Archive for the 'Atonement' Category

N.T. Wright: Die vergessene Story der Evangelien (2) – Königtum Gottes und Kreuz

Auf meinem neuen Blog “Walters Werkstatt” ist der zweite Teil einer Reihe von Posts über das neue Buch von N.T. Wright erschienen: “How God became King. The forgotten Story of the Gospels”.

Wright beschreibt, wie das Thema „Reich Gottes“ und das Thema „Kreuz“ wieder zusammen kommen können. Das Reich Gottes als übergreifender Verständnisrahmen für das ganze Handeln Jesu ergibt auch für seinen Tod einen guten Sinn. Für die Evangelisten war das sowieso von Anfang an eine Einheit. Und vom Kreuz her betrachtet erschließt sich ein tieferes Verständnis der Gottesherrschaft, das allen Triumphalismus ausschließt.

Wenn dich das Thema interessiert, dann lies doch weiter auf “Walters Werkstatt“. Alle alten Tiefebene-Beiträge habe ich dorthin exportiert, und neue Beiträge erscheinen nur noch dort. Hier werden noch für eine begrenzte Zeit Hinweise auf Posts und Veröffentlichungen auf dem neuen Blog erscheinen, jeweils verbunden mit der freundlichen Bitte, lieber gleich ”Walters Werkstatt” zu lesen. Besonders bitte ich alle Abonnenten, die mir weiterhin folgen wollen, dies auf meiner neuen Webseite “Walters Werkstatt” zu tun und dazu ggf. ihren RSS-Reader zu aktualisieren.

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Die kopernikanische Wende des Glaubens

Die neue Perspektive auf Paulus bewegt schon länger die Theologie, vielleicht mehr im englischsprachigen Raum als bei uns. Neben Krister Stendahl, E.P. Sanders und James Dunn ist hier insbesondere N. T. Wright, der (inzwischen ehemalige) anglikanische Bischof von Durham zu nennen. Kurz gefasst geht es um die Frage, ob die reformatorische Paulusinterpretation korrigiert werden muss, weil hier die Gegner des Paulus falsch dargestellt worden sind (das Judentum als Gesetzesreligion, deren Anhänger sich durch eigene Leistung die Gnade Gottes erwerben möchten). Diese Sicht tut den jüdischen Zeitgenossen des Paulus Unrecht und verfälscht seine eigene Position – so die Vertreter der new perspective. Denn wenn die Fragestellung des Paulus gar nicht die war, mit der Luther sich herumgeschlagen hat („wie kriege ich einen gnädigen Gott?“), dann kann man auch seine Antworten nur falsch verstehen, wenn man sie mit dem reformatorischen Ohr hört.

Diese neue Sicht auf Paulus wäre natürlich ein Bruch mit einer jahrhundertealten theologischen Tradition – und damit gut reformatorisch. Kein Wunder, dass es (wie gesagt, vor allem im englischsprachigen Raum) heftige Diskussionen gibt. Auf die Kritik (insbesondere von John Piper) hat Wright im vergangenen Jahr geantwortet mit seinem Buch „Justification. God’s Plan and Paul’s Vision„. In seiner Einführung macht er deutlich, dass es hier nicht um einige exegetische Spezialfragen geht, sondern um einen grundlegenden Neuansatz des theologischen Denkens.

Wright beschreibt folgende gedachte Szene: ein guter Freund hat durch irgendeinen unglücklichen Umstand nicht mitbekommen, dass die Erde um die Sonne kreist. Zufällig stößt du im Gespräch darauf und erklärst ihm unter Zuhilfenahme von Teetassen, Tellern, Schemata und astronomischen Büchern die kopernikanische Entdeckung, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Weltalls steht, sondern um die Sonne kreist. Der Freund ist bestürzt und kann es gar nicht glauben.

