Archive Page 2

NT Wright: Das gefährlichste Baby der Welt

Zu Weihnachten habe ich einen Text von N.T. Wright übersetzt:

Als Jesus geboren wurde, war Augustus schon ein Vierteljahrhundert römischer Herrscher. Als Kaiser regierte er zwischen Gibraltar und Jerusalem und von Britannien bis zum Schwarzen Meer. Er hatte erreicht, was in den letzten zwei Jahrhunderten zuvor keinem gelungen war: er brachte der großen römischen Welt Frieden. Aber es war Frieden, für den ein Preis bezahlt werden musste. Die Kosten dafür übernahmen Menschen in weit entfernten Ländern.

Augustus »brachte Frieden, soweit er im Interesse des Imperiums und seines persönlichen Ruhmes lag« schrieb Arnaldo Momigliano. Da haben wir es in einem Satz: die ganze zwiespältige Struktur menschlicher Macht. Ein Reich mit absoluter Macht, das seinem ober­sten Repräsentanten Ruhm bringt und Frieden denen, denen er seine Gunst gewährt.

Ja, sagt Lukas, und nun achte darauf, was passiert! Dieser Mann, der Kaiser, der absolute Monarch winkt in Rom mit dem kleinen Finger, und in einer Entfernung von 1500 Meilen, in einer merkwürdigen Provinz geht ein junges Paar auf eine gefährliche Reise. Das Ergebnis ist die Geburt eines Kindes in einer kleinen Stadt, die zufällig genau die ist, die in den alten jüdischen Weissagungen über den kommenden Messias erwähnt worden ist. Und ausgerechnet bei dieser Geburt singen die Engel von Ruhm und Frieden. Was ist hier das Original, und was ist die Parodie?

Hier müssen wir einen Augenblick innehalten, denn die Passage in Micha 5, die Lukas in unserer Erinnerung aufrufen will, ist wohl bekannt, aber wenig beachtet: »Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll.« Leider wird häufig die Fortsetzung dieses Satzes weggelassen, wenn die Passage öffentlich vorgelesen wird. Dabei wird hier ein Projekt begonnen, das Augustus erschrecken müsste: »Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, seines Gottes. Sie werden in Sicherheit leben; denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde.« Und dann geht es weiter (v. 4): »Und er wird der Friede sein.«

Wie soll dieser Friede gesichert werden? Dieser zukünftige König, geboren im Bethlehem in Judäa, wird sein Volk retten aus der Hand fremder Eroberer. In Michas Tagen waren das die Assyrer; aber die Leser des Lukas werden an Rom gedacht haben. Und Lukas wird gehofft haben, dass zukünftige Generationen es genauso auf ihre aktuellen Herausforderungen übertragen würden. Herodes war beurnruhigt von der Botschaft der Weisen. Hätte jemand Augustus erzählt, was die Engel den Hirten verkündigten, dann wäre er ebenfalls unruhig geworden.

Auf einmal ist die Geschichte des Lukas gar keine romantische Schäferszene mehr. Keine rustikalen Hirten, die dem kindlichen König Tribut zollen. Stattdessen wird daraus eine programmatische Beschreibung zweier Reiche, die im Kampf miteinander liegen werden. Zwei Reiche, die eine fundamental unterschiedliche Auffassung davon haben, was mit Frieden und Macht und Herrlichkeit gemeint ist.

Da ist der alte Kaiser in Rom. 60 Jahre alt wird er zur Zeit der Geburt Jesu. Er repräsentiert vielleicht das Beste, was heidnische Reiche tun können. Wenigstens weiß er, dass Frieden und Stabilität etwas Gutes sind. Unglücklicherweise musste er viele Menschen töten, um beides zu erreichen. Und noch mehr musste er töten, um beides zu erhalten – immer wieder. Unglücklicherweise geht es ihm in erster Linie um seinen Ruhm. Schon zu seinen Lebzeiten begannen viele seiner Untertanen ihn zu vergöttlichen.

Da ist auf der anderen Seite der junge König in Bethlehem, auf dessen Kopf von Anfang an ein Preis ausgesetzt ist. Er verkörpert die gefährliche Alternative, die Möglichkeit eines anderen Reiches, eine andere Macht, eine andere Herrlichkeit, einen anderen Frieden. Beide stehen sich einander gegenüber.

Das Imperium des Augustus ist wie ein hell beleuchtetes nächtliches Gemach mit wundervoll arrangierten Lampen. Sie zeichnen schöne Muster, aber sie können die Finsternis außerhalb des Raums nicht vertreiben. Das Reich Jesu ist wie der Morgenstern, der aufgeht und verkündet, dass es nun Zeit ist, die Kerzen auszupusten, die Vorhänge zur Seite zu ziehen und den kommenden neuen Tag zu begrüßen. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter allen, auf denen sein Wohlgefallen ruht!

Diese Konfrontation der beiden Reiche ist sichtbar am Ende des Johannesevangeliums, wenn Pilatus zwei Fragen an Jesus richtet: weißt du nicht, dass ich die Macht habe, dich zu töten? Und: was ist Wahrheit? Das ist die Sprache von Königsmacht und Herrlichkeit, wie die Welt sie kennt. Beachte, wie die beiden Fragen zusammen passen: damit das heidnische Imperium sagen kann »unterstütze mich, oder ich töte dich!«, muss es gleichzeitig behaupten, so etwas wie Wahrheit gäbe es überhaupt nicht. Und falls jemand nicht nur von der Wahrheit spricht, sondern sie lebt, hat die heidnische Herrschaft keine andere Wahl als ihn zu töten.

