Archive for the 'Bücher' Category

N.T. Wright: Die vergessene Story der Evangelien (4) – in welchem Kontext wir sie hören

Auf meinem neuen Blog “Walters Werkstatt” ist der vierte Teil einer Reihe von Posts über das neue Buch von N.T. Wright erschienen: “How God became King. The forgotten Story of the Gospels”.

Wright setzt sich in seinem Buch auch mit der Geschichte der neutestamentlichen Wissenschaft auseinander.  Die kritische neutestamentliche Wissenschaft der letzten zwei Jahrhunderte entwickelte sich in einem Umfeld, in dem vielen daran lag, Religion und Politik auseinander zu halten. Das aufgeklärte Bürgertum, das sich gerade von der Dominanz der Kirche befreite, fürchtete alles, was nach Theokratie roch. Deswegen wurden gesellschaftliche Bereiche separiert (Religion, Politik, Kultur, Wirtschaft …), die in neutestamentlicher Zeit selbstverständlich zusammen gehörten. Infolge dessen wurde Jesu Ankündigung, das Reich Gottes werde in Kürze kommen, auf zwei mögliche Weisen missverstanden: entweder als Voraussage einer revolutionären Befreiung von der römischen Herrschaft oder als Ankündigung des nahen Weltendes/Weltuntergangs.
Wright beschreibt deutlich, wo seine Wissenschaft sich von der Aufklärung Denkverbote aufdrängen ließ, die sich mit älteren theologischen Kurzschlüssen verbündeten und Verkündigung und Praxis der Kirche kraftlos werden ließen.

Wenn dich das Thema interessiert, dann lies doch weiter auf “Walters Werkstatt“. Der Blog „Tiefebene“ läuft aus. Alle alten Tiefebene-Beiträge habe ich auf den neuen Blog exportiert, und neue Beiträge erscheinen nur noch dort. Hier werden noch für eine begrenzte Zeit Hinweise auf Posts und Veröffentlichungen auf dem neuen Blog erscheinen, jeweils verbunden mit der freundlichen Bitte, lieber gleich ”Walters Werkstatt” zu lesen. Besonders bitte ich alle Abonnenten, die mir weiterhin folgen wollen, dies auf meiner neuen Webseite “Walters Werkstatt” zu tun und dazu ggf. ihren RSS-Reader zu aktualisieren.

Advertisements

N.T. Wright: Die vergessene Story der Evangelien (3) – Vier strategische Themen

Auf meinem neuen Blog “Walters Werkstatt” ist der dritte Teil einer Reihe von Posts über das neue Buch von N.T. Wright erschienen: “How God became King. The forgotten Story of the Gospels”.

Wright beschreibt, wie vier theologische Themen durch eine Integration von Evangelien und Kreuzestheologie in ihrer Gewichtung verändert werden: Die Geschichte Israels, das Bild von Israels Gott, das Verhältnis der jungen Kirche zu Jesus und der Konflikt zwischen Gott und Cäsar – all diese Themen bekommen durch ein erneuertes Verständnis der Evangelien ihre angemessene Einordnung.

Wenn dich das Thema interessiert, dann lies doch weiter auf “Walters Werkstatt“. Dieser Blog läuft aus. Alle alten Tiefebene-Beiträge habe ich auf den neuen Blog exportiert, und neue Beiträge erscheinen nur noch dort. Hier werden noch für eine begrenzte Zeit Hinweise auf Posts und Veröffentlichungen auf dem neuen Blog erscheinen, jeweils verbunden mit der freundlichen Bitte, lieber gleich ”Walters Werkstatt” zu lesen. Besonders bitte ich alle Abonnenten, die mir weiterhin folgen wollen, dies auf meiner neuen Webseite “Walters Werkstatt” zu tun und dazu ggf. ihren RSS-Reader zu aktualisieren.