Mit diesem Bild macht Wright deutlich, um was es hier geht und warum es so heftige Kritik gibt. Immerhin stehen hier theologische Selbstverständlichkeiten auf dem Spiel, die seit dem Mittelalter fast von allen Theologen, von rechts bis links, geteilt wurden. Ich gebe hier ein längeres Zitat von Wright (Justification, S. 7-8) wieder, um den Stellenwert dieser Frage zu beschreiben:

Das theologische Äquivalent für die Vorstellung, die Sonne drehe sich um die Erde, ist der Glaube, dass es in der christlichen Wahrheit immer nur um mich und meine Rettung geht. Ich habe in den letzten Wochen Dutzende von Büchern und Artikeln zum Thema Rechtfertigung gelesen. Durchgehend sind die Verfasser, aus einer Vielzahl von theologischen Richtungen, davon ausgegangen und haben als selbstverständlich vorausgesetzt, die theologische Zentralfrage sei „was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ oder (in Luthers Formulierung): „wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“, oder „wie komme ich in die richtige Beziehung zu Gott?“.

Bevor es nun böse oder erschrockene Reaktionen gibt: ich möchte nicht missverstanden werden – das persönliche Heil ist ungeheuer wichtig. Gott persönlich zu kennen im Gegensatz zu einem rein intellektuellen Zugang zu ihm ist eine Herzenssache jeden christlichen Lebens. Zu entdecken, dass Gott gnädig ist, und eben kein Bürokrat oder Tyrann, ist die gute Nachricht, die uns immer wieder überrascht und beflügelt. Aber wir sind nicht der Mittelpunkt des Universums. Gott kreist nicht um uns. Wir kreisen um ihn. Aus unserer Perspektive mag es so aussehen, als seien „ich und meine Rettung“ das Ein und Alles des christlichen Glaubens. Leider haben viele – viele hingegebene Christen! – diesen Weg gepredigt und gelebt. Und das Problem beschränkt sich nicht auf die Kirchen der Reformation. Es geht zurück auf die westliche Kirche des Mittelalters, es betrifft und schwächt gleichermaßen Katholiken und Protestanten, Liberale und Konservative, Hochkirchler und Volkskirchler. Aber eine Lektüre der Bibel in ihrer Gesamtheit ergibt eine andere Story:

Gott schuf Menschen für einen bestimmten Zweck: nicht einfach für sich selbst, nicht einfach, damit sie in einer Beziehung zu ihm leben könnten, sondern um durch sie, seine Ebenbilder, seine weise, freuden- und segensreiche Ordnung in der Welt aufzurichten. In der Schlussszene der Bibel, im Buch der Offenbarung, geht es nicht darum, dass Menschen „in den Himmel kommen“, um dort in einer engen und intimen Beziehung mit Gott zu leben. Es geht stattdessen darum, wie der Himmel auf die Erde kommt. Die persönliche Beziehung zu Gott, die dort tatsächlich im großen Bild vom neuen Jerusalem verheißen und gefeiert wird, mündet sofort in ein weiteres Ausgreifen, eine weitergehende Heilungskraft: der Strom mit dem Wasser des Lebens, der in der Stadt entspringt; und der Baum des Lebens, der dort aufwächst, und dessen Blätter den Völkern Heilung bringen.

Was gegenwärtig zur Debatte steht, ist nicht einfach das Feintuning von Theorien darüber, was nun genau bei der „Rechtfertigung“ geschieht. […] Sondern der eigentliche Punkt ist meiner Meinung nach, dass das ewige Heil von Menschen – obwohl es natürlich für diese Menschen äußerst wichtig ist – Teil eines größeren Zusammenhanges ist. Gott rettet uns vom gestrandeten Schiff dieser Welt; nicht, damit wir uns nun zurücklehnen und in seiner Gesellschaft die Beine hochlegen, sondern damit wir ein Teil seines Plans werden, die Welt zu erneuern. Wir kreisen um Gott und seine Ziele, nicht andersherum. Hätte die Reformation sich an den Evangelien ebenso abgearbeitet wie an den Briefen, dann wäre diese Verwechslung nie geschehen. Aber sie ist geschehen, und wir müssen uns dazu verhalten. Die Erde, und wir mit ihr, kreist um Gottes Sonne und seine Vorhaben für den ganzen Kosmos.