Jesus antwortet darauf, indem er Pilatus ruhig daran erinnert, dass alle Macht nur von oben verliehen ist, und indem er einfach weitermacht mit seiner Aufgabe, die Wahrheit zu sein – indem er weiterhin die Liebe Gottes zur Rettung der Welt verkörpert. Die lukanische Botschaft vom Krippenkind übertrifft auch die besten heidnischen Imperien. Sie führt uns zu einer völligen, radikalen Neudefinition von Wahrheit, Frieden und vor allem von Herrschaft, Macht und Herrlichkeit.

Jesus kam als das Kind von Bethlehem, als der Friedefürst. Aber Jerusalem verweigerte sich seinem Weg des Friedens und wählte stattdessen den Weg des Schwertes, der – wie Jesus zu Petrus sagte – nur zu einem Ergebnis führen konnte. Der erwachsene Jesus verkörperte die Botschaft, die die Engel zu seiner Geburt sangen; aber als er zu seinen Leuten kam, nahmen sie ihn nicht auf.

Noch einmal ging ein Gebot vom Kaiser aus, das einen entscheidenden Effekt in 1500 Meilen Entfernuing haben sollte: Rebellenkönige werden gekreuzigt. „Wenn du den laufen lässt,“ sagte der Hohepriester zu Pilatus, „dann bist du kein Freund des Kaisers.“ Und das war dann der Weg, wie die alten Verheißungen Wirklichkeit wurden, wie die Herrlichkeit des Herrn für alles Fleisch offenbart wurde: Ein junger Jude, der mit Tränen in den Augen über den Ölberg ritt, die Händler aus dem Tempel trieb und auf Geheiß der kaiserlichen Macht starb. Und wiederum will Lukas, dass wir verstehen, wie die Engel Gottes Herrlichkeit preisen, weil nun endlich der Weg des Friedens offen steht. Das ist die endgültige Neudefinition von Herrschaft, Macht und Herrlichkeit. Die kaiserlichen Planungen im Interesse seiner Herrlichkeit wurden von Gott verwandelt: durch sie wurde das wahre Reich errichtet.

Wenn Jesus der wahre König der Welt ist, dessen Herrschaft Macht und Ruhm neu definiert, so dass sie nun in der Krippe, am Kreuz und im Garten Gethsemane zu sehen sind, was bedeutet dann die Vaterunserbitte »Dein Reich komme«? Es ist die Bitte, dass dieses Reich, diese Macht und dieser Ruhm in der ganzen Welt erkennbar sein möge. Es reicht nicht aus (obwohl es der entscheidenden Einstieg ist), dass wir uns in unserem eigenen Leben Gottes alternativer Reichs-Vision verschreiben. Wir müssen beten und arbeiten, dass diese Vision Wirklichkeit wird und die Herren dieser Welt mit dem Anspruch ihres rechtmäßigen Königs konfrontiert werden. Wir können nicht das Vaterunser beten und uns gleichzeitig mit der Macht und dem Ruhm Caesars arrangieren. Wenn die Kirche nicht bereit ist, die Reiche der Welt mit dem Reich Gottes zu unterwandern, sollte sie lieber aufhören, das Vaterunser zu beten.

Ein Auszug aus N.T. Wrights Buch „The Lord and His Prayer“ (1997)

NT Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes (6)

Die Weltanschauung Israels

In Teil III seines Werkes beschreibt Wright die innere und äußere Geschichte des Judentums im 1. Jahrhundert, einschließlich der Vorgeschichte seit dem Ende des Exils. Nachdem es im vorigen Post um die äußere Geschichte Israels zwischen dem babylonischen Exil und den niedergeschlagenen Aufständen der Jahre 66-70 und 132-135 ging, folgt nun ein Blick auf die innere Landkarte Israels, wie sie NT Wright mit den Kategorien “Story”, “Symbol”, “Praxis” und “Glaubensüberzeugungen” erschließt.

Die Storys

Die grundlegende Story war die biblische Geschichte von Gott und seiner Schöpfung, in die Israel hineingestellt war. Israel sollte das Werkzeug des Schöpfers sein, mit dessen Hilfe seine weise Ordnung in die Welt kommt. Diese Geschichte Israels war aber schon in der klassischen Zeit mit vielen rätselhaften Enttäuschungen verbunden und wurde als nicht abgeschlossen angesehen. Um ein angemessenes Ende wurde gerungen: Der Geschichtsschreiber Josephus z.B. versucht sich (in den “Jüdischen Altertümern”) in der Konstruktion eines neuen Endes: Israels Gott läuft zu den Römern über, das Judentum wird zerstreut, Jerusalem zerstört. Dieser Vorschlag für ein Ende der Story war aber dem Anfang völlig unangemessen. So gab es noch viele weitere Vorschläge für den Abschluss der Story; auch die Apokalyptik ist so ein Versuch. Man kann an all diesen Versuchen erkennen, dass das Judentum damals sehr wohl ein Gesamtbild seiner Geschichte vor Augen hatte, auch wenn um das Schlusskapitel gestritten wurde. Dennoch behielten nicht alle Juden diese Gesamtschau im Blick. Viele konzentrierten sich auf kleinere Erzählungen, die Ausschnitte des Gesamtbildes waren.
Die Gesamtstory gibt uns ein Raster, um die alternativen Storys  zu verstehen, die Jesus, Paulus und die Evangelisten erzählten.