N.T. Wright: Die vergessene Story der Evangelien (2) – Königtum Gottes und Kreuz

Auf meinem neuen Blog “Walters Werkstatt” ist der zweite Teil einer Reihe von Posts über das neue Buch von N.T. Wright erschienen: “How God became King. The forgotten Story of the Gospels”.

Wright beschreibt, wie das Thema „Reich Gottes“ und das Thema „Kreuz“ wieder zusammen kommen können. Das Reich Gottes als übergreifender Verständnisrahmen für das ganze Handeln Jesu ergibt auch für seinen Tod einen guten Sinn. Für die Evangelisten war das sowieso von Anfang an eine Einheit. Und vom Kreuz her betrachtet erschließt sich ein tieferes Verständnis der Gottesherrschaft, das allen Triumphalismus ausschließt.

Wenn dich das Thema interessiert, dann lies doch weiter auf “Walters Werkstatt“. Alle alten Tiefebene-Beiträge habe ich dorthin exportiert, und neue Beiträge erscheinen nur noch dort. Hier werden noch für eine begrenzte Zeit Hinweise auf Posts und Veröffentlichungen auf dem neuen Blog erscheinen, jeweils verbunden mit der freundlichen Bitte, lieber gleich ”Walters Werkstatt” zu lesen. Besonders bitte ich alle Abonnenten, die mir weiterhin folgen wollen, dies auf meiner neuen Webseite “Walters Werkstatt” zu tun und dazu ggf. ihren RSS-Reader zu aktualisieren.

NT Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes (6)

Die Weltanschauung Israels

In Teil III seines Werkes beschreibt Wright die innere und äußere Geschichte des Judentums im 1. Jahrhundert, einschließlich der Vorgeschichte seit dem Ende des Exils. Nachdem es im vorigen Post um die äußere Geschichte Israels zwischen dem babylonischen Exil und den niedergeschlagenen Aufständen der Jahre 66-70 und 132-135 ging, folgt nun ein Blick auf die innere Landkarte Israels, wie sie NT Wright mit den Kategorien “Story”, “Symbol”, “Praxis” und “Glaubensüberzeugungen” erschließt.

Die Storys

Die grundlegende Story war die biblische Geschichte von Gott und seiner Schöpfung, in die Israel hineingestellt war. Israel sollte das Werkzeug des Schöpfers sein, mit dessen Hilfe seine weise Ordnung in die Welt kommt. Diese Geschichte Israels war aber schon in der klassischen Zeit mit vielen rätselhaften Enttäuschungen verbunden und wurde als nicht abgeschlossen angesehen. Um ein angemessenes Ende wurde gerungen: Der Geschichtsschreiber Josephus z.B. versucht sich (in den “Jüdischen Altertümern”) in der Konstruktion eines neuen Endes: Israels Gott läuft zu den Römern über, das Judentum wird zerstreut, Jerusalem zerstört. Dieser Vorschlag für ein Ende der Story war aber dem Anfang völlig unangemessen. So gab es noch viele weitere Vorschläge für den Abschluss der Story; auch die Apokalyptik ist so ein Versuch. Man kann an all diesen Versuchen erkennen, dass das Judentum damals sehr wohl ein Gesamtbild seiner Geschichte vor Augen hatte, auch wenn um das Schlusskapitel gestritten wurde. Dennoch behielten nicht alle Juden diese Gesamtschau im Blick. Viele konzentrierten sich auf kleinere Erzählungen, die Ausschnitte des Gesamtbildes waren.
Die Gesamtstory gibt uns ein Raster, um die alternativen Storys  zu verstehen, die Jesus, Paulus und die Evangelisten erzählten.

Die Symbole

Diese Gesamtstory verband sich über vier zentrale Symbole mit der täglichen Lebenspraxis: Tempel, Land, Tora und ethnische Identität.