Hier geht es also nicht um neue Antworten auf alte Fragen, sondern um eine grundlegend andere Fragerichtung. Viele alte Streitpunkte sehen in dieser Perspektive ganz anders aus, neue Aufgaben kommen dazu. Die Kirchen würden sich nicht nur in ihrer Theologie, sondern in ihrer ganzen Sozialgestalt und ihrer Praxis grundlegend ändern, wenn diese Erkenntnisse auf breiter Basis rezipiert werden. Kein Wunder, dass heftig diskutiert wird.

A community called atonement – Kapitel 14

Übersichtsseite zum Buch von Scot McKnight

Kapitel 14:
Welches Modell trifft es am Besten?

Hier kommt nun die Lösung, auf die das ganze Buch bisher zugesteuert ist. McKnights Vorschlag für ein übergreifendes Modell, in das die verschiedenen Theorien zu Sühne/Versöhnung eingeordnet werden können, lautet: Identifikation um der Aufnahme in Jesu Leben willen (identification for incorporation).

Anmerkung zur Übersetzung: Auch hier ist die Wiedergabe im Deutschen schwierig. „incorporation“ drückt treffend aus, dass Menschen in den Leib und das Leben Jesu mit hineingenommen werden sollen (und gleichzeitig klingt in dem Wort auch die Gegenseitigkeit an, nämlich dass Menschen – im Abendmahl – sich Jesus „einverleiben“). „Incorparation“ mit „Einverleibung“ wiederzugeben hätte aber einen problematischen Klang. Es unübersetzt zu lassen und „Inkorporation“ zu schreiben, ist auch keine tolle Lösung.
In diesen Übersetzungsproblemen drückt sich natürlich auch ein Sachproblem aus – in unserer kirchlichen Tradition waren wir immer besser darin, über Jesu Handeln „für uns“ zu reden als über Jesu Handeln „in uns“.
Ich werde einfach diese – schlechten – Übersetzungen abwechselnd benutzen. Oder hat jemand einen Vorschlag für eine bessere Lösung?

Identifikation

Die Menschwerdung Jesu ist Voraussetzung für Sühne/Versöhnung. Jesus teilt unsere Menschlichkeit, aber ohne Sünde. Gott teilt unser Leben, einschließlich der Leiden.

Aufnahme in sein Leben (Incorporation)

Das Ziel der Identifikation Gottes mit den Menschen besteht darin, dass er sie in das neue Leben Jesu, des zweiten Adams, hineinholt. Alles Gute kommt zum Christen durch seine Verbindung mit Christus (am klarsten wird das beim „in Christus“-Thema des Paulus). Diese Verbindung ist die Grundlage von Sühne/Versöhnung. Alle, die in dieser Verbindung leben, bilden die neue Gemeinschaft der wiederhergestellten Bilder Gottes.

Wie passen die einzelnen Bilder für Sühne/Versöhnung in diesen Beutel?

