Klara Butting: Hier bin ich. Unterwegs zu einer biblischen Spiritualität

Spiritualität ist in aller Munde (auch ich habe darüber vor einiger Zeit gebloggt). Die Quellen dieser Spiritualität liegen aber oft in außereuropäischen kulturellen und religiösen Zusammenhängen oder in bestimmten Stationen der Kirchengeschichte. Insofern ist die Fragestellung nach einer ausdrücklich biblischen Spiritualität besonders im Protestantismus schon länger dran. Klara Butting ist in ihrem neuen Buch „unterwegs“ dazu. Sie beschreibt Grundlinien einer biblischen Theologie und fragt von dort ausgehend nach Zugängen zu spirituellen Erfahrungen.

Dieser Anmarschweg bringt einen signifikant anderen Erfahrungshintergrund ins Spiel als die üblichen Stille- und Naturmeditationen. Zentrales spirituelles Muster ist für Butting die gemeinschaftliche Lektüre biblischer Texte. Das klingt zunächst nicht besonders aufregend, insbesondere für Leute mit ausgeprägter Bibelkreis-Erfahrung. Aber Butting hat einen intensiven bibeltheologischen Ansatz, der noch in der Lage ist, sich von den Texten überraschen zu lassen, anstatt bloß theologische Standardsätze abzurufen. Und sie arbeitet mit einer Methode gemeinschaftlicher Bibellektüre, die dem Prozess unter den Teilnehmern vertraut und im Prinzip dem besser bekannten „Bibelteilen“ sehr ähnlich ist. Im Ergebnis führt das zu einer anderen Art spiritueller Erfahrung, die tatsächlich der Bibel viel angemessener ist. Ich fand den Unterschied in den folgenden Sätzen schön beschrieben:

Wenn ich z.B. eine Formulierung wie „die Mitte finden“ höre, denke ich an Leute, die  – wie wir bei den Bibel-Lese-Tagungen – im Kreis an Tischen sitzen. Ich denke an Situationen, in denen ein Gespräch gelungen ist, unerwartete Begegnungen stattgefunden haben, in denen ich von Gottes Vision der Einen Welt berührt wurde. Immer wieder habe ich während der Bibel-Lese-Wochen diese Erfahrungen gemacht, dass ich gerufen wurde, an Gottes Engagement für eine bewohnte Erde teilzunehmen und mich neu an Gottes Verheißungen auszurichten.

Butting beschreibt dann, dass dieses Achtsamwerden ausstrahlt in andere Bereiche hinein. Spiritualität hat ja immer irgendwie mit Wegen zu tun, auf denen Wahrnehmung – das Hinschauen und Hinhören – neu eingeübt wird. Bei einer biblischen Spiritualität ist dieses Übungsfeld die gemeinsame Wahrnehmung der Bibeltexte und der Stimme, die sich in ihnen erhebt. Dies kann durchaus auch zu intensiven geistlichen Erfahrungen führen, aber das ist keine Pflicht. Diese Einübung wird sich jedenfalls auch in anderen Lebensbereichen bemerkbar machen. Und bei solch einer biblischen Spiritualität sind die Anderen von Anfang an mit dabei. Sie müssen nicht nachträglich irgendwie noch integriert werden, denn gerade durch die unterschiedlichen Beteiligten wird die Bibellektüre unvorhersehbar und deshalb frisch, und sie führt auf Praxis hin. Buttings zentraler Praxisbezug und Erfahrungsmodell ist die Woltersburger Mühle, ein Arbeitslosen- und Qualifizierungsprojekt bei Uelzen, zu dem gleichzeitig ein Zentrum für biblische Spiritualität gehört.

Dieser Versuch, Spiritualität schon an der Wurzel mit Bibellektüre, Gemeinschaft und befreiender Praxis zu verknüpfen, scheint mir unbedingt nötig und sehr hoffnungsvoll. Gleichzeitig wird durch diese Aufgabenbeschreibung aber auch deutlich, dass das Buch zunächst so etwas wie eine Zwischenstation sein muss. Butting sucht in der biblischen Überlieferung nach Spuren der Spiritualität und wird an vielen Stellen fündig. Die oft beschriebene mystische Erfahrung der Einheit bringt sie z.B. zusammen mit dem Bekenntnis Israels, dass Gott Einheit ist, keine widerstreitende Vielzahl wie die heidnischen Götter und Mächte. So ist das Buch auch Einführung in eine biblische Theologie, die jenseits der allzu bekannten Paradigmen die Texte sehr profiliert zur Sprache bringt. Die Autorin greift dabei – eine von mehreren Parallelen zu NT Wright – stark auf die ganze Bibel zurück und und lässt den alttestamentlichen Bezugsrahmen, auch im Gespräch mit jüdischen Erfahrungen, deutlich werden.

Verschwiegen werden soll allerdings nicht, dass im Vergleich zur biblischen Thematik die Konkretionen der Spiritualität eher skizzenhaft sind. Wer geistliche Übungen o.ä. sucht, wird enttäuscht werden. Vielleicht kann das auch (zur Zeit noch) nicht anders sein. Immerhin gibt es gute Zugänge zum Abendmahl, zum Gebet und zum Ruhetag/Sabbat. Die eigentliche geistliche Übung – so kann man Butting wohl verstehen – ist die Teilnahme am messianischen Lebenswerk Jesu: der Befreiung aller Kreatur aus Unterdrückung und Gewalt.