  • Der Tempel war das religiöse, politische, wirtschaftliche und symbolische Zentrum des Landes, das Herz des Judentums,  auch wenn ihm viele Juden wegen seiner Beherrschung durch fragwürdige Gruppen mit einer gewissen Distanz gegenüber standen.
  • Das Land (mit seinem Zentrum Jerusalem) war JHWHs Land, seine Gabe an Israel, der Ort, der für den Frieden (Schalom) bestimmt war. Die Tempelsteuer symbolisierte das. Aber dieses Land verödete durch die politischen/wirtschaftlichen Verhältnisse oder wurde für fremde Bauten und Institutionen missbraucht. Israel war nicht Herr im eigenen Land.
  • Die Tora regelte das Leben im Land und die Rituale im Tempel. Aber für die Juden im Exil wurde sie auch ein Ersatz für das ferne Land, und für die Juden im Land wurde das Torastudium langsam ein Ersatz für den Tempel mit seiner korrupten Priesterschaft. Als dann Tempel und Land verloren waren, hatte sich mit der Tora schon ein Ersatz vorbereitet. Diese Tora wurde in der Diaspora-Situation natürlich im Blick auf die Abgrenzung von den Heiden gelesen. Die detaillierte Auslegung der Gebote in den Alltag hinein (Mischna) sorgte dafür, dass dieses Symbol relevant blieb.
  • In dieser Situation der Bedrohung durch die Heiden kam der ethnischen Identität eine besondere Bedeutung zu. Sie musste unbedingt festgehalten werden, z.B. durch das Verbot von Mischehen.

Diese vier zentralen Symbole waren die Wege, auf denen die Story Israels in Stein gemeißelt, auf Schriftrollen fixiert und in Fleisch und Blut verkörpert wurde. So konnte sie in die tägliche Lebenspraxis integriert und lebendig erhalten werden.

Die Praxis

Die vier Zentralsymbole fanden ihren Weg in die allgemeine Lebenspraxis über die Teilnahme an den Gottesdiensten und Festen, das Studium der Tora, und schließlich die Beachtung der Tora im täglichen Leben. Insbesondere die Beschneidung, der Sabbat und das Halten der Reinheitsgesetze waren lebenspraktische Erkennungszeichen, die die Juden von den Heiden unterschieden. Diese Werke der Tora dienten nicht dazu, sich das göttliche Wohlwollen zu verdienen, sondern sie waren (abgrenzende) Zeichen der Zugehörigkeit zum erwählten Volk.

Zentral für alle Träger dieser Weltanschauung war die Schrift. Wer auch immer die Geschichte und Sendung Israels neu interpretierte – er musste darlegen, dass er in Kontinuität zur Schrift stand, die Schrift “erfüllte”. Die Schrift war aber nicht nur Erzählung – aus ihr gingen grundlegende Glaubensüberzeugungen hervor, eine Weltanschauung, die man systematisch-theologisch darstellen kann.  Davon im nächsten Post.

Alle Posts dieser Reihe:  | Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 | Teil 6 |

Ein Gott – ein Recht – eine Welt

Unter dem Titel “Ein Gott – ein Recht – eine Welt” denkt Klara Butting nach über das grundlegend Neue der Sinaierfahrung. Dazu heute das erste der angekündigten Zitate aus “Hier bin ich. Unterwegs zu einer biblischen Spiritualität” (15f):

Im Konzentrationslager Bergen-Belsen hat Abel Herzberg über die Spiritualität des Judentums und die Spiritualität des Nationalsozialismus nachgedacht. Letztere charakterisiert er als als einen Glauben an den ewigen Kampf, in dem die Macht, die siegt, das Recht setzt. “Sein und Werden (sind hier) ein ewiger Kampf zwischen Macht und Macht, Mächten, die im Prinzip in unbegrenzter Anzahl existieren. Und was ist letztlich Sitte und Recht? Die Macht, die siegt. Wer der Stärkste ist und dies zu beweisen vermag, der hat Recht. Und wer die Herrschaft zu erobern versteht, hat auch das Recht dazu”. Diese Spiritualität der Macht hasst das Judentum, weil hier immer wieder die peinliche Frage gestellt wird: “Ist es erlaubt?”. Denn zentral für den jüdischen Glauben ist das Bekenntnis “Gott ist Einer”, das – so Herzberg – “identisch ist mit der Forderung nach einer einzigen Ethik”. […]