  • Rekapitulation
    Diese Theologie der apostolischen Väter ist im Kern das, was McKnight mit seiner Formel von „identification for incorporation“ auch ausdrücken möchte.
  • Loskauf
    Die Theologie von Lösegeld und Loskauf durch Christus bezieht sich auf einen speziellen Zusammenhang innerhalb des Sühne/Versöhnungsgeschehens: Jesus musste sich dazu den schlimmsten Seiten der Welt aussetzen. Nur so konnte er uns davon befreien. Aber diese Befreiung kommt dann durch Inkorporation zu uns.
  • Genugtuung
    So sehr diese Theorie problematische Seiten hat und so wenig sie geeignet ist, das Ganze von Sühne/Versöhnung auszudrücken: trotzdem gehört sie als ein Element in die „Identifikation um der Aufnahme in sein Leben willen“ hinein. Anselm sah richtig, dass diese auch eine juristische Seite hat: Jesus identifiziert sich mit sündigen Menschen, stimmt Gottes Beurteilung zu und verhilft ihm so zu seinem Recht auf der Erde.
  • Stellvertretung
    Die Identifikation Jesu mit uns braucht auf unserer Seite die Anerkennung, dass er etwas für uns getan hat, was wir nicht tun konnten. Nur so kann es Inkorporation in ihn und sein Werk geben. In 2. Kor. 5,21 ist deutlich, dass Jesus an unserer Stelle zu etwas  gemacht wurde, was er nicht war (Sünde), damit wir werden können, was wir nicht sind (Gerechtigkeit Gottes). Besser wäre aber vielleicht der folgende Begriff der
  • Repräsentation
    Dieses Bild erinnert an den Priester, der sein Volk vor Gott repräsentiert. Es gehört in beide Teile der Bibel hinein. Repräsentation hat eine inklusive Seite (wir sterben und leben mit Christus) und eine exklusive Seite (Christus stirbt und lebt wieder für uns und zu unserem Nutzen). Diese exklusive Repräsentation ist gewöhnlich mit „Stellvertretung“ gemeint.
  • Stellvertretendes Strafleiden (penal substitution)
    Die Probleme dieses Gedankens lösen sich auf, wenn sie in den übergreifenden Zusammenhang eingeordnet und vom Gedanken der Einheit mit Christus her betrachtet werden. Der Kern der Strafe ist biblisch gesehen der Tod. Und diesen Tod starb Jesus für uns, damit wir Anteil haben an seiner Auferstehung in ein neues Leben. Aber auch hier wieder: Stellvertretendes Strafleiden ist nur ein Teil dessen, worum es in Sühne/Versöhnung geht.

Und Abaelard?

Abaelards Lehre war, dass der Tod Jesu eine so starke Demonstration der Liebe Gottes war, dass wir davon motiviert werden, selbst ebenfalls das Kreuz auf uns zu nehmen und anderen zu dienen. Dabei ist es natürlich schwer, noch von einer echten Sühne/Versöhnungslehre zu reden.
Dennoch wäre es besser, die Auseinandersetzungen um die korrekte Metapher für Sühne/Versöhnung zu beenden und lieber zu schauen, welchen Platz am Tisch die jeweiligen Bilder bekommen sollten. Die einzelnen theologischen Begriffe müssen ihren Platz in einer größeren Sicht bekommen, und „identification for incorporation“ ist eine Einladung dazu.

[Somit ist nun das Bild vom Beutel für die verschiedenen theologischen Golfschläger mindestens ergänzt worden vom Bild eines Runden Tisches, an dem alle theologischen Begriffe willkommen geheißen werden und ihren Platz im Gespräch finden. Und McKnight ergänzt an dieser Stelle auch noch das Bild der Violine, bei der es auf das Zusammenspiel aller Saiten ankommt.]

Damit wären eigentlich die theologischen Ausführungen am Ziel. Aber Sühne/Versöhnung ist ja, recht verstanden, gemeinsame Praxis von Menschen und Gott in dieser Welt. Deshalb folgt nun noch ein vierter Hauptteil über „Sühne/Versöhnung als Praxis“.

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A community called atonement – Kapitel 13

Übersichtsseite zum Buch von Scot McKnight

Kapitel 13:
Die ersten Theologen und ihre Geschichte: Irenäus und Athanasius

Schon bald nach den Aposteln erzählten Theologen wie Irenäus und Athanasius die Geschichte neu – im Kontext veränderter Umstände. Aus dieser Tradition ist insbesondere die Theologie der Ostkirche erwachsen.

Rekapitulation

Ihr Stichwort, unter dem sie Sühne/Versöhnung zusammenfassten, war „Rekapitulation“. Es bedeutet „zusammenfassen, zum Ziel bringen“ wie in Röm. 13,9, wo gesagt wird, dass in der Liebe alle Gebote zusammengefasst sind. In unserem Zusammenhang heißt das: in Christus wird alles menschliche Leben – Adam, Israel, wir, … – zu seinem eigentlichen Ziel gebracht.
Das hat zwei Dimensionen:

  1. Christus steht an unserer Stelle und tut etwas, was wir nicht tun können (Substitution);
  2. Wir nehmen an seinem Leben teil, wir sind „in ihm“. Er wurde Mensch, damit wir göttlich werden können (so die Formulierung von Athanasius).