Die Symbole

Diese Gesamtstory verband sich über vier zentrale Symbole mit der täglichen Lebenspraxis: Tempel, Land, Tora und ethnische Identität.

  • Der Tempel war das religiöse, politische, wirtschaftliche und symbolische Zentrum des Landes, das Herz des Judentums,  auch wenn ihm viele Juden wegen seiner Beherrschung durch fragwürdige Gruppen mit einer gewissen Distanz gegenüber standen.
  • Das Land (mit seinem Zentrum Jerusalem) war JHWHs Land, seine Gabe an Israel, der Ort, der für den Frieden (Schalom) bestimmt war. Die Tempelsteuer symbolisierte das. Aber dieses Land verödete durch die politischen/wirtschaftlichen Verhältnisse oder wurde für fremde Bauten und Institutionen missbraucht. Israel war nicht Herr im eigenen Land.
  • Die Tora regelte das Leben im Land und die Rituale im Tempel. Aber für die Juden im Exil wurde sie auch ein Ersatz für das ferne Land, und für die Juden im Land wurde das Torastudium langsam ein Ersatz für den Tempel mit seiner korrupten Priesterschaft. Als dann Tempel und Land verloren waren, hatte sich mit der Tora schon ein Ersatz vorbereitet. Diese Tora wurde in der Diaspora-Situation natürlich im Blick auf die Abgrenzung von den Heiden gelesen. Die detaillierte Auslegung der Gebote in den Alltag hinein (Mischna) sorgte dafür, dass dieses Symbol relevant blieb.
  • In dieser Situation der Bedrohung durch die Heiden kam der ethnischen Identität eine besondere Bedeutung zu. Sie musste unbedingt festgehalten werden, z.B. durch das Verbot von Mischehen.

Diese vier zentralen Symbole waren die Wege, auf denen die Story Israels in Stein gemeißelt, auf Schriftrollen fixiert und in Fleisch und Blut verkörpert wurde. So konnte sie in die tägliche Lebenspraxis integriert und lebendig erhalten werden.

Die Praxis

Die vier Zentralsymbole fanden ihren Weg in die allgemeine Lebenspraxis über die Teilnahme an den Gottesdiensten und Festen, das Studium der Tora, und schließlich die Beachtung der Tora im täglichen Leben. Insbesondere die Beschneidung, der Sabbat und das Halten der Reinheitsgesetze waren lebenspraktische Erkennungszeichen, die die Juden von den Heiden unterschieden. Diese Werke der Tora dienten nicht dazu, sich das göttliche Wohlwollen zu verdienen, sondern sie waren (abgrenzende) Zeichen der Zugehörigkeit zum erwählten Volk.

Zentral für alle Träger dieser Weltanschauung war die Schrift. Wer auch immer die Geschichte und Sendung Israels neu interpretierte – er musste darlegen, dass er in Kontinuität zur Schrift stand, die Schrift “erfüllte”. Die Schrift war aber nicht nur Erzählung – aus ihr gingen grundlegende Glaubensüberzeugungen hervor, eine Weltanschauung, die man systematisch-theologisch darstellen kann.  Davon im nächsten Post.

Alle Posts dieser Reihe:  | Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 | Teil 6 |

Ein Gott – ein Recht – eine Welt

Unter dem Titel “Ein Gott – ein Recht – eine Welt” denkt Klara Butting nach über das grundlegend Neue der Sinaierfahrung. Dazu heute das erste der angekündigten Zitate aus “Hier bin ich. Unterwegs zu einer biblischen Spiritualität” (15f):

Im Konzentrationslager Bergen-Belsen hat Abel Herzberg über die Spiritualität des Judentums und die Spiritualität des Nationalsozialismus nachgedacht. Letztere charakterisiert er als als einen Glauben an den ewigen Kampf, in dem die Macht, die siegt, das Recht setzt. “Sein und Werden (sind hier) ein ewiger Kampf zwischen Macht und Macht, Mächten, die im Prinzip in unbegrenzter Anzahl existieren. Und was ist letztlich Sitte und Recht? Die Macht, die siegt. Wer der Stärkste ist und dies zu beweisen vermag, der hat Recht. Und wer die Herrschaft zu erobern versteht, hat auch das Recht dazu”. Diese Spiritualität der Macht hasst das Judentum, weil hier immer wieder die peinliche Frage gestellt wird: “Ist es erlaubt?”. Denn zentral für den jüdischen Glauben ist das Bekenntnis “Gott ist Einer”, das – so Herzberg – “identisch ist mit der Forderung nach einer einzigen Ethik”. […]

Was hier [durch die Gesetzgebung am Sinai] passiert, ist im altorientalischen Kontext singulär. Denn normalerweise setzt der König das Recht. Königliche Erlasse sind die gebräuchliche Rechtsform. In der Bibel haben wir es jedoch mit einer Gottheit zu tun, die über dem König und über der königlichen Gesetzgebung steht. Die biblische Erzählung entmachtet den König. Er und mit ihm alle politischen und geistlichen Autoritäten werden an das Recht gebunden und dem Recht untergeordnet, das verstanden wird als vor dem Staat entstanden und über den Staat gesetzt.

