Archiv für Juli 2011

NT Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes (5)

Die Geschichte Israels als Voraussetzung für die Entstehung des Christentums

In Teil III seines Werkes beschreibt Wright die innere und äußere Geschichte des Judentums im 1. Jahrhundert, einschließlich der Vorgeschichte seit dem Ende des Exils. Das Judentum im Kontext der griechisch-römischen Welt war der Rahmen, in dem die christliche Bewegung entstand, und dessen Grundannahmen sie teilte. Die Forschungslage zum Judentum hat sich in letzter Zeit enorm ausgeweitet; frühere verzerrte Bilder des Judentums innerhalb der christlichen Theologie lassen sich nicht mehr halten.

Wrights vielleicht wichtigste These ist in diesem Zusammenhang, dass es quer durch alle jüdischen Gruppierungen einen weltanschaulichen Grundbestand gegeben hat, den alle Juden teilten. Es war

eine komplette Weltanschauung, die alle Aspekte der Wirklichkeit umfasst und die sich in einer bestimmten Sehnsucht und Erwartung scharf fokussiert, in einer Anerkennung, dass der gegenwärtige Zustand der Dinge noch nicht die volle Realisierung der Absichten des Bundesgottes für sein Volk darstellt … Einer der Hauptunterschiede zwischen ihnen und einigen anderen Kulturen bestand allerdings darin, dass ihre kontrollierenden Storys mit wirklichen Ereignissen in der Geschichte zu tun hatten: sie warteten darauf, dass das letzte Kapitel ihrer Story begann. (197)

Die traditionelle christliche Interpretation dieses Hintergrundes übersieht oft die politische Verortung und die politischen Obertöne dieser Weltanschauung. Aber sie war allen Juden (auch den Christen) gemeinsam, auch wenn die Christen sie dann neu lasen.

Diese Weltanschauung war gewachsen durch die Erfahrung des babylonischen Exils, das auch nach dem persischen Sieg über Babylon und der Rückkehr der Juden nach Israel kein echtes, wiederherstellendes Ende gefunden hatte. Auch der makkabäische Sieg über die syrische Tyrannei 164 v.Chr. führte nicht zu einer deutlichen Rehabilitierung Israels. Stattdessen durchdrang der heidnische Hellenismus Israel immer mehr und wurde durch die Römer ab 63 v. Chr. auch militärisch und wirtschaftlich eher noch dominanter. Die Hoffnung auf ein wiederherstellendes Handeln Gottes mündete immer wieder in kleinere Rebellionen und schließlich in die großen Aufstände der Jahre 66-70 und 132-135. Nach ihrer Niederschlagung begann ein neues, anderes Judentum.

In der Zeit zwischen dem Makkabäer-Aufstand und der Zerstörung Jerusalems entwickelte sich eine Vielfalt von Ausdrucksformen jüdischer Identität. Sie unterschieden sich in ihren Antworten auf die zentrale Frage, wie und wann der Bundesgott sein Volk retten würde:

Revolutionäre Bewegungen
In Reaktion auf römische Provokationen entwickelten sich immer wieder revolutionäre Bewegungen (Zeloten, Sikarier usw.), die ein zentrales Thema der Politik in dieser Zeit waren. Sie nährten sich aus der nationalen Stimmung des Widerstandes gegen Rom und flossen am Ende im Aufstand von 66-70 zusammen. Er war z.T. aber auch ein Krieg dieser verschiedenen Strömungen untereinander.

Pharisäer
Die Pharisäer haben ihre Wurzeln in der Makkabäerzeit. Sie standen für die Beachtung der Traditionen, insbesondere der Reinheitsvorschriften. Obwohl sie keine institutionalisierte Macht hatten, übten sie mit wechselndem Erfolg Einfluss auf die jeweiligen Machthaber aus. Sie hatten am ehesten die Sympathie des Volkes.
Die Beachtung der Tora war wichtig für die Bewahrung der Identität Israels. Persönliche Reinheit war ein Bereich, den man kontrollieren konnte, wenn schon das nationale Leben in vieler Hinsicht beschmutzt war. Es ging also nicht darum, sich durch gute Taten den Himmel zu erwerben. Pharisäer waren keine politisch-militärischen Aktivisten, aber die Grenze zu solchen Bewegungen blieb vor 66 n. Chr. fließend. Denn auch die Sorge um die persönliche
Reinheit war letztlich ein Akt des Widerstandes gegen die heidnische Herrschaft. Erst nach den Niederlagen von 70/135 wurde die revolutionäre Energie endgültig in die Gelehrsamkeit umgeleitet.