Was hier [durch die Gesetzgebung am Sinai] passiert, ist im altorientalischen Kontext singulär. Denn normalerweise setzt der König das Recht. Königliche Erlasse sind die gebräuchliche Rechtsform. In der Bibel haben wir es jedoch mit einer Gottheit zu tun, die über dem König und über der königlichen Gesetzgebung steht. Die biblische Erzählung entmachtet den König. Er und mit ihm alle politischen und geistlichen Autoritäten werden an das Recht gebunden und dem Recht untergeordnet, das verstanden wird als vor dem Staat entstanden und über den Staat gesetzt.

Zwei Gedanken dazu:

  1. Auch in unseren Tagen ist die “Spiritualität der Macht” nicht unbekannt: Inzwischen ist es die Macht der Märkte, die – in diesem Denken – letztlich immer Recht hat. Wer sich am Markt durchsetzt, hat Recht. Diese Spiritualität der Macht dürfte der tiefste Grund für die Hilflosigkeit sein, die die Völker Europas und ihre Repräsentanten in diesen Tagen gegenüber dem Angriff der gebündelten Kapitalströme zeigen.

  2. Wer in einer frommen Umgebung geprägt worden ist, hat die Frage “ist es erlaubt?” oft vor allem als individuell drohende Gewissensfrage erlebt. Nicht wenige reagieren deshalb inzwischen allergisch auf diese Frage – manchmal sehr direkt, manchmal in theologisch verklausulierter Form. Die Gedanken, die Butting im Anschluss an Abel Herzberg formuliert, könnten eine Hilfe sein, das eigentliche Anliegen der Frage “Ist es erlaubt?” wiederzugewinnen und das Kind nicht weiter mit dem Bade auszuschütten.

Klara Butting: Hier bin ich. Unterwegs zu einer biblischen Spiritualität

Spiritualität ist in aller Munde (auch ich habe darüber vor einiger Zeit gebloggt). Die Quellen dieser Spiritualität liegen aber oft in außereuropäischen kulturellen und religiösen Zusammenhängen oder in bestimmten Stationen der Kirchengeschichte. Insofern ist die Fragestellung nach einer ausdrücklich biblischen Spiritualität besonders im Protestantismus schon länger dran. Klara Butting ist in ihrem neuen Buch „unterwegs“ dazu. Sie beschreibt Grundlinien einer biblischen Theologie und fragt von dort ausgehend nach Zugängen zu spirituellen Erfahrungen.

Dieser Anmarschweg bringt einen signifikant anderen Erfahrungshintergrund ins Spiel als die üblichen Stille- und Naturmeditationen. Zentrales spirituelles Muster ist für Butting die gemeinschaftliche Lektüre biblischer Texte. Das klingt zunächst nicht besonders aufregend, insbesondere für Leute mit ausgeprägter Bibelkreis-Erfahrung. Aber Butting hat einen intensiven bibeltheologischen Ansatz, der noch in der Lage ist, sich von den Texten überraschen zu lassen, anstatt bloß theologische Standardsätze abzurufen. Und sie arbeitet mit einer Methode gemeinschaftlicher Bibellektüre, die dem Prozess unter den Teilnehmern vertraut und im Prinzip dem besser bekannten „Bibelteilen“ sehr ähnlich ist. Im Ergebnis führt das zu einer anderen Art spiritueller Erfahrung, die tatsächlich der Bibel viel angemessener ist. Ich fand den Unterschied in den folgenden Sätzen schön beschrieben:

Wenn ich z.B. eine Formulierung wie „die Mitte finden“ höre, denke ich an Leute, die  – wie wir bei den Bibel-Lese-Tagungen – im Kreis an Tischen sitzen. Ich denke an Situationen, in denen ein Gespräch gelungen ist, unerwartete Begegnungen stattgefunden haben, in denen ich von Gottes Vision der Einen Welt berührt wurde. Immer wieder habe ich während der Bibel-Lese-Wochen diese Erfahrungen gemacht, dass ich gerufen wurde, an Gottes Engagement für eine bewohnte Erde teilzunehmen und mich neu an Gottes Verheißungen auszurichten.