Zwei Gedanken dazu:

  1. Auch in unseren Tagen ist die “Spiritualität der Macht” nicht unbekannt: Inzwischen ist es die Macht der Märkte, die – in diesem Denken – letztlich immer Recht hat. Wer sich am Markt durchsetzt, hat Recht. Diese Spiritualität der Macht dürfte der tiefste Grund für die Hilflosigkeit sein, die die Völker Europas und ihre Repräsentanten in diesen Tagen gegenüber dem Angriff der gebündelten Kapitalströme zeigen.

  2. Wer in einer frommen Umgebung geprägt worden ist, hat die Frage “ist es erlaubt?” oft vor allem als individuell drohende Gewissensfrage erlebt. Nicht wenige reagieren deshalb inzwischen allergisch auf diese Frage – manchmal sehr direkt, manchmal in theologisch verklausulierter Form. Die Gedanken, die Butting im Anschluss an Abel Herzberg formuliert, könnten eine Hilfe sein, das eigentliche Anliegen der Frage “Ist es erlaubt?” wiederzugewinnen und das Kind nicht weiter mit dem Bade auszuschütten.

Klara Butting: Hier bin ich. Unterwegs zu einer biblischen Spiritualität

Spiritualität ist in aller Munde (auch ich habe darüber vor einiger Zeit gebloggt). Die Quellen dieser Spiritualität liegen aber oft in außereuropäischen kulturellen und religiösen Zusammenhängen oder in bestimmten Stationen der Kirchengeschichte. Insofern ist die Fragestellung nach einer ausdrücklich biblischen Spiritualität besonders im Protestantismus schon länger dran. Klara Butting ist in ihrem neuen Buch „unterwegs“ dazu. Sie beschreibt Grundlinien einer biblischen Theologie und fragt von dort ausgehend nach Zugängen zu spirituellen Erfahrungen.

Dieser Anmarschweg bringt einen signifikant anderen Erfahrungshintergrund ins Spiel als die üblichen Stille- und Naturmeditationen. Zentrales spirituelles Muster ist für Butting die gemeinschaftliche Lektüre biblischer Texte. Das klingt zunächst nicht besonders aufregend, insbesondere für Leute mit ausgeprägter Bibelkreis-Erfahrung. Aber Butting hat einen intensiven bibeltheologischen Ansatz, der noch in der Lage ist, sich von den Texten überraschen zu lassen, anstatt bloß theologische Standardsätze abzurufen. Und sie arbeitet mit einer Methode gemeinschaftlicher Bibellektüre, die dem Prozess unter den Teilnehmern vertraut und im Prinzip dem besser bekannten „Bibelteilen“ sehr ähnlich ist. Im Ergebnis führt das zu einer anderen Art spiritueller Erfahrung, die tatsächlich der Bibel viel angemessener ist. Ich fand den Unterschied in den folgenden Sätzen schön beschrieben:

Wenn ich z.B. eine Formulierung wie „die Mitte finden“ höre, denke ich an Leute, die  – wie wir bei den Bibel-Lese-Tagungen – im Kreis an Tischen sitzen. Ich denke an Situationen, in denen ein Gespräch gelungen ist, unerwartete Begegnungen stattgefunden haben, in denen ich von Gottes Vision der Einen Welt berührt wurde. Immer wieder habe ich während der Bibel-Lese-Wochen diese Erfahrungen gemacht, dass ich gerufen wurde, an Gottes Engagement für eine bewohnte Erde teilzunehmen und mich neu an Gottes Verheißungen auszurichten.

Butting beschreibt dann, dass dieses Achtsamwerden ausstrahlt in andere Bereiche hinein. Spiritualität hat ja immer irgendwie mit Wegen zu tun, auf denen Wahrnehmung – das Hinschauen und Hinhören – neu eingeübt wird. Bei einer biblischen Spiritualität ist dieses Übungsfeld die gemeinsame Wahrnehmung der Bibeltexte und der Stimme, die sich in ihnen erhebt. Dies kann durchaus auch zu intensiven geistlichen Erfahrungen führen, aber das ist keine Pflicht. Diese Einübung wird sich jedenfalls auch in anderen Lebensbereichen bemerkbar machen. Und bei solch einer biblischen Spiritualität sind die Anderen von Anfang an mit dabei. Sie müssen nicht nachträglich irgendwie noch integriert werden, denn gerade durch die unterschiedlichen Beteiligten wird die Bibellektüre unvorhersehbar und deshalb frisch, und sie führt auf Praxis hin. Buttings zentraler Praxisbezug und Erfahrungsmodell ist die Woltersburger Mühle, ein Arbeitslosen- und Qualifizierungsprojekt bei Uelzen, zu dem gleichzeitig ein Zentrum für biblische Spiritualität gehört.