Essener
Die Essener verstanden sich angesichts des als korrupt angesehenen Jerusalemer Tempelbetriebs als alternativer Tempel. Sie waren die schon aus dem Exil befreite Vorhut Israels. Der Tag würde kommen, an dem das durch Gottes Eingreifen allen klar werden würde. Darauf  warteten sie abseits des allgemeinen Geschehens, z.B. in Qumran.
Die Gruppe hat letztlich keinen großen Einfluss auf den Gang der Geschichte gehabt.

Priester, Aristokraten und Sadduzäer
Der Tempel war ökonomisches und politisches Zentrum des Landes. Zu den Priestern gehörten einerseits die über das Land verstreuten, relativ armen Priester, die nur selten am Tempel Dienst hatten, andererseits die Hauptpriester, die mit der Aristokratie zusammen die Partei der Sadduzäer bildeten. Sie paktierten mit den Römern, waren konservativ und hielten sich von so umstürzlerischen Theorien wie der Auferstehung der Toten fern. Nach der Eroberung Jerusalems verschwand diese Gruppe aus der Geschichte.

Die „normalen“ Juden

Die große Mehrheit der Juden gehörte zu keiner dieser Gruppen. Diese Mehrheit versuchte, sich und ihre Kinder heil durch die unruhigen Zeiten hindurchzubringen, sie beteten, fasteten, besuchten die Synagoge, nahmen an den Jerusalemer Festen teil, aßen kein Schweinefleisch, hielten den Sabbat, beschnitten ihre Kinder und hörten in gewissem Maß auf die Pharisäer. Mit all dem hielten sie einfach an ihrem Erbe fest und drückten, wenn auch sicher unvollkommen, eine gemeinjüdische Theologie aus.

Um die Darstellung dieser theologischen Grundlinien wird es im nächsten Post gehen.

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NT Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes (4)

Die Autorität von Stories

Noch ein paar letzte Gedanken aus dem Grundsatzteil des Buches: Wright durchdenkt von seinem Ansatz des Kritischen Realismus aus, was Geschichtsschreibung leisten sollte, und welche Art von Autorität das Neue Testament haben könnte.

Zur Aufgabe des Historikers:

Wright beschreibt, warum es keine voraussetzungslose Geschichtsschreibung geben kann, die einfach nur schildert, „wie es gewesen ist“. Auch ein scheinbar unbestreitbarer Satz wie „Jesus starb“ beinhaltet Entscheidungen (die beim Satz „Christus starb für unsere Sünden“ natürlich viel offensichtlicher sind). „Jesus starb“ beinhaltet mindestens die Voraussetzung, dass es wichtiger ist, die Aufmerksamkeit auf Jesu Tod zu richten, als auf den Tod der beiden anderen an diesem Tage Gekreuzigten, oder auf die Tausenden von Juden, die im ersten Jahrhundert denselben Tod von römischer Hand erlitten (119). Wie man es auch wendet: der positivistische Traum von einer „bloßen Geschichte“, die man neutral schreiben könnte, bevor man zu den Wertfragen kommt (die dann schnell ins Private abgeschoben werden), bleibt ein Traum. „Fakten“ gibt es nicht ohne den Erkenntnisprozess, in dem sie gewonnen wurden.

Andererseits bedeutet das nicht, dass es sinnlos wäre, Geschichte zu schreiben. Es ist grundsätzlich möglich und sinnvoll. Dass es keine voraussetzungslose Geschichtsschreibung gibt, heißt nicht, dass es keine Fakten gäbe (125). Dass ein (z.B. neutestamentlicher) Autor sein Material bewusst arrangiert, sagt nichts darüber, ob das, wovon er schreibt, Realität ist oder nicht. An Interpretation kommt man nicht vorbei; die Frage ist aber, ob eine Interpretation das Ereignis in seiner Tatsächlichkeit und Bedeutung öffnet oder verschließt (129).

In der neutestamentlichen Wissenschaft waren Zweifel an der Tatsächlichkeit der Berichte über Jesus manchmal nicht unwillkommen, weil man sich so besser in der Lage wähnte, den biblischen Berichten eine universale, nicht zeitgebundene Botschaft zu entnehmen, die man dann auf die Gegenwart anwenden konnte. Dabei blieb aber oft ein blasser Jesus zurück, der kaum noch an seinem historischen Ort verankert war und je nach Interesse zurechtgebogen werden konnte (132).