Butting beschreibt dann, dass dieses Achtsamwerden ausstrahlt in andere Bereiche hinein. Spiritualität hat ja immer irgendwie mit Wegen zu tun, auf denen Wahrnehmung – das Hinschauen und Hinhören – neu eingeübt wird. Bei einer biblischen Spiritualität ist dieses Übungsfeld die gemeinsame Wahrnehmung der Bibeltexte und der Stimme, die sich in ihnen erhebt. Dies kann durchaus auch zu intensiven geistlichen Erfahrungen führen, aber das ist keine Pflicht. Diese Einübung wird sich jedenfalls auch in anderen Lebensbereichen bemerkbar machen. Und bei solch einer biblischen Spiritualität sind die Anderen von Anfang an mit dabei. Sie müssen nicht nachträglich irgendwie noch integriert werden, denn gerade durch die unterschiedlichen Beteiligten wird die Bibellektüre unvorhersehbar und deshalb frisch, und sie führt auf Praxis hin. Buttings zentraler Praxisbezug und Erfahrungsmodell ist die Woltersburger Mühle, ein Arbeitslosen- und Qualifizierungsprojekt bei Uelzen, zu dem gleichzeitig ein Zentrum für biblische Spiritualität gehört.

Dieser Versuch, Spiritualität schon an der Wurzel mit Bibellektüre, Gemeinschaft und befreiender Praxis zu verknüpfen, scheint mir unbedingt nötig und sehr hoffnungsvoll. Gleichzeitig wird durch diese Aufgabenbeschreibung aber auch deutlich, dass das Buch zunächst so etwas wie eine Zwischenstation sein muss. Butting sucht in der biblischen Überlieferung nach Spuren der Spiritualität und wird an vielen Stellen fündig. Die oft beschriebene mystische Erfahrung der Einheit bringt sie z.B. zusammen mit dem Bekenntnis Israels, dass Gott Einheit ist, keine widerstreitende Vielzahl wie die heidnischen Götter und Mächte. So ist das Buch auch Einführung in eine biblische Theologie, die jenseits der allzu bekannten Paradigmen die Texte sehr profiliert zur Sprache bringt. Die Autorin greift dabei – eine von mehreren Parallelen zu NT Wright – stark auf die ganze Bibel zurück und und lässt den alttestamentlichen Bezugsrahmen, auch im Gespräch mit jüdischen Erfahrungen, deutlich werden.

Verschwiegen werden soll allerdings nicht, dass im Vergleich zur biblischen Thematik die Konkretionen der Spiritualität eher skizzenhaft sind. Wer geistliche Übungen o.ä. sucht, wird enttäuscht werden. Vielleicht kann das auch (zur Zeit noch) nicht anders sein. Immerhin gibt es gute Zugänge zum Abendmahl, zum Gebet und zum Ruhetag/Sabbat. Die eigentliche geistliche Übung – so kann man Butting wohl verstehen – ist die Teilnahme am messianischen Lebenswerk Jesu: der Befreiung aller Kreatur aus Unterdrückung und Gewalt.

Ich verkneife es mir, hier eine ausführlichere Inhaltsangabe des Buches zu geben. Dafür ist es einfach zu dicht gepackt mit guten, substanziellen Durchblicken. Der Grundansatz erweist seine Fruchtbarkeit in vielen einzelnen hilfreichen Klärungen. Man sollte das Buch tatsächlich lesen. Mit 107 Seiten überfordert es nicht. Vielleicht werde ich in der nächsten Zeit aber noch ein paar Zitate bloggen. Leider ist das Buch z.Zt. nicht bei Amazon erhältlich. Man kann es direkt bestellen bei Erev-Rav, die Lieferung erfolgt umgehend.

