NT Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes (4)

Die Autorität von Stories

Noch ein paar letzte Gedanken aus dem Grundsatzteil des Buches: Wright durchdenkt von seinem Ansatz des Kritischen Realismus aus, was Geschichtsschreibung leisten sollte, und welche Art von Autorität das Neue Testament haben könnte.

Zur Aufgabe des Historikers:

Wright beschreibt, warum es keine voraussetzungslose Geschichtsschreibung geben kann, die einfach nur schildert, „wie es gewesen ist“. Auch ein scheinbar unbestreitbarer Satz wie „Jesus starb“ beinhaltet Entscheidungen (die beim Satz „Christus starb für unsere Sünden“ natürlich viel offensichtlicher sind). „Jesus starb“ beinhaltet mindestens die Voraussetzung, dass es wichtiger ist, die Aufmerksamkeit auf Jesu Tod zu richten, als auf den Tod der beiden anderen an diesem Tage Gekreuzigten, oder auf die Tausenden von Juden, die im ersten Jahrhundert denselben Tod von römischer Hand erlitten (119). Wie man es auch wendet: der positivistische Traum von einer „bloßen Geschichte“, die man neutral schreiben könnte, bevor man zu den Wertfragen kommt (die dann schnell ins Private abgeschoben werden), bleibt ein Traum. „Fakten“ gibt es nicht ohne den Erkenntnisprozess, in dem sie gewonnen wurden.

Andererseits bedeutet das nicht, dass es sinnlos wäre, Geschichte zu schreiben. Es ist grundsätzlich möglich und sinnvoll. Dass es keine voraussetzungslose Geschichtsschreibung gibt, heißt nicht, dass es keine Fakten gäbe (125). Dass ein (z.B. neutestamentlicher) Autor sein Material bewusst arrangiert, sagt nichts darüber, ob das, wovon er schreibt, Realität ist oder nicht. An Interpretation kommt man nicht vorbei; die Frage ist aber, ob eine Interpretation das Ereignis in seiner Tatsächlichkeit und Bedeutung öffnet oder verschließt (129).

In der neutestamentlichen Wissenschaft waren Zweifel an der Tatsächlichkeit der Berichte über Jesus manchmal nicht unwillkommen, weil man sich so besser in der Lage wähnte, den biblischen Berichten eine universale, nicht zeitgebundene Botschaft zu entnehmen, die man dann auf die Gegenwart anwenden konnte. Dabei blieb aber oft ein blasser Jesus zurück, der kaum noch an seinem historischen Ort verankert war und je nach Interesse zurechtgebogen werden konnte (132).

Eine angemessene Beschäftigung mit Geschichte umfasst aber auch die Intentionen, sowohl von Individuen, als auch von ganzen Gesellschaften – also die Innenseite der Ereignisse, ihr Warum. Die Intentionen von Gesellschaften erschließen sich durch das Studium ihrer Symbole, ihrer Verhaltensweisen und vor allem durch die Untersuchung der Stories, die sie sich erzählen. Die Aufgabe des Historikers ist es, diesen Gesamtzusammenhang (also etwa das antike Judentum) zu rekonstruieren und die einzelnen Individuen (z.B. Jesus oder Paulus) dort hineinzustellen und verstehbar zu machen. Dabei geht es dann nicht mehr um das Sammeln kleiner Fakten-Brocken, sondern um eine kreative Synthese der Daten, die der Historiker aufgrund seiner Vorstellungskraft produziert. Dabei greift er unweigerlich auf seine Erfahrung und seinen Lebenshorizont zurück (z.B. auf seine politischen Erfahrungen oder auf seine Vorstellung, wie Kirche ist bzw. sein sollte). Ergebnis ist eine Hypothese, die dann wieder dem Prozess der Überprüfung und Weiterentwicklung unterliegt (150-55).

In der neutestamentlichen Wissenschaft hat es solche Synthesen seit dem ersten Weltkrieg leider kaum gegeben – die kleinteilige Arbeit an Einzelproblemen dominierte (155-56). Das ist bedauerlich, weil das Christentum eine Geschichte über den Schöpfer und seine Welt erzählt, der unübertroffen in Jesus Christus gehandelt hat. Deswegen ist die Beschäftigung mit Geschichte für Christen unaufgebbar: nicht, um Bestätigungen („Belegstellen“) für das zu finden, was man eh schon glaubt, sondern um diesen Gott wirklich zu verstehen, so gut, wie es nur irgend geht (181-82).