Eine angemessene Beschäftigung mit Geschichte umfasst aber auch die Intentionen, sowohl von Individuen, als auch von ganzen Gesellschaften – also die Innenseite der Ereignisse, ihr Warum. Die Intentionen von Gesellschaften erschließen sich durch das Studium ihrer Symbole, ihrer Verhaltensweisen und vor allem durch die Untersuchung der Stories, die sie sich erzählen. Die Aufgabe des Historikers ist es, diesen Gesamtzusammenhang (also etwa das antike Judentum) zu rekonstruieren und die einzelnen Individuen (z.B. Jesus oder Paulus) dort hineinzustellen und verstehbar zu machen. Dabei geht es dann nicht mehr um das Sammeln kleiner Fakten-Brocken, sondern um eine kreative Synthese der Daten, die der Historiker aufgrund seiner Vorstellungskraft produziert. Dabei greift er unweigerlich auf seine Erfahrung und seinen Lebenshorizont zurück (z.B. auf seine politischen Erfahrungen oder auf seine Vorstellung, wie Kirche ist bzw. sein sollte). Ergebnis ist eine Hypothese, die dann wieder dem Prozess der Überprüfung und Weiterentwicklung unterliegt (150-55).

In der neutestamentlichen Wissenschaft hat es solche Synthesen seit dem ersten Weltkrieg leider kaum gegeben – die kleinteilige Arbeit an Einzelproblemen dominierte (155-56). Das ist bedauerlich, weil das Christentum eine Geschichte über den Schöpfer und seine Welt erzählt, der unübertroffen in Jesus Christus gehandelt hat. Deswegen ist die Beschäftigung mit Geschichte für Christen unaufgebbar: nicht, um Bestätigungen („Belegstellen“) für das zu finden, was man eh schon glaubt, sondern um diesen Gott wirklich zu verstehen, so gut, wie es nur irgend geht (181-82).

Weil das Konzept der „reinen Geschichte“ eine Illusion ist und es ein genuin christliches Interesse an der Geschichte gibt, ist es auch nicht sinnvoll, dass der neutestamentliche Wissenschaftler während der Arbeit seine christliche Identität suspendiert und sich als Positivist versteht. Christentum und Positivismus bewegen sich als konkurrierende Weltanschauungen auf der gleichen Ebene (nur dass der Positivismus sich so erfolgreich als Wertebasis der Gesellschaft durchgesetzt hat, dass er nicht mehr als Weltanschauung erkannt wird). Sie versuchen gegenseitig, ihre fundamentalen Stories zu unterwandern: der Positivismus hat dem Christentum einen Platz im privaten Raum zugedacht, während z.B. Wrights Ansatz versucht, dem aufklärerischen Anliegen einen legitimen Platz innerhalb der christlichen Weltsicht zu geben (183-84).

Zur Autorität der Bibel:

Dem Neuen Testament wird nun aber vom überwiegenden Teil der Christen eine Autorität zugeschrieben, die über die einer beliebigen historischen Quelle hinausgeht. Nur – welche Art von Autorität können Stories überhaupt haben? Wright schlägt vor, dass man die Bibel wie ein Theaterstück in fünf Akten ansehen möge, dessen letzter Akt verlorengegangen ist. Eine Schauspielertruppe bekommt den Auftrag, dieses Stück aufzuführen und dafür einen passenden fünften Akt zu erfinden. Sie muss den vorhandenen Stoff berücksichtigen, wird ihn am Anfang des 5. Aktes möglicherweise auch frisch nacherzählen. Aber sie muss dann auf ihre eigene Verantwortung (und mit der Gewissheit, es nicht 100%ig richtig zu machen) ihre eigene Version spielen. In Treue zum vorhandenen Stoff natürlich (und insofern hat dieser Stoff Autorität und muss intensiv studiert werden), und dennoch ihre eigene Version. Einfach nur die bisherige Handlung zu rekapitulieren reicht nicht (187-191).

Das ist ein sehr hilfreiches Verständnis von der Autorität der Bibel, weil es die Erforschung der Dokumente durch die Bibelwissenschaft in einen sinnvollen Zusammenhang stellt. Andererseits gibt es der Bibel eine angemessene Autorität, ohne damit die Kreativität der Christen einzuschränken (und ohne den Christen den kreativen Akt und die Verantwortlichkeit zu ersparen).