Dieser Versuch, Spiritualität schon an der Wurzel mit Bibellektüre, Gemeinschaft und befreiender Praxis zu verknüpfen, scheint mir unbedingt nötig und sehr hoffnungsvoll. Gleichzeitig wird durch diese Aufgabenbeschreibung aber auch deutlich, dass das Buch zunächst so etwas wie eine Zwischenstation sein muss. Butting sucht in der biblischen Überlieferung nach Spuren der Spiritualität und wird an vielen Stellen fündig. Die oft beschriebene mystische Erfahrung der Einheit bringt sie z.B. zusammen mit dem Bekenntnis Israels, dass Gott Einheit ist, keine widerstreitende Vielzahl wie die heidnischen Götter und Mächte. So ist das Buch auch Einführung in eine biblische Theologie, die jenseits der allzu bekannten Paradigmen die Texte sehr profiliert zur Sprache bringt. Die Autorin greift dabei – eine von mehreren Parallelen zu NT Wright – stark auf die ganze Bibel zurück und und lässt den alttestamentlichen Bezugsrahmen, auch im Gespräch mit jüdischen Erfahrungen, deutlich werden.

Verschwiegen werden soll allerdings nicht, dass im Vergleich zur biblischen Thematik die Konkretionen der Spiritualität eher skizzenhaft sind. Wer geistliche Übungen o.ä. sucht, wird enttäuscht werden. Vielleicht kann das auch (zur Zeit noch) nicht anders sein. Immerhin gibt es gute Zugänge zum Abendmahl, zum Gebet und zum Ruhetag/Sabbat. Die eigentliche geistliche Übung – so kann man Butting wohl verstehen – ist die Teilnahme am messianischen Lebenswerk Jesu: der Befreiung aller Kreatur aus Unterdrückung und Gewalt.

Ich verkneife es mir, hier eine ausführlichere Inhaltsangabe des Buches zu geben. Dafür ist es einfach zu dicht gepackt mit guten, substanziellen Durchblicken. Der Grundansatz erweist seine Fruchtbarkeit in vielen einzelnen hilfreichen Klärungen. Man sollte das Buch tatsächlich lesen. Mit 107 Seiten überfordert es nicht. Vielleicht werde ich in der nächsten Zeit aber noch ein paar Zitate bloggen. Leider ist das Buch z.Zt. nicht bei Amazon erhältlich. Man kann es direkt bestellen bei Erev-Rav, die Lieferung erfolgt umgehend.

Ein Hinweis zum Schluss: die Autorin hat an der „Bibel in gerechter Sprache“ mitgearbeitet und gibt den alttestamentlichen Gottesnamen beinahe immer in weiblicher Form (die Ewige, die Eine) wieder. Wen das stört, der sollte an diesen Stellen einfach in Gedanken eine ihm vertraute männliche Form einsetzen. Die Substanz und Qualität des Buches wird dadurch keinen Schaden nehmen.

Alltagspositivismus – wie den Menschen das eigene Urteil genommen wird

Angeregt durch die Lektüre von NT Wright und einige Diskussionen auf diesem Blog (und bei Arne), möchte ich heute den Positivismus als eine mächtige Grundströmung unserer gegenwärtigen Kultur beschreiben. Dabei geht es mir jetzt nicht um die philosophiegeschichtliche Entwicklung in ihren verschiedenen Linien; wer sich darüber informieren will, kann sich z.B. bei Wikipedia einen Überblick verschaffen und wird dann sehen, dass ich hier mit vergleichsweise groben Mustern arbeite. Es geht mir hier um die praktischen Auswirkungen eines positivistischen Denkstils in allen Lebensbereichen, öffentlich, privat, politisch und kirchlich. Ich beschreibe dazu einige Erlebnisse, die in diesem Zusammenhang für mich Aha-Erlebnise geworden sind.