Weil das Konzept der „reinen Geschichte“ eine Illusion ist und es ein genuin christliches Interesse an der Geschichte gibt, ist es auch nicht sinnvoll, dass der neutestamentliche Wissenschaftler während der Arbeit seine christliche Identität suspendiert und sich als Positivist versteht. Christentum und Positivismus bewegen sich als konkurrierende Weltanschauungen auf der gleichen Ebene (nur dass der Positivismus sich so erfolgreich als Wertebasis der Gesellschaft durchgesetzt hat, dass er nicht mehr als Weltanschauung erkannt wird). Sie versuchen gegenseitig, ihre fundamentalen Stories zu unterwandern: der Positivismus hat dem Christentum einen Platz im privaten Raum zugedacht, während z.B. Wrights Ansatz versucht, dem aufklärerischen Anliegen einen legitimen Platz innerhalb der christlichen Weltsicht zu geben (183-84).

Zur Autorität der Bibel:

Dem Neuen Testament wird nun aber vom überwiegenden Teil der Christen eine Autorität zugeschrieben, die über die einer beliebigen historischen Quelle hinausgeht. Nur – welche Art von Autorität können Stories überhaupt haben? Wright schlägt vor, dass man die Bibel wie ein Theaterstück in fünf Akten ansehen möge, dessen letzter Akt verlorengegangen ist. Eine Schauspielertruppe bekommt den Auftrag, dieses Stück aufzuführen und dafür einen passenden fünften Akt zu erfinden. Sie muss den vorhandenen Stoff berücksichtigen, wird ihn am Anfang des 5. Aktes möglicherweise auch frisch nacherzählen. Aber sie muss dann auf ihre eigene Verantwortung (und mit der Gewissheit, es nicht 100%ig richtig zu machen) ihre eigene Version spielen. In Treue zum vorhandenen Stoff natürlich (und insofern hat dieser Stoff Autorität und muss intensiv studiert werden), und dennoch ihre eigene Version. Einfach nur die bisherige Handlung zu rekapitulieren reicht nicht (187-191).

Das ist ein sehr hilfreiches Verständnis von der Autorität der Bibel, weil es die Erforschung der Dokumente durch die Bibelwissenschaft in einen sinnvollen Zusammenhang stellt. Andererseits gibt es der Bibel eine angemessene Autorität, ohne damit die Kreativität der Christen einzuschränken (und ohne den Christen den kreativen Akt und die Verantwortlichkeit zu ersparen).

Und nachdem das alles mindestens grundsätzlich geklärt ist, kann Wright damit beginnen, in Teil III den Gesamtzusammenhang zu beschreiben, in dem die Schriften des Neuen Testaments entstanden sind: das Judentum des ersten Jahrhunderts und seine grundlegenden Stories.

Alle Posts dieser Reihe:  | Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 |

10 Responses to “NT Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes (4)”


  1. 1 Peter 18. Juli 2011 um 08:55

    Danke für die Zusammenfassung. Ich hab das Buch bisher in beiden Sprachen nur im Schrank stehen. Neulich habe ich mir das UTB-Büchlein „Geschichtstheorien“ von Lothar Kolmer besorgt, um mich (auch für Kirchengeschichte) etwas zu orientieren. Der widmet dem Historismus und Positivismus viel Raum, hält sie aber wohl für überholt (bin noch nicht fertig)…

  2. 2 Arnachie 18. Juli 2011 um 15:02

    Hallo Walter und Peter,
    ich habe die Kapitel auch überflogen, war aber ein wenig enttäuscht. Ich finde, Wright macht da auf halbem Wege halt (was natürlich unbestrittener Weise immer noch bedeutet, dass er weiter geht als die meisten NT Forscher). Er deutet das Problem an, fast es aber nicht radikal genug. Ich habe in meinem letzten Blogpost versucht das Problem einer narrativen Theologie (in den exegetischen aber auch dogmatischen Fächern) auf den Punkt zu bringen. Das Problem ist glaube genau die Synthese und Harmonie eines großen Bildes und das ja gerade die „Moderne“ dadurch gekennzeichnet war, dass sie für das große Bild und die große Vision alles randständige, alles wiederständige eingeebnet hat. So kann auch eine Heilsgeschichte alle Texte harmoniseren oder delegitimieren, die nciht in die große Geschichte passen (was ist zB mit dem Buch Qohelet?). Hier scheint mir ein grundsätzlicher Konflikt zu sein zwischen unseren Diagnosen ÜBER die Postmoderne (die Leute wollen heute wieder Stories hören, sie wollen Ganzheit) und das Denken DER Postmoderne (poststrukturalistische Diskurs als Kritik aller Totalitätskonzepte). Ich glaube, hier ist die meiste Arbeit noch nicht wirklich getan…

  3. 3 Philipp Mertens 18. Juli 2011 um 22:41

    Danke für die Zusammenfassung, Walter.