Und nachdem das alles mindestens grundsätzlich geklärt ist, kann Wright damit beginnen, in Teil III den Gesamtzusammenhang zu beschreiben, in dem die Schriften des Neuen Testaments entstanden sind: das Judentum des ersten Jahrhunderts und seine grundlegenden Stories.

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NT Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes (3)

Fakten, Fakten, Fakten? Nein, Stories!

In Teil II seines Buches („Das nötige Handwerkszeug“) unternimmt es Wright, seine grundlegenden methodischen Entscheidungen darzustellen. Diese ca. 140 Seiten sind sicher der am schwersten verdauliche Teil des Ganzen. Die hier dargestellten Zusammenhänge tauchen aber später immer wieder auf. Es ist sinnvoll, sie auch einmal zusammenfassend lesen zu können. Zumal an dieser Stelle (bei Wright ebenso wie bei anderen) Entscheidungen fallen, die für die Darstellung des Stoffes wie für jede davon beeinflusste Praxis erhebliche Auswirkungen haben.

Freundlicherweise hat Toby Faix darüber schon hier, hier und hier geblogt (und interessante Diskussionen losgetreten), so dass ich mich kürzer fassen kann.

Wright entwickelt ein Erkenntnismodell, das davon ausgeht, dass Menschen sich mit Hilfe von Stories die Wirklichkeit erschließen. Das kann z.B. eine Familiengeschichte sein, die Geschichte eines wissenschaftlichen Fachgebietes oder eben die Geschichte Israels als Volk Gottes. Stories transportieren jeweils einen weltanschaulichen Kern (den man aber nicht von der Story isolieren kann). Sogenannte „Fakten“ stehen immer schon im Rahmen solcher Stories und bekommen von dort aus Sinn. Stories können durchaus andere Stories unterwandern und verändern. So unterwanderten Jesus und die frühen Christen die bisherige Geschichte Israels und gaben ihr eine neue Wendung.

Das Modell der „Stories“ ist eine Abgrenzung gegenüber dem Positivismus, der sich vorstellt, dass das Ursprüngliche die Einzelbeobachtungen sind, aus denen dann die Gesamtsicht und die Deutung abgeleitet wird. Ein theologischer Positivist würde sich also vorstellen, dass aus der Überlieferung einzelner Jesusworte und -geschichten nach und nach größere Sinnzusammenhänge entstehen und zuletzt dann diesen reinen Fakten noch die theologische Deutung hinzugefügt wird. Wer dagegen mit Wright annimmt, dass Menschen schon immer in Sinnzusammenhängen (Stories) wahrnehmen und denken, wird ein anderes Bild der Überlieferung für wahrscheinlicher halten (dass nämlich die Anhänger Jesu ihn von Anfang an im Rahmen der jüdischen Story verstanden haben).

Auf der anderen Seite distanziert sich Wright davon, die Aufmerksamkeit nur auf das lesende Subjekt und seine Begegnung mit dem Text („was der Text mir heute sagt“) zu richten. Solche Fragestellungen berücksichtigen die Geschichte nicht ausreichend. Erstaunlicher Weise sind sich hier pietistische Tradition und Dekonstruktionismus recht nahe (91/92).

Somit kommt Wright zu einem kritischen Realismus, der von einem sowohl-als-auch (statt entweder-oder) geprägt ist: einerseits ist Menschen eine „Gottesperspektive“ auf Ereignisse nicht möglich, andererseits ist eine Reduktion von Ereignissen auf Wahrnehmung oder Bedeutung zu vermeiden.

Kurz macht er deutlich, dass dahinter eigentlich eine Hermeneutik der Liebe steht: Erkenntnis geschieht in einem sich-Einlassen auf ein Gegenüber, das dennoch nie wirklich sein Geheimnis verliert und ein echtes Gegenüber bleibt (96/97). Dies ist eine der Andeutungen, die vermuten lassen, dass er als Ergebnis des Gesamtprojektes u.a. einen eigenen erkenntnistheoretischen Ansatz ausführen wird, der in einer neuen Sicht des Seins verortet ist. An anderer Stelle signalisiert er etwa, dass ihm die Story vom Schöpfer, der seine Schöpfung am Ende doch noch in die von ihm geplante Richtung bewegt, wesentlich realistischer erscheint als die üblichen aufklärerischen Stories (136/37). Die Entwicklung einer neutestamentlichen oder christlichen Erkenntnistheorie ist sicherlich ein Unternehmen, das nicht besonders politisch korrekt ist – Wright reklamiert deshalb schon im Vorfeld einen Freiraum auch für sehr ungewöhnliche Stories (135).