Ich verkneife es mir, hier eine ausführlichere Inhaltsangabe des Buches zu geben. Dafür ist es einfach zu dicht gepackt mit guten, substanziellen Durchblicken. Der Grundansatz erweist seine Fruchtbarkeit in vielen einzelnen hilfreichen Klärungen. Man sollte das Buch tatsächlich lesen. Mit 107 Seiten überfordert es nicht. Vielleicht werde ich in der nächsten Zeit aber noch ein paar Zitate bloggen. Leider ist das Buch z.Zt. nicht bei Amazon erhältlich. Man kann es direkt bestellen bei Erev-Rav, die Lieferung erfolgt umgehend.

Ein Hinweis zum Schluss: die Autorin hat an der „Bibel in gerechter Sprache“ mitgearbeitet und gibt den alttestamentlichen Gottesnamen beinahe immer in weiblicher Form (die Ewige, die Eine) wieder. Wen das stört, der sollte an diesen Stellen einfach in Gedanken eine ihm vertraute männliche Form einsetzen. Die Substanz und Qualität des Buches wird dadurch keinen Schaden nehmen.

5 Responses to “Klara Butting: Hier bin ich. Unterwegs zu einer biblischen Spiritualität”


  1. 1 IWe 24. Oktober 2011 um 19:56

    Freue mich sehr über Ihren Beitrag, denn gerade letzte Woche habe ich an einem Seminar mit Klara Butting teilgenommen: „Mit den Psalmen beten – Spiritualität und Politik“. Es war unglaublich bereichernd und inspirierend. Ich habe sehr viele Impulse und Anregungen mitgenommen.

    Ich hatte im Kontext des christlich-jüdischen Gesprächs schon einiges von ihr gehört und gelesen.

    Mich hat sehr beeindruckt, wie die politische Dimension immer mitgedacht wird. Und der Verzicht auf „Naturmeditationen“ oder ähnliches muß ja nicht heißen, dass es nicht noch andere kreative Zugänge gibt, wie man Psalmen (und andere Texte) ins Leben bringen kann. Ich schreibe vielleicht in den nächsten Tagen in meinem Blog noch was darüber.

    Die Ähnlichkeit mit dem Bibelteilen fand ich nun nicht, aber vielleicht lag das an der Zielgruppe des Seminars.

  2. 2 tiefebene 24. Oktober 2011 um 20:34

    Hallo IWe,
    ich bin ja nicht gegen Naturmeditation, nur auch bei Jalics hat mich immer gestört, dass das theologisch so freischwebend war. Ich habe dann immer dran gekaut, es theologisch einzuordnen. Butting macht das auch, und zwar gut.
    Besonders interessant finde ich, dass sie davon schreibt, wie ihr dabei lange die Kirchenkampf-Wendung gegen die natürliche Theologie im Wege gestanden hat. Genau so ist es mir gegangen, und man muss dann einen Weg finden, wie man die völlig richtige Wendung gegen neue Offenbarungsquellen (etwas besonders „deutsche“) beibehält und trotzdem von der Gegenwart Gottes in seiner Schöpfung reden kann. Also, ich habe das Buch sehr intensiv gelesen.
    Herzliche Grüße nach Berlin!

  3. 3 IWe 24. Oktober 2011 um 21:16

    Ich hab‘ auch nichts gegen Naturmeditation, aber mein Eindruck vom kirchlichen Bereich ist, dass dort „Natur“ häufig auf der einen Seite sehr überhöht, idealisiert und verkitscht wird. Der exponierteste Ausdruck dafür ist die „gestaltete Mitte“, der sie im Bereich der kirchlichen Erwachsenenbildung kaum entkommen können.
    Eine Gegentendenz scheint sich gerade in einem Bereich der kirchlichen Männerarbeit zu entwickeln, die nach Übergangsritualen sucht – Stichwort „Visionssuche“. Das scheint aber eher naturreligiöse-schamanisch inspiriert zu sein als von biblischer Spiritualität geprägt.

    • 4 tiefebene 24. Oktober 2011 um 21:22

      Gestaltete Mitte – hihi
      Und, ja, diese Rituale sind schon sehr merkwürdig. Es ist nicht so richtig klar, was da eigentlich passiert, und wie das zur biblischen Tradition passt. Da ist Frau Butting wesentlich klarer.
      Was ich vergessen hatte zu schreiben: es ist wirklich erstaunlich, wo sich unsere Wege berühren!

  4. 5 IWe 25. Oktober 2011 um 10:51

    Ja – finde ich auch.
    Ein sehr gelungener Artikel zur „gestalteten Mitte“ ist hier:
    http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2011/die-maenner-und-die-gretchenfrage-11219
    Ich wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre. Mich hat es sehr amüsiert.

    In den meisten kirchlichen Bildungshäusern wird auf dem Referentenbogen abgefragt, ob man eine „gestaltete Mitte“ haben will – und wenn ja, in welcher Variante.

    Bei uns oder im säkularen Bereich habe ich sowas noch nie auch nur in Ansätzen erlebt.


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