    @Arne: Bis zu Deiner Kritik an einer vielleicht gar erzwungenen Harmonie kann ich Dir folgen. Hier würde ich mich z.B. auch fragen, ob unsere westliche Logik uns nicht manchmal einen Streich spielt, v.a. wenn wir die Bibel harmonisieren wollen. Konkret: Gott ist einerseits der gerechte König, andererseits der gnädige Vater. Würde sich ja eigentlich logisch widersprechen.

    Und ähnlich ist es ja auch mit den verschiedenen Schriften der Bibel: Qohelet vermittelt ein eher pessimistisches Grundgefühl, während andere Autoren mit Hoffnung und Perspektive an den Tag gehen (Jes 65f.; Dan 12; NT sowieso). Muß ich das harmonisieren? Oder können nicht Menschen Dinge relativ unterschiedlich wahrnehmen, deuten, usw., die wir dann in ihrer Vielschichtigkeit stehen lassen? Wenn man dann mit einer Geschichtstheorie an die ganze Sache geht, muß man natürlich notwendigerweise vereinfachen, oder?! Das ist doch gerade das Prinzip einer Theorie, richtig? (frage als Nicht-Historiker)

    Deinen vorletzten Satz kann ich leider (wohl aus Unwissenheit) nicht ganz folgen: Heißt „Kritik aller Totalitätsansprüche“ für Dich, daß man besser nicht hingeht, um eine Geschichtstheorie zu entwickeln (wie auch immer die aussehen mag)? Werde mich gleich mal Deinem Blogpost zu zuwenden. Im kommenden Semester gibt’s wohl auch ein Seminar zur Geschichtsphilosophie. Bin gespannt…

    Viele Grüße,
    Philipp

  4. 4 tiefebene 18. Juli 2011 um 23:03

    Hallo, ihr beiden,
    mir ist durch die Beschäftigung mit NT Wrights Buch und einige andere Erlebnisse deutlich geworden, wie sehr wir im Grunde noch im Positivismus drinstecken. Der mag wissenschaftstheoretisch überwunden sein (in der Theologie aber wohl noch nicht), aber als eine Art Alltagspositivismus bildet er immer noch ein relativ stabiles verbindendes Band für einen großen Teil der Gesellschaft und ihre Kultur. Ich sehe Wrights Buch vor allem als eine – sehr nötige – Auseinandersetzung in dieser Richtung.
    Seine Behauptung ist ja gerade, dass wir unser Weltbild de facto über Stories gestalten, egal, ob wir es zugeben oder nicht. Die positivistische Story tut so, als sei sie keine und ist gerade dadurch mächtig. Also, wir haben gar nicht die Wahl, ob wir mit Stories leben wollen oder nicht. Wir tun es. Wrights Story-Ansatz ist keine Empfehlung einer narrativen Theologie, sondern eine Theorie darüber, wie sich Menschen ihre symbolische Welt konstruieren.
    Auch die Behauptung vom Ende der großen Geschichten ist eine Story. Und mein Verdacht ist, dass sie gar nicht so weit von der positivistischen Story entfernt ist. Oder plakativ gesprochen: das angebliche Ende der großen Stories und Helmut Schmidts Diktum, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, sind nicht weit auseinander. Der Trick dabei ist, dass auch Helmut Schmidt seine Visionen hat(te), er nennt sie nur nicht so.
    Wenn das aber so ist (dass wir de facto immer eine Story erzählen), dann sollten wir vor allem darüber nachdenken, was gute Stories sind. Und da sind mir schon die jüdischen bzw. christlichen Stories näher als die „römischen“. Genau dieser Unterschied wird aber verwischt, wenn man allen Stories mit Verdacht begegnet (nur den eigenen nicht).
    Das reicht erst mal für einen Kommentar. Ich finde dies ein sehr wichtiges Thema, habe noch einiges im Kopf und hoffe auf Fortsetzung der Diskussion.
    @Arne, ich verlinke deinen Blogpost hier, weil ich den natürlich auch im Kopf hatte, als ich dies schrieb:
    http://arnachie.posterous.com/das-problem-mit-story-theology
    @Philipp: ich sehe gerade, dass du kommentiert hast, während ich diesen Kommentar schrieb. Tut mir leid, dich hatte ich beim Schreiben noch nicht auf dem Schirm.