Dies ist zutiefst biblisch (von Mose, der sein Volk repräsentiert bis zu Paulus, der von Christus als dem zweiten Adam spricht).

Für diese frühen Theologen war der Tod das zentrale Problem, und ihre Lösung bestand darin, dass Menschen an Gottes Leben teilnehmen als seine Kinder, so den Tod hinter sich lassen und in der Gegenwart Gottes leben. Das wird durch die Inkarnation Jesu ermöglicht, die in der östlichen Theologie eine zentrale Rolle spielt. Durch die Inkarnation ist die heilvolle Rekapitulation des menschlichen Schicksals durch Jesus erst möglich. Er verbindet Gott und Mensch, besiegt den Tod und holt uns in das göttliche Leben hinein. Die Eucharistie, durch die diese Einheit mit Gott vollzogen wird, ist für diese Denkweise zentral.

Zusammenfassung der bisherigen Stationen:

Wir haben nun alle nötigen Elemente beieinander, um ein übergreifendes Modell für die Theologie von Sühne/Versöhnung zu entwickeln. Wir haben über das Phänomen der theologischen Metaphern nachgedacht (Kapitel 5-6), wir haben die verschiedenen Stationen von Sühne/Versöhnung betrachtet, die nicht übersehen werden dürfen (Kapitel 7-10), und wir haben uns davon überzeugt, wie unterschiedliche Menschen dieses Thema auf ihre besondere Weise reflektieren (Kapitel 11-13). Es ist völlig klar: wer das Evangelium erzählt, muss eine Geschichte über Sühne/Versöhnung erzählen. Welche davon wäre für uns heute am besten geeignet? Und welche ist weit genug, um all die verschiedenen Modelle einzubeziehen?

McKnight kündigt an, im nächsten Kapitel einen Beutel zu beschreiben, in den alle Golfschläger hineinpassen.

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A community called atonement – Kapitel 12

Übersichtsseite zum Buch von Scot McKnight

Kapitel 12:
Wie Paulus die Geschichte sah: Im Gerichtssaal Gottes

Jesus erzählt eine Geschichte vom Passa, Paulus redet zentral von Rechtfertigung. Nun hat sich allerdings das Verständnis von Paulus in der jüngsten Vergangenheit geändert durch die von Ed Sanders, Jimmy Dunn und N.T. Wright entwickelte „New Perspective on Paul“. Diese unterscheidet stärker zwischen Paulus selbst und seiner Aufnahme in der Reformation – Paulus erzählt eine größere Geschichte von Versöhnung als die Reformatoren gedacht haben:

  • Rechtfertigung ist ein juristisches Bild: Gott wird am Ende zu Gericht sitzen; wer „in Christus“ ist, wird für gerecht erklärt werden, und dieses künftige Urteil hat jetzt schon Bedeutung.
  • Durch die Auferstehung hat Gott Jesus endgültig Recht gegeben.
  • Durch die Einheit mit Christus lebt die Gemeinschaft der Glaubenden schon jetzt aus der künftigen Entscheidung Gottes.
  • Die Basis dieser Gemeinschaft ist Glaube und nicht Werke des Gesetzes. Deshalb gehören Juden und Heiden zu ihr.
  • Gottes Rechtfertigung ist ein Teil seines Plans, die ganze Welt wieder recht zu machen.
  • Auch wenn nicht alle Vertreter der „New Perspective“ das so sehen, liegt es doch nahe, aus der Unio mit Christus die „doppelte Imputation“ abzuleiten, die eine wichtige Entdeckung der Reformation ist: Jesu Gerechtigkeit wird einem Menschen zugerechnet und die Sünde wird Jesus zugerechnet (der „fröhliche Wechsel“ Luthers).