  • Kurz nach der Katastrophe von Fukushima bekam ich eine Rundmail der Kerntechnischen Gesellschaft (Vereinigung von in der Atomtechnik Tätigen) zu Gesicht, in der es u.a. hieß:
    „Im Rahmen der Berichterstattung über die schrecklichen Vorfälle war es nur zu verständlich, dass nicht immer alle technischen Zusammenhänge wissenschaftlich korrekt dargestellt wurden. Das Deutsche Atomforum hat auf seiner Website umfangreiche Informationen zu den Ereignissen in Japan zusammengestellt …“. Es folgten Hinweise auf Webseiten des Atomforums und der Gesellschaft für Reaktorsicherheit.
    Ich habe diese Webseiten dann regelmäßig gelesen. Es gab dort eine aktuelle Chronik der Ereignisse im AKW einschließlich detaillierter Strahlungswerte an verschiedenen Messpunkten der Anlage, anscheinend eine Zusammenfassung der Bulletins des AKW-Betreibers TEPCO. Das konnte einem helfen, die Übersicht zu behalten. Es brachte aber keinen entscheidenden Mehrwert, wenn man sich auch aus journalistischen Quellen auf dem Laufenden hielt.
    Am interessantesten fand ich die Formulierung in der Rundmail: „dass nicht immer alle technischen Zusammenhänge wissenschaftlich korrekt dargestellt wurden“. Im Begleittext war weniger zurückhaltend von „medialer Hysterie“ die Rede.
    Wenn man sich das übersetzt, bedeutet es: Die eigentlich einzig legitime Art, über so eine Katastrophe zu sprechen, ist die Sprache der wissenschaftlich beglaubigten Fakten. Natürlich wird die Öffentlichkeit angesichts der Verwüstungsgefahr weiter Landstriche emotional reagieren, und das ist ja (wir sind heute mal großzügig) verständlich. Aber es bleibt dabei, eigentlich kann nur der sich ein Urteil über das Geschehen erlauben, der die Radioaktivitätwerte in Millisievert kennt. Und eine Schlagzeile wie „Atomare Verseuchungsgefahr für Tokio?“ wäre Panikmache, solange nicht die amtliche Wetterprognose mit Windrichtung und -stärke vorliegt.
    Die Voraussetzung dahinter ist: der eigentlich einzig legitime Zugang zur Realität läuft über objektive Messwerte. Nur daraus darf  (irgendwann, wenn alle Messungen ausgewertet sind) ein Urteil erwachsen. Und eigentlich kann auch nur der es fällen, der die Messwerte mit der Methodik und Terminologie der Eingeweihten bearbeiten kann. Unterm Strich bedeutet das, dass allen anderen Menschen die Deutungshoheit über ihre Geschichte entzogen wird; eigentlich bleibt ihnen nichts anderes übrig, als vertrauensvoll das Urteil der Experten entgegen zu nehmen.  Sich in dieser Situation auf seine subjektive Angst zu berufen, bedeutet nur, die positivistische Ideologie zu akzeptieren: Emotionen sind natürlich verständlich, aber für die Urteilsfindung völlig irrelevant.
    Dieser Alltagspositivismus funktioniert als geschlossenes System, das in sich relativ widerspruchsfrei funktioniert. Alles, was es irritieren könnte, wird wegdefiniert.  Dass ein Erdbeben die vorausgesetzte Höchststärke überschreitet, dass TEPCO Messergebnisse unterdrückt oder manipuliert, dass Menschen versagen, bestechlich sind oder bewusst täuschen, dass auch kleine Wahrscheinlichkeiten zur Realität werden können usw. – das ist in dieser Sprache nicht vorgesehen.
    Aber der entscheidende Trick ist:  dieser begrenzte Wirklichkeitszugang wird als die eigentliche Realität ausgegeben. Wer die ganze Geschichte erzählen will (und damit dieses System überschreitet), ist unwissenschaftlich, naiv oder ein Opfer medialer Hysterie. Den Menschen wird das Recht auf ihre eigene Geschichte abgesprochen, weil die ja (möglicherweise falsche, voreilige, unwissenschaftliche) Urteile enthalten würde. Positivismus ist bevormundend wie schlechte Religion.
    Nun könnte man einwenden, dass die Atomgemeinde sicher eine besonders hartnäckige Zitadelle des Positivismus ist, und das stimmt sicher. Aber immerhin hat es eine Katastrophe wie Fukushima gebraucht, bevor sich wenigstens die deutsche Gesellschaft erfolgreich gegen die Beherrschung von dieser Zitadelle aus auflehnen konnte.
  • Vor mehr als einem Jahrzehnt starb mein Vater. Er hatte wie mancher andere in seinen letzten Lebensjahren mit einer Krebserkrankung zu kämpfen, die sich nur aufhalten, aber nicht heilen ließ. Als er das letzte Mal aus dem Krankenhaus kam, brachte er einen umfangreichen Arztbrief mit. Wir haben versucht, den unter Hinzuziehung eines medizinischen Fachwörterbuches und meiner Kenntnisse der alten Sprachen zu übersetzen, mussten am Ende aber vor der medizinischen Terminologie kapitulieren. Wir ahnten nur, dass es nicht gut um ihn stand. Nicht lange danach lebte er nicht mehr.
    Ich vermute, dass es heute einfacher wäre, einen Arzt zu finden, der eine verständliche Antwort auf unsere Frage („muss er, muss ich jetzt sterben?“) geben würde. Aber ausgestorben sind die Ärzte noch längst nicht, die sich hinter eine verschleiernde Sprache zurückziehen und ihre Patienten mit ihren echten Fragen allein lassen.