  5. 5 Phil Mertens 19. Juli 2011 um 12:50

    Kein Problem, Walter. Waren ja auch mehr Fragen, die ich in den Raum geworfen habe.

  6. 6 Arnachie 20. Juli 2011 um 18:27

    @Phillip:
    Ja mit dem Harmonisieren meine ich genau soetwas, wo man eine Einheitlichkeit annimmt, wo die Dinge vieldeutig sind. Und ich denke, das macht auch N.T. Wright. Gibt es bei ihm nicht im Endeffekt EINE Story der Bibel, EINEN roten Faden? Und ist nicht die Gefahr, dass man andere Fäden nicht sieht und die Verschiedenheit der Texte zu schnell glattbügelt? Ich bin der Meinung gerade auch seine Eschatologie, so symphatisch sie mir ist, bügelt da die Texte zurecht, wo sie polemisch wird (nämlich da wo er sich vom modernen „Gnostizismus“ oder „Platonismus“) abgrenzt. Und ja: in der heutigen Historiographie sind Großtheorien eher out, man versucht nur noch selten die ganze Geschichte mit einem Schema zu erklären, sondern guckt sich jeden „Gegenstand“ in Isolation an (wobei Gegenstand alles von einer Epoche, bis zu einem Text oder einem Youtube Video sein kann)
    @Walter:
    Ja ich stimme überein, was die Stories angeht und ich habe den gleichen Verdacht wie du, was „das Ende der großen Erzählungen“ (Lyotard) angeht. Positiv gesprochen würde ich sagen, hier hat uns N.T. Wright noch ne Menge Arbeit übrig gelassen, kritischer gesagt würde ich sagen, hier hat er seine Theorie selbst nicht gut ausgearbeitet. Gerade weil er doch kein Philosoph ist und nicht den Anspruch haben kann, hätte ihm an der Stelle vielleicht ein paar mehr Fußnoten gut getan. Denn die Arbeit mit Narrativen ist ja von anderen schon gemacht worden. Im Deutschen kann ich ein Lehrbuch von Müller-Funk – die Kultur und ihre Narrativen – empfehlen. Da merkt man, dass die Fragen da erst anfangen. Zum Beispiel was ist mit der psychoanalytischen Einssicht, dass die Stories die wir erzählen und die Stories die wir leben zwei paar Schuhe sein können? Oder wenn man sich moderne Erzähltechniken anguckt, dann sieht man dass wenige noch einen linearen Plot schreiben, sondern zB Brechungen in diesen Plot einbauen oder wie bei Episodenfilmen einen großen Plot aus vielen kleinen Plots mosaikhaft zusammensetzen. Das wäre doch ein viel passenderes Bild für die Bibel: ist die Bibel nicht eher ein Episodenfilm, in der verschiedene Stories neben- aber auch manchmal gegeneinanderstehen und der große Plot eigentlich immer implizit und mehrdeutig bleibt? So sehr ich das Bild mit dem 5-Akte Drama schätze so sehr glaube ich doch dass es die Sache noch zu sehr vereeinfacht, denn es gibt bei der Bibel eben keinen Shakespeare, der das Drama am Stück „komponiert“ hat, sondern die Bibel ist in einem komplexen Prozess „emergiert“ und die große Storyline der Bibel ist ungleich schwerer zu rekonstruieren als die eines Shakespeare Dramas. Aber Wright hat recht: man kann sie nur durchs „Improvisieren“ nachfühlen und nicht am Schreibtisch ermitteln.

    • 7 Phil Mertens 20. Juli 2011 um 21:35

      Danke für Deine Ausführungen und Erläuterungen. Ich schätze Deine geschichtsphilosophischen Ansichten sehr. Du solltest dem unbedingt weiter nachgehen, wirklich cool.

      Eine Frage, die sich mir beim Lesen Deines Kommentars gestellt hat, war der: Muß man notwendigerweise die große Storyline gegen die Einzelstories der Bibel auspielen? Wäre das nicht wieder in dem Schema Entweder-Oder gedacht?