Wright wendet seinen Ansatz des kritischen Realismus zunächst auf die drei Bereiche der Literatur, der Geschichte und der Theologie an. Er möchte damit am Gegenstand demonstrieren, dass dies ein sinnvoller Ansatz ist. Er bekennt sich dabei zu den Kriterien, die auch sonst für die Verifikation einer Hypothese gelten: Dass sie den vorliegenden Daten gerecht wird, dass sie die Details möglichst einfach integriert, und dass sie sich auch außerhalb ihres unmittelbaren Gegenstandes als fruchtbar erweist (70/71 – noch einmal ausführlich dargestellt 137 – 150). Gerade bei Entscheidungen in der Erkenntnistheorie ist dieser eher pragmatische Ansatz sinnvoll, weil es besonders hier keine Fixpunkte gibt, gegen die man eine Theorie prüfen könnte.

Man muss zugeben, dass dieser Teil des Buches wirklich hartes Brot ist. Wright kommt damit aber an Tiefenschichten der theologischen Diskussion heran, die sonst unbemerkt bleiben und gerade so ihren Einfluss ausüben. Auch wenn er sich mit postmodernen Ansätzen kritisch auseinandersetzt, bleibt sein Hauptgegner der Positivismus mit seinen direkten und indirekten Auswirkungen in der neutestamentlichen Theologie. Wright beschreibt diese Einflüsse bis in feine Verästelungen hinein und überlässt es vermutlich dem Leser, sie als „verheerend“ zu bewerten.

Auch wenn ich hier noch nicht einmal alle Hauptargumentationen vorstellen und würdigen kann, will ich auch im nächsten Post noch einmal beim grundlegenden Teil II des Buches bleiben, bevor es dann im Teil III um die Beschreibung des jüdischen Kontextes des Neuen Testaments geht.

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NT Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes (2)

Die grundlegenden Fragestellungen

Teil I von Wrights Buch ist eine Einleitung in den Band im Rahmen des z.Zt. auf 6 Bände angelegten Gesamt-projektes. Dieser Teil kann hier als pdf herunter geladen werden.

Trotzdem möchte ich auch diese ca. 50 Seiten hier in Kürze vorstellen. In ihnen schreitet Wright das Gelände ab, auf dem sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Neuen Testament bewegt, und skizziert seine geplante Wegroute.

Wright unterscheidet vier grundlegende Zugänge zum NT:

  • Der vor-kritische Zugang, der bis zur Aufklärung der allgemeingültige war, und der selbstverständlich von der Autorität des Textes ausging;
  • die historische Sichtweise, deren Beginn im 18. Jahrhundert mit dem Namen Reimarus verknüpft ist, und die sich in ihrem Ursprung als Widerlegung des orthodoxen Christentums verstand;
  • der theologische Ansatz, vor allem verbunden mit dem Namen Rudolf Bultmann, der in Antwort auf die historische Kritik die Theologie des Neuen Testaments zu erheben und so zusammenzufassen sucht, dass sie spätere Generationen als zeitlose Wahrheit anreden kann;
  • und schließlich die postmoderne Literaturkritik, die den Prozess der Lektüre selbst in den Blick nimmt.

Wright ist zuversichtlich, dass diese unterschiedlichen Ansätze nicht gegeneinander stehen müssen, sondern zusammengeführt werden können. Dass „Geschichte“ und „Theologie“ in getrennte Bereiche einsortiert werden, ist gerade ein Kennzeichen des aufklärerischen Denkens, dessen Grenzen gegenwärtig immer deutlicher werden. Dieser schädliche Dualismus muss überwunden werden, aber nicht so, dass eine Seite einfach in der anderen aufgeht.

Wright identifiziert zwei Grundfragen, die er dann weiter in Unterfragen aufgliedert:

  1. Wie fing das Christentum an, und warum nahm es die Gestalt an, die es annahm?
    Dabei geht es darum, wie Jesus, die frühe Kirche, Paulus und die Evangelien zusammen hängen. Dafür gibt es verschiedene grundlegende Erklärungsmodelle, die in den Bereich der „Geschichte“ gehören.
  2. Was glaubt das Christentum, und ist dieser Glaube sinnvoll?
    Hier geht es um die Beziehung zwischen dem, was das Neue Testament sagt und dem, was die Christen glauben.