    Aber wer als Arzt einen Kranken begleitet, wer als Rechtsanwalt einen Klienten im Prozess berät, wer an einem Grab redet, wer einen Staat leitet (usw.), der soll den Menschen nicht nur eine Dienstleistung bieten. Er soll ihnen (auch) helfen, ihre wirkliche Geschichte zu verstehen. Das ist mehr, als ihnen abgesicherte Fakten oder neutrale Wenn-Dann-Möglichkeiten anzubieten. Es geht darum, gemeinsam mit dem Patienten/Klienten die fachlichen Einsichten in eine Lebensgeschichte zu integrieren, gemeinsam an einem Bedeutungsnetz zu weben, das Orientierung ermöglicht. Dazu gehört natürlich immer das Risiko, dass man daneben liegen kann, dass man in seiner Subjektivität sichtbar und (schrecklich, nicht?) fehlbar wird. Für dieses Risiko wird man auf solchen Posten ja auch nicht schlecht bezahlt. Sich stattdessen hinter Fachchinesisch oder unangreifbaren Richtigkeiten zu verstecken ist einfach feige.
    Zu den verheerendsten Folgen des Positivismus gehört es, dass er diese Feigheit auch noch legitimiert. Es gibt immer noch Befunde, die erst noch abgeklärt werden müssen. Es ist immer noch zu früh für ein endgültiges Urteil. So werden Menschen im Namen der Objektivität um wesentliche Teile ihrer Geschichte betrogen. Und am Ende glauben sie selbst nicht mehr, dass sie eine haben könnten und schauen lieber DSDS.
    Ich finde das Erfrischende am exegetischen Ansatz von NT Wright, dass er sich dazu bekennt, dass man a) als Neutestamentler ein Gesamtbild zeichnen muss (anstatt sich mit Detailuntersuchungen zu begnügen) und dass b) dieses Gesamtbild nicht aus der Summe der Fakten erwächst (oder einfach nur aus dem, „was die Bibel sagt“), sondern aus der Kreativität und Weisheit des Exegeten, der die Daten einordnet. Es bleibt ein Wagnis, ohne dadurch willkürlich oder „nur subjektiv“ zu werden.  Aber sollten wir überhaupt erwarten, das etwas Gutes ohne Risiko zu erreichen ist – in welchem Lebensbereich auch immer?
  • Die letzte Geschichte haben wir alle miterlebt. Im Frühjahr musste Verteidigungsminister Guttenberg zurücktreten, weil er seine Dissertation zu erheblichen Teilen bei anderen abgeschrieben hatte. Er musste nicht zurücktreten, weil er das Ende der Wehrpflicht stümperhaft organisiert und vorbereitet hatte (wie sich inzwischen immer deutlicher herausstellt, was sich aber schon damals abzeichnete).
    Dabei müsste doch eigentlich das Versagen in einem Kernbereich seines Amtes der stärkere Rücktrittsgrund sein. Warum stolpert er stattdessen über die Sünden seiner akademischen Laufbahn? Ganz klar – das Plagiat war ein „objektives“ Faktum, von einem universitären Gremium einstimmig festgestellt. Sozusagen ein wissenschaftlicher Messwert. Auch die politischen Spielregeln sind also dermaßen vom Positivismus geprägt, dass in der Regel keiner mehr einfach „nur“ wegen politischem Versagen stürzt. Dafür müsste man ja eine Geschichte erzählen, ein Gesamtbild zeichnen, ein Bedeutungsnetz weben, und wer traut sich das heute noch? Eine Öffentlichkeit, die darin geübt wäre, solche Gesamtbilder zu diskutieren und  zu einem einigermaßen klaren Urteil zu kommen, gibt es kaum. Und zwar nicht nur, weil manche Medien gezielt Verwirrung stiften, sondern weil Menschen nicht mehr das Zutrauen haben, dass sie mehr hervorbringen könnten als subjektive Meinungen. Wer aber nicht mehr an die Tragfähigkeit seines Urteils glauben mag, der wird wehrlos gegenüber denen, die genau wissen, was sie wollen und wie sie die Welt sehen.
    Denn es ist ja nicht so, dass es keine (mehr oder weniger) umfassenden Geschichten mehr gäbe. Sie sind nur privatisiert. Natürlich hat der Arzt gewusst, dass mein Vater am Ende seines Lebens angekommen war. Natürlich hat bei TEPCO irgendwer gewusst, was in Fukushima los war. Natürlich wird die Bundeskanzlerin im engsten Zirkel des Kanzleramts den Guttenberg einen Blender und Selbstdarsteller (oder so ähnlich) genannt haben. Natürlich hat die Tea Party oder die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ ein Gesamtbild der Gesellschaft und ein umfassendes Konzept, wie wahnhaft es auch sein mag. Oder die Agrarlobby. Oder. Oder. Oder. Aber das bleibt privat, und die Menschen, die es betrifft, begreifen nicht, was ihnen zustößt. Daher kommt ja das Misstrauen gegen Bilderberg-Konferenzen und ähnliche Foren der Mächtigen: weil dort im Privaten eine große Geschichte erzählt (und fortgeschrieben) werden könnte, während so etwas normalen Menschen und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit durch die positivistische Norm immer weniger möglich ist. Ihnen wird das Recht auf ein Urteil geraubt, sie werden ihrer eigenen Geschichte entfremdet und damit wehrlos.
    Es ist wie mit den immer neuen Steuersenkungen, die die finanziellen Ressourcen der Allgemeinheit ausbluten lassen: wie die öffentlichen Mittel in Privatressourcen umgewandelt werden, so wird durch positivistisches Denken die öffentliche Geschichte in Privatbesitz verschoben.