Durch diese neue Sicht der Rechtfertigung ergeben sich einige Korrekturen am reformatorischen Verständnis:

  • Erstens ist es zu individualistisch, denn das Ziel der Rechtfertgung ist die Schaffung einer Gemeinschaft.
  • Zweitens ist Rechtfertigung zwar ein juristisches Bild, aber man darf deswegen Sühne/Versöhnung nicht auf die juristische Ebene reduzieren. Es geht um ein Beziehungsgeschehen: Gott stellt die Einheit mit Menschen aus Güte und Liebe wieder her.
  • Drittens muss Rechtfertigung in den Zusammenhang der Einheit mit Christus gestellt werden – ihre Grundlage ist die Inkorporation, also das In-Christus-Sein. Aus dem Sein in Christus folgt die Rechtfertigung.
  • Viertens muss die Reduktion der Rechtfertigung auf eine juristische Gerechterklärung aufgegeben werden. Wenn Gott gerechtspricht, dann bleibt er nicht bei einem Urteilsspruch stehen, sondern er setzt damit Realität und bringt effektiv Dinge in Ordnung. Und das bedeutet: er schafft eine Gemeinschaft, in der sein Wille getan wird.

Man merkt, wie hier von Paulus eine andere Geschichte erzählt wird als von Jesus. Diese Geschichten sollten nicht vorschnell systematisch harmonisiert werden. Man kann das als Theologe natürlich tun, aber damit nimmt man jeder einzelnen Geschichte ihre Würde und ihren Glanz. Man kann nicht mit zwei Golfschlägern gleichzeitig spielen. Trotzdem, nachdem im nächsten Kaptel noch die Theologie der frühen Kirchenväter zu diesem Thema skizziert wird, soll dann ein Beutel vorgesetellt werden, in den alle Schläger hineinpassen.

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A community called atonement – Kapitel 11

Übersichtsseite zum Buch von Scott McKnight

Kapitel 11:
Wie Jesus seine Geschichte sah: Passa

Was dachte Jesus selbst über seinen Tod? Viele gehen davon aus, dass Jesus dachte, was sie selbst darüber denken: die einen sehen keinen Zusammenhang zwischen Jesu Mission und seinem Tod, die anderen sind überzeugt, dass Jesus von Anfang an wusste, dass sein Tod das eigentliche Ziel seines Mission war.

Nun muss das, was Jesus dachte und was die späteren neutestamentlichen Autoren (Paulus, Petrus, Hebräer) dachten, nicht unbedingt identisch sein. Dieser Unterschied darf auch nicht verwischt werden. Ein großer Teil der neutestamentlichen Wissenschaftler bezweifeln heute allerdings ganz, dass Jesus selbst seinen Tod als sühnend/versöhnend verstand. McKnight gibt dazu zwei Punkte zu bedenken:

  • einmal muss Jesus spätestens seit dem Tod Johannes des Täufers auch die Möglichkeit seines eigenen gewaltsamen Todes vor Augen gehabt haben;
  • zum anderen ist es nicht vorstellbar, dass Jesus diese Möglichkeit nicht im Licht der Schrift bedacht haben würde. Und tatsächlich gibt es zwei Stellen (Markus 10,45; 14,24), in denen Jesus seinen Tod als sühnend/versöhnend deutet – ein Hinweis, dass die spätere kirchliche Lehrentwicklung ihre Wurzeln schon in Jesu eigenen Gedanken hat.

Bei der Einsetzung des Abendmahls (Markus 14,24) stellt Jesus seinen Tod in den Kontext des Passafestes und der Befreiung aus Ägypten. Die Frage, ob das beim eigentlichen Passamahl geschah oder am Tag davor, kann offen bleiben, weil Passa ein Fest war, das sich über eine ganze Woche erstreckte. Alles, was geschah, stand in diesem Zusammenhang. In der Symbolhandlung mit Brot und Wein thematisiert Jesus seinen Tod und fordert seine Jünger auf, daran Anteil zu haben. Jesus identifiziert sich mit seinen Jüngern und nimmt sie mit hinein in seinen Tod. Mit diesem Mahl begründet Jesus seine ekklesiale Gemeinschaft, und die Jünger werden durch ihr Esen und Trinken Teil dieser Gemeinschaft.
Dabei ist nun wichtig, dass der Passa-Kontext die Befreiung aus Ägypten thematisierte – das hatte damals deutliche politische Dimensionen, als eine Stellungnahme gegen die erdrückende Pax Romana. Jesus wählte gerade das Passafest als Kontext für das Abendmahl und nicht den großen Versöhnungstag (Yom Kippur). Er brachte damit seinen Tod in Verbindung mit dem Blut des Passalammes, das als Schutz vor dem Todesengel an die Türen gestrichen wurde. In Analogie dazu forderte er seine Jünger auf, sich durch dieses Essen und Trinken vor dem Gericht Gottes über die ungerechten römischen Machthaber und ihre Verbündeten in Israel zu schützen. Gottes Zorn zielt hier deutlich auf konkrete politische Zusammenhänge.