Mancher würde die zweite Fragestellung gern von der geschichtlichen Frage trennen. Aber das ist irreführend. Geschichte und Theologie können nicht ohne einander. Eine Integration beider Fragen unter Aufnahme der postmodernen Fragen nach dem Rezeptionsprozess ist notwendig. Keine dieser drei Fragestellungen hat das Recht, sich als allein zuständig zu erklären.

Somit könnte man Wrights Werk als eine „Theologie des Neuen Testaments in nicht-dualer, sondern integrierender Absicht“ beschreiben: als den Versuch, wieder zusammenwachsen zu lassen, was sich durch die Verwerfungen der Geschichte und der Diskussion unnötig (?) aus- und gegeneinander gestellt hat.

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Ein verborgener Zusammenhang

Manche Leute tragen so viel Gepäck im Blick auf diesen Namen „Jesus“ mit sich herum, dass – wenn sie dem Geheimnis begegnen, das in der gesamten Schöpfung gegenwärtig ist: Gnade, Frieden, Liebe, Annahme, Heilung, Vergebung – das Letzte, womit sie dies benennen wollen, der Name „Jesus“ ist.

… schreibt Rob Bell in seinem Buch „Das letzte Wort hat die Liebe“ (S. 160/61). Er hat dabei wohl Individuen vor Augen: Menschen, die irgendwann eine schlechte Begegnung mit Menschen hatten, die einen verzerrten Jesus propagierten.

Aber man kann das genauso auf mehr oder weniger breite Teile der europäischen Kultur seit der Aufklärung beziehen: viele gute Errungenschaften, die dieses Geheimnis der Schöpfung widerspiegeln, oft durchaus irgendwann einmal im christlichen Kontext entstanden. Aber der Name, das Etikett, ist tabu. Zu viele tatsächlich oder angeblich schlechte Erfahrungen. Verankert im kollektiven Gedächtnis, auch bei denen, die selbst so etwas nie erlebt haben. Immer wieder am Leben gehalten von Rechthabern auf beiden Seiten. Und wahrscheinlich wäre es deshalb nicht gut, wenn wir mit diesem Zusammenhang hausieren gingen.

Aber darum wissen, das sollten wir schon.

Willkommen in Almanya

Gestern einen wirklich erfreulichen Film gesehen: „Almanya – willkommen in Deutschland“. Eine leichtfüßige Komödie über 45 Jahre Arbeitsmigration nach Deutschland. Ich hätte nicht gedacht, dass man das Thema dermaßen heiter, berührend, ironisch, locker, witzig, traurig, chaotisch, historisch und hoffnungsvoll angehen kann.

Die Handlung ist schnell erzählt; aber wie das Ganze angerichtet wird, mit vielen unvergesslichen Momenten voller Komik, bei der die Würde immer gewahrt bleibt, das muss man gesehen haben. Wie sämtliche Klischees ironisiert und immer wieder spielerisch gewendet werden, das ist mit Vergnügen anzuschauen und zeigt einen hoffnungsvollen Weg zum Umgang mit den Verletzungen der (Migrations-) Geschichte. Dem Film gehen bis zum Ende die Einfälle nicht aus.

Na gut, wahrscheinlich bin ich jetzt schon ein bisschen spät mit diesem Post dran, viele haben den Film sicher schon gesehen. Aber wer nicht: unbedingt reingehen.

Hier der Trailer

Hier weitere Filmausschnitte


Tiefebene endet – neuer Blog „Walters Werkstatt“

Nach knapp sechs Jahren habe ich diesen Blog eingestellt und eine neue Webpräsenz eingerichtet:
"Walters Werkstatt. Theologie, Politik und Kirche: Texte aus der norddeutschen Tiefebene". Dort werde ich in Zukunft alle meine Texte sammeln. Auch die bisherigen "Tiefebene"-Texte finden sich in Walters Werkstatt..
Also, wenn du von mir lesen möchtest, dann komm in Zukunft dorthin. Hier werden nur noch für eine Übergangszeit Hinweise auf Veröffentlichungen in "Walters Werkstatt" erscheinen.

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