      Ich gebe Dir vollkommen recht, wenn Du schreibst, daß die BIbel in einem „komplexen Prozess ,emergiert‘ „. Sie ist ja eben von Menschen aufgeschrieben worden, und zwar zu teils völlig unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen. Man müßte entweder biblizistisch-vereinheitzwingend oder willkürlich-selektiv vorgehen, um ein logisch-konsistentes Gebilde zu erzeugen, was aber meiner Ansicht nach „dem“ jüdischen Weltbild selbst, aus dem die BIbel ja zunächst emergiert, fremd ist. Man denke nur an das bereits Bibel-interne Kommentieren und Auslegen bestimmter Aussagen.

      Und dennoch bin ich überzeugt davon, daß es so etwas wie eine große Storyline geben kann und letztlich auch muß, wenn ich davon ausgehe, daß in letzter Konsequenz doch ein handelnder Gott hinter allem steht, der in Beziehung zu seiner Schöpfung leben will – aber eben nicht statisch, sondern dynamisch. Andernfalls müßte ich ja einen Großteil der BIbel selbst gänzlich eleminieren. Ich denke da z.B. an den Gedanken des Mysteriums Gottes aus Eph, an den Kairos-Gedanken aus dem Gal, ganz zu Schweigen von der Eindung der Jesus-Geschichte innerhalb der verschiedenen Evangelien. Durch die Eingliederung Jesu in eine Ahnenreihe wird doch nichts anderes produziert als ein geschichtlicher Zusammenhang.

      Die Annahme einer groben Storyline halte ich also grundsätzlich nicht für problematisch. Was sicherlich problematisch ist, ist der Versuch, aus all den unterschiedlichen Informationen die eine große Storyline herausfiltern zu wollen. Halte ich genauso für fatal wie Platons Versuch, die Seele vom Leib trennen zu wollen.

      Daß solch ein Denken in der Historiographie out ist, dürfte nicht verwundern. Basiert ja auf einer ideologischen Vorentscheidung, einen souveränen Gott außen vor zu lassen. Was ich spannend fänd, wäre zu wissen, wie denn entsprechende Entwürfe von Kirchenhistorikern aussehen. NT Wright geht als Neutestamentler natürlich im wesentlichen von der Bibel mit Fokus aufs NT aus. Kennt jemand aktuelle Entwürfe von Leuten aus anderen Teildisziplinen? Mir würden jetzt wohl eher Namen aus Zeiten des Pietismus oder so einfallen…

  7. 8 tiefebene 27. Juli 2011 um 10:26

    Ich möchte unter den vielen Gedanken hier nur noch kurz an einen anknüpfen:
    Ich finde, dass Wright durch seinen Gebrauch der Hypothese/Verifikations-Methode eine gewisse Leichtigkeit in die möglichen großen Geschichten hineinbringt. Es geht da nicht um die „richtige“, „bibeltreue“ Auslegung, sondern um die Frage, welche Sicht den Daten am besten gerecht wird. D.h., er rechnet damit, dass eben Puzzleteile übrig bleiben können, und dass der nächste es besser hinkriegt. Und dass im Laufe der Zeit auch neue „Linsen“ erwachsen können, mit dem man das Ganze wieder neu und besser sehen kann. Er würde also wohl nicht behaupten, dass seine Auslegung „die richtige“ ist, sondern nur, dass sie mindestens zur Zeit besser mit den Daten umgeht als die anderen. Mit so einer quasi experimentellen Einstellung müsste das doch alles entspannter sein.
    Und wenn man dann noch mit Phil daran denkt, dass der lebendige, souveräne Gott die Mitte der Schrift ist (und deshalb diese Mitte nie ein für alle mal zu definieren ist), der sich nicht in eingängigen Formeln, sondern in einem so vielgestaltigen Buch wie der Bibel offenbart: dann müsste man doch mit gutem Gewissen auch solche Gesamtstories zeichnen können (den Hinweis auf die Genealogien finde ich stark!).
    Und ich würde mich getrauen, da auch für Kohelet ohne Gewalt einen sinnvollen Platz zu finden.

  8. 9 philmertens 28. Juli 2011 um 07:23

    Gute Gedanken, Walter. Danke!


  1. 1 NT Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes (6) « Tiefebene Trackback zu 3. November 2011 um 14:44

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