Die zweite Stelle, an der Jesus seinen zukünftigen Tod deutet, ist Markus 10,45. Jesus sagt voraus, dass er sterben werde „als Lösegeld für viele“. Damit verweist er auf Gedanken Deuterojesajas, insbesondere die Aussagen über den leidenden Gottesknecht. Dort wird ein Tod als Preis für die Befreiung des Volkes aus Gefangenschaft und Unterdrückung verstanden. Der Zusammenhang von 10,45 bestätigt das: Jesus rügt seine Jünger für ihre Machtgier, die der Machtgier des römischen Imperiums gleicht. Aber davon sind sie durch Jesus befreit. Jesus befreit seine Jünger von Sünde und ungerechten Systemen, damit sie als neue Gemeinschaft nach Gottes Willen leben können.
Damit werden Jesu Botschaft vom Reich Gottes und die Sühne/Versöhnung durch seinen Tod ein sinnvolles Ganzes: Jesus kam, um das Reich Gottes aufzurichten, eine Gemeinschaft, in der Gottes Wille getan wird. Er vollbringt das, indem er in das feindliche Gebiet eindringt, dort anstelle und zum Nutzen anderer stirbt und durch die Auferstehung den Tod überwindet. Wenn die Jünger das Abendmahl essen und trinken, bekennen sie ihre Komplizenschaft mit der Sünde und nehmen Jesu Tod anstelle ihres eigenen an. Für sie gilt die Logik von Passa: ein stellvertretender Tod, der das Gericht Gottes auf sich zieht, die Teilnehmer am Mahl schützt und sie befreit.

Von Jesus zu Paulus

Folgende Beobachtung ist wichtig: Die Worte, die Jesus gebrauchte, sind für die anderen Autoren des Neuen Testaments nicht bindend. Paulus und Johannes etwa fühlten sich nicht verpflichtet, bei den Reich-Gottes-Formulierungen Jesu zu bleiben; Johannes z.B. sprach lieber vom „Ewigen Leben“. Sachlich aber gibt es starke Entsprechungen: der Zorn von Röm. 1,18 – 3,20 etwa entspricht dem Gericht Gottes über Ägypten, an das Passa erinnert. Aber auch wenn Paulus so Gedanken von Jesus weiterentwickelt, tut er das in anderen Formulierungen. Schon für die Apostel gab es keine endgültigen Sprachregelungen. Jede Begrifflichkeit ist begrenzt. Es sind nur Bilder, die Menschen zur Sühne/Versöhnung selbst bringen sollen.

A community called atonement – Kapitel 10

Übersichtsseite zum Buch von Scott McKnight

Kapitel 10:
Stationen der Sühne/Versöhnung: Ostern und Pfingsten

Der Tod Jesu streicht die Sünden durch, in der Auferstehung geht es um die neue Schöpfung. Eine Theologie der Sühne/Versöhnung, die nicht auf die Auferstehung hin denkt, entlastet zwar vom Sündenproblem, trägt aber nichts zur Transformation von Welt und Menschen bei.

