … droht das, was höher ist als alle menschliche Vernunft, auf eine ewige Wiederkehr desselben hinauszulaufen: eine herrschende Kultur und das Unbehagen in ihr, eine unaufhörliche Dialektik von Herr und Knecht, ein Kampf zwischen Mann und Frau ohne Versöhnung. … Die Moral dieser Geschichte ist: fügen wir uns ins Unvermeidliche, dass Widerstand keinen Sinn hat, dass ein ewiges ‚Unbehagen in der Kultur‘ (Freud) unser Schicksal ist.

So dient nach Boer auch der ambivalente Gott (der postmoderne, liquide Gott?), der die Unverfügbarkeit und Unaussprechlichkeit des Daseins repräsentiert, am Ende der Sicherung der herrschenden Ordnung:

Denn das Unergründliche trägt immer die Gefahr der Unordnung, der Anarchie, des Chaos in sich. Über dieses Chaos müssen wir Herr werden, deshalb brauchen wir Herren, die Ordnung schaffen.

Auch die Götter, die nicht einfach nur Herrschaftsreligion vertreten, sondern durchaus etwas von der Fülle des Daseins wissen, die sich allen Festlegungen widersetzt, bedeuten noch keine Erlösung. Im Gegenteil, auch sie verewigen die Sklaverei. Der Exodus beginnt dort, wo …

… Menschen eine Stimme zu hören bekommen, die sagt: Ich bin JHWH, euer Gott. Mit diesem Wort tritt der Name befreiend in den Kreis der Götter. Er besetzt den Raum, den sie für sich beschlagnahmt haben. Er bricht die Macht, die sie über die Menschen ausüben. Indem dieser Name sich als der Gott des Exodus zu erkennen gibt, wird das, was die Götter (be)sagen, zur Lüge gemacht. Der Name ist der große Gottesleugner. Jetzt kommt ans Licht, was diese in ihrer Unergründlichkeit verschweigen: das Geheimnis des Daseins ist die Erlösung aus der Sklaverei.

Erst da, wo das aufgedeckte Geheimnis der Erlösung präsent ist, ist die (bestenfalls) Ambivalenz der Religion überwunden. Erst da ist die Macht der irdischen und himmlischen Götzen gebrochen. Und ob dann das Bündnis mit JHWH das Etikett „Religion“ angeheftet bekommt, oder das Etikett „Befreiungsbewegung“, oder irgendein anderes Etikett, ist eine sekundäre Frage. Die Bündnis zwischen JHWH und seinem Volk ist sowieso ein Verhältnis ganz eigener Art, das noch keiner dauerhaft schubladisieren konnte. Es leiht sich seine Kategorien und Begriffe mal hier und mal dort, je nach Diskussionslage, und ist trotzdem immer größer als jede Religion, Befreiungsbewegung o.ä. Aber immer geht es um die Erlösung aus der Sklaverei, den Exodus, die Auferstehung.

Wer auch immer die (Rückkehr der) Religion erhofft, leugnet, fürchtet, bejubelt oder bekämpft, ob laut oder leise, ob Kirchenfürst oder Gemeindepfarrer, ob prekärer oder besserverdienender Atheist: es wäre einfacher, wenn sie diese Unterscheidungen nicht dauernd so heillos durcheinander werfen würden.

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