Ein Hinweis zum Schluss: die Autorin hat an der „Bibel in gerechter Sprache“ mitgearbeitet und gibt den alttestamentlichen Gottesnamen beinahe immer in weiblicher Form (die Ewige, die Eine) wieder. Wen das stört, der sollte an diesen Stellen einfach in Gedanken eine ihm vertraute männliche Form einsetzen. Die Substanz und Qualität des Buches wird dadurch keinen Schaden nehmen.

NT Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes (5)

Die Geschichte Israels als Voraussetzung für die Entstehung des Christentums

In Teil III seines Werkes beschreibt Wright die innere und äußere Geschichte des Judentums im 1. Jahrhundert, einschließlich der Vorgeschichte seit dem Ende des Exils. Das Judentum im Kontext der griechisch-römischen Welt war der Rahmen, in dem die christliche Bewegung entstand, und dessen Grundannahmen sie teilte. Die Forschungslage zum Judentum hat sich in letzter Zeit enorm ausgeweitet; frühere verzerrte Bilder des Judentums innerhalb der christlichen Theologie lassen sich nicht mehr halten.

Wrights vielleicht wichtigste These ist in diesem Zusammenhang, dass es quer durch alle jüdischen Gruppierungen einen weltanschaulichen Grundbestand gegeben hat, den alle Juden teilten. Es war

eine komplette Weltanschauung, die alle Aspekte der Wirklichkeit umfasst und die sich in einer bestimmten Sehnsucht und Erwartung scharf fokussiert, in einer Anerkennung, dass der gegenwärtige Zustand der Dinge noch nicht die volle Realisierung der Absichten des Bundesgottes für sein Volk darstellt … Einer der Hauptunterschiede zwischen ihnen und einigen anderen Kulturen bestand allerdings darin, dass ihre kontrollierenden Storys mit wirklichen Ereignissen in der Geschichte zu tun hatten: sie warteten darauf, dass das letzte Kapitel ihrer Story begann. (197)

Die traditionelle christliche Interpretation dieses Hintergrundes übersieht oft die politische Verortung und die politischen Obertöne dieser Weltanschauung. Aber sie war allen Juden (auch den Christen) gemeinsam, auch wenn die Christen sie dann neu lasen.

Diese Weltanschauung war gewachsen durch die Erfahrung des babylonischen Exils, das auch nach dem persischen Sieg über Babylon und der Rückkehr der Juden nach Israel kein echtes, wiederherstellendes Ende gefunden hatte. Auch der makkabäische Sieg über die syrische Tyrannei 164 v.Chr. führte nicht zu einer deutlichen Rehabilitierung Israels. Stattdessen durchdrang der heidnische Hellenismus Israel immer mehr und wurde durch die Römer ab 63 v. Chr. auch militärisch und wirtschaftlich eher noch dominanter. Die Hoffnung auf ein wiederherstellendes Handeln Gottes mündete immer wieder in kleinere Rebellionen und schließlich in die großen Aufstände der Jahre 66-70 und 132-135. Nach ihrer Niederschlagung begann ein neues, anderes Judentum.

In der Zeit zwischen dem Makkabäer-Aufstand und der Zerstörung Jerusalems entwickelte sich eine Vielfalt von Ausdrucksformen jüdischer Identität. Sie unterschieden sich in ihren Antworten auf die zentrale Frage, wie und wann der Bundesgott sein Volk retten würde:

Revolutionäre Bewegungen
In Reaktion auf römische Provokationen entwickelten sich immer wieder revolutionäre Bewegungen (Zeloten, Sikarier usw.), die ein zentrales Thema der Politik in dieser Zeit waren. Sie nährten sich aus der nationalen Stimmung des Widerstandes gegen Rom und flossen am Ende im Aufstand von 66-70 zusammen. Er war z.T. aber auch ein Krieg dieser verschiedenen Strömungen untereinander.