Römer 4,25: Neugeschaffene Bilder Gottes

Entsprechend 1. Kor. 15,17 („Wenn Christus nicht auferstanden ist, ist euer Glaube leer, und ihr seid noch in euren Sünden“) gehört die Auferstehung zu den Fundamenten des Glaubens, auch zu denen von Sühne/Versöhnung. Nach Röm. 4,25 erstand Jesus von den Toten „um unserer Rechtfertigung willen“. Es geht nicht nur darum, Sünde auszuräumen, sondern um den Gott, der sein Volk aus der Gefangenschaft befreit.

Für Paulus werden durch Sühne/Versöhnung zerstörte Bilder Gottes wiederhergestellt, indem sie mit dem Leben Gottes beschenkt werden. Das geschieht in einer neuen Gemeinschaft, die auch die Grenze zwischen Juden und Heiden überwindet.
Durch den Heiligen Geist ist Auferstehungskraft in den Glaubenden wirksam. Deshalb gehört auch Pfingsten in eine Theologie von Sühne/Versöhnung hinein.

Pfingsten: Apostelgeschichte 2 und die bevollmächtigten Ebenbilder Gottes

Die erste Christenheit erzählte eine integrierte Geschichte vom Leben Jesu, seinem Tod, seiner Auferstehung und Himmelfahrt bis hin zur Sendung des Heiligen Geistes zu Pfingsten. Gemeinsam bewirkt diese Geschichte Vergebung, Neuschöpfung und Bevollmächtigung. Pfingsten trägt dazu vier Themen bei:

  • Die Ausgießung des Heiligen Geistes beschwor die Erinnerung an die Verheißung eines neuen Bundes (Jer. 31) herauf. Die Christen verstanden, dass sie Teil einer Erneuerung des Gottesvolkes waren, die der Heilige Geist bewirkte.
  • Gott erneuert nicht Einzelne, sondern die ekklesiale Gemeinschaft, in der der Wille Gottes geschieht. Diese Gemeinschaft ist universal und demokratisch. Begrenzt man Sühne/Versöhnung auf Individuen, dann zerstört man das biblische Muster. Nirgendwo wird das deutlicher als in Apostelgeschichte 2. Die Verbindung, die Petrus dort zu Joel 2 schlägt, bringt aber auch politische Assoziationen ins Spiel: die durch den Heiligen Geist entstandene Gemeinschaft ist gleichzeitig ein Urteilsspruch über die ungerechten Herrscher der Welt.
  • Diese Gemeinschaft ist in der Lage, Grenzen zu überwinden und sich durch die ganze Welt auszubreiten. McKnight zitiert N.T.Wright: „Gott gibt seinem Volk nicht den heiligen Geist, damit sie die geistliche Version eines Tages in Disneyland genießen können.“
  • Der Heilige Geist macht aus dieser Gemeinschaft einen Leib, der mit verteilten Rollen einheitlich handelt (1. Kor. 12).

Pfingsten darf also nicht außen vor bleiben, wenn man von Sühne/Versöhnung spricht. In den Pfingstereignissen kristallisiert sich das Ziel von Gottes Werk in Sühne/Versöhnung heraus.

Zusammenfassung von Teil 2 des Buches:

Nach einem Überblick über die Stationen der Sühne/Versöhnung kann man sagen, dass es immer um die Schaffung einer Gemeinschaft des Glaubens geht, in der das Böse keinen Platz hat und Gerechtigkeit herrscht. Bevor aber daraus eine zusammenfassende Formulierung gewonnen werden kann, müssen wir noch (in Teil 3) auf die Geschichten hören, die Jesus, Paulus und einige Kirchenväter erzählen.


Tiefebene endet – neuer Blog „Walters Werkstatt“

Nach knapp sechs Jahren habe ich diesen Blog eingestellt und eine neue Webpräsenz eingerichtet:
"Walters Werkstatt. Theologie, Politik und Kirche: Texte aus der norddeutschen Tiefebene". Dort werde ich in Zukunft alle meine Texte sammeln. Auch die bisherigen "Tiefebene"-Texte finden sich in Walters Werkstatt..
Also, wenn du von mir lesen möchtest, dann komm in Zukunft dorthin. Hier werden nur noch für eine Übergangszeit Hinweise auf Veröffentlichungen in "Walters Werkstatt" erscheinen.

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