Pharisäer
Die Pharisäer haben ihre Wurzeln in der Makkabäerzeit. Sie standen für die Beachtung der Traditionen, insbesondere der Reinheitsvorschriften. Obwohl sie keine institutionalisierte Macht hatten, übten sie mit wechselndem Erfolg Einfluss auf die jeweiligen Machthaber aus. Sie hatten am ehesten die Sympathie des Volkes.
Die Beachtung der Tora war wichtig für die Bewahrung der Identität Israels. Persönliche Reinheit war ein Bereich, den man kontrollieren konnte, wenn schon das nationale Leben in vieler Hinsicht beschmutzt war. Es ging also nicht darum, sich durch gute Taten den Himmel zu erwerben. Pharisäer waren keine politisch-militärischen Aktivisten, aber die Grenze zu solchen Bewegungen blieb vor 66 n. Chr. fließend. Denn auch die Sorge um die persönliche
Reinheit war letztlich ein Akt des Widerstandes gegen die heidnische Herrschaft. Erst nach den Niederlagen von 70/135 wurde die revolutionäre Energie endgültig in die Gelehrsamkeit umgeleitet.

Essener
Die Essener verstanden sich angesichts des als korrupt angesehenen Jerusalemer Tempelbetriebs als alternativer Tempel. Sie waren die schon aus dem Exil befreite Vorhut Israels. Der Tag würde kommen, an dem das durch Gottes Eingreifen allen klar werden würde. Darauf  warteten sie abseits des allgemeinen Geschehens, z.B. in Qumran.
Die Gruppe hat letztlich keinen großen Einfluss auf den Gang der Geschichte gehabt.

Priester, Aristokraten und Sadduzäer
Der Tempel war ökonomisches und politisches Zentrum des Landes. Zu den Priestern gehörten einerseits die über das Land verstreuten, relativ armen Priester, die nur selten am Tempel Dienst hatten, andererseits die Hauptpriester, die mit der Aristokratie zusammen die Partei der Sadduzäer bildeten. Sie paktierten mit den Römern, waren konservativ und hielten sich von so umstürzlerischen Theorien wie der Auferstehung der Toten fern. Nach der Eroberung Jerusalems verschwand diese Gruppe aus der Geschichte.

Die „normalen“ Juden

Die große Mehrheit der Juden gehörte zu keiner dieser Gruppen. Diese Mehrheit versuchte, sich und ihre Kinder heil durch die unruhigen Zeiten hindurchzubringen, sie beteten, fasteten, besuchten die Synagoge, nahmen an den Jerusalemer Festen teil, aßen kein Schweinefleisch, hielten den Sabbat, beschnitten ihre Kinder und hörten in gewissem Maß auf die Pharisäer. Mit all dem hielten sie einfach an ihrem Erbe fest und drückten, wenn auch sicher unvollkommen, eine gemeinjüdische Theologie aus.

Um die Darstellung dieser theologischen Grundlinien wird es im nächsten Post gehen.

Alle Posts dieser Reihe:  | Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 | Teil 6


Tiefebene endet – neuer Blog „Walters Werkstatt“

Nach knapp sechs Jahren habe ich diesen Blog eingestellt und eine neue Webpräsenz eingerichtet:
"Walters Werkstatt. Theologie, Politik und Kirche: Texte aus der norddeutschen Tiefebene". Dort werde ich in Zukunft alle meine Texte sammeln. Auch die bisherigen "Tiefebene"-Texte finden sich in Walters Werkstatt..
Also, wenn du von mir lesen möchtest, dann komm in Zukunft dorthin. Hier werden nur noch für eine Übergangszeit Hinweise auf Veröffentlichungen in "Walters Werkstatt" erscheinen.

Mein FriendFeed

Du kannst weitere Beiträge von mir und Hinweise auf interessante Inhalte im Netz auf meinem FriendFeed finden:
Subscribe to me on FriendFeed

Kategorien:

Andere Blogs & Websites:

RelevantBlogs Add to Technorati Favorites

Blog Stats

  • 49,446 Besuche