Und wie sieht es in der Kirche aus? Exegetisch haben wir da auf dem einen Flügel die Erbsenzähler, die biblisches Klein-Klein machen und jeden, der mehr will, als Fundamentalisten verdächtigen. Auf der anderen Seite die Bibeltreuen, die behaupten, sie würden nur den reinen Sinn der Schrift wiedergeben (sozusagen „objektive Messergebnisse“), und ihren eigenen Anteil in der Auslegung verleugnen. Positivisten alle beide.

Mindestens in die Großkirchen, vor allem natürlich die evangelischen, ist die positivistische Grundströmung der Kultur sowieso längst eingedrungen. Sie scheint die logische Alternative zum kirchlichen Paternalismus früherer Zeiten zu sein. Daher leben die Kirchen schon lange nicht nur mit faktischem, sondern mit gewolltem Pluralismus. Das Wort Jesu, man solle nicht richten, macht sie auf eine fatale Weise ohnmächtig. Dass Paulus mit dem gleichen griechischen Wort dazu aufgefordert hat, sich um ein geübtes Urteilsvermögen zu bemühen und es auch anzuwenden, wird selten erinnert.

Aber es bleibt die Aufgabe, den Menschen von der großen Geschichte zu erzählen (die ihnen leider zu oft völlig schief erzählt worden ist), und in der sie mindestens bei uns im Westen irgendwie alle drinstecken: von dem Gott, der sich aufmacht, um seine Welt aus Zerstörung und Besudelung zu retten, und der das nicht ohne uns machen will (auch wenn er die Welt durchaus auch vor uns retten muss). Denn – wie sollten Menschen sonst in der ja vermutlich sehr chaotischen Welt der Zukunft davor geschützt sein, zum verständnislosen Opfer irgendeiner undurchschauten Krise oder Katastrophe zu werden? Nur wer seine große Geschichte kennt, kann begreifen, was mit ihm passiert. Wem man ausgeredet hat, dass es so etwas gäbe, der kann nur von Glück sagen, wenn er heil davonkommt.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit dafür bleibt. Aber wir sollten dringend die versteckten positivistischen Grundlagen unserer Kultur sehr klar in den Blick nehmen. Wir sollten uns deutlich zum riskanten Weg bekennen, aus großen Geschichten zu leben. Dabei begibt man sich in die Gefahr, schrecklich daneben zu liegen. Aber die Alternative des „demütigen“ Verzichts auf solche Gesamtbilder wäre viel riskanter. Viel zu lange haben Christen und Kirchen jeder Couleur zugelassen, dass der Positivismus sie vor sich her getrieben hat – mit katastrophalen Folgen für alle Geschöpfe.

NT Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes (5)

Die Geschichte Israels als Voraussetzung für die Entstehung des Christentums

In Teil III seines Werkes beschreibt Wright die innere und äußere Geschichte des Judentums im 1. Jahrhundert, einschließlich der Vorgeschichte seit dem Ende des Exils. Das Judentum im Kontext der griechisch-römischen Welt war der Rahmen, in dem die christliche Bewegung entstand, und dessen Grundannahmen sie teilte. Die Forschungslage zum Judentum hat sich in letzter Zeit enorm ausgeweitet; frühere verzerrte Bilder des Judentums innerhalb der christlichen Theologie lassen sich nicht mehr halten.

Wrights vielleicht wichtigste These ist in diesem Zusammenhang, dass es quer durch alle jüdischen Gruppierungen einen weltanschaulichen Grundbestand gegeben hat, den alle Juden teilten. Es war

eine komplette Weltanschauung, die alle Aspekte der Wirklichkeit umfasst und die sich in einer bestimmten Sehnsucht und Erwartung scharf fokussiert, in einer Anerkennung, dass der gegenwärtige Zustand der Dinge noch nicht die volle Realisierung der Absichten des Bundesgottes für sein Volk darstellt … Einer der Hauptunterschiede zwischen ihnen und einigen anderen Kulturen bestand allerdings darin, dass ihre kontrollierenden Storys mit wirklichen Ereignissen in der Geschichte zu tun hatten: sie warteten darauf, dass das letzte Kapitel ihrer Story begann. (197)

Die traditionelle christliche Interpretation dieses Hintergrundes übersieht oft die politische Verortung und die politischen Obertöne dieser Weltanschauung. Aber sie war allen Juden (auch den Christen) gemeinsam, auch wenn die Christen sie dann neu lasen.

Diese Weltanschauung war gewachsen durch die Erfahrung des babylonischen Exils, das auch nach dem persischen Sieg über Babylon und der Rückkehr der Juden nach Israel kein echtes, wiederherstellendes Ende gefunden hatte. Auch der makkabäische Sieg über die syrische Tyrannei 164 v.Chr. führte nicht zu einer deutlichen Rehabilitierung Israels. Stattdessen durchdrang der heidnische Hellenismus Israel immer mehr und wurde durch die Römer ab 63 v. Chr. auch militärisch und wirtschaftlich eher noch dominanter. Die Hoffnung auf ein wiederherstellendes Handeln Gottes mündete immer wieder in kleinere Rebellionen und schließlich in die großen Aufstände der Jahre 66-70 und 132-135. Nach ihrer Niederschlagung begann ein neues, anderes Judentum.

In der Zeit zwischen dem Makkabäer-Aufstand und der Zerstörung Jerusalems entwickelte sich eine Vielfalt von Ausdrucksformen jüdischer Identität. Sie unterschieden sich in ihren Antworten auf die zentrale Frage, wie und wann der Bundesgott sein Volk retten würde:

Revolutionäre Bewegungen
In Reaktion auf römische Provokationen entwickelten sich immer wieder revolutionäre Bewegungen (Zeloten, Sikarier usw.), die ein zentrales Thema der Politik in dieser Zeit waren. Sie nährten sich aus der nationalen Stimmung des Widerstandes gegen Rom und flossen am Ende im Aufstand von 66-70 zusammen. Er war z.T. aber auch ein Krieg dieser verschiedenen Strömungen untereinander.

Pharisäer
Die Pharisäer haben ihre Wurzeln in der Makkabäerzeit. Sie standen für die Beachtung der Traditionen, insbesondere der Reinheitsvorschriften. Obwohl sie keine institutionalisierte Macht hatten, übten sie mit wechselndem Erfolg Einfluss auf die jeweiligen Machthaber aus. Sie hatten am ehesten die Sympathie des Volkes.
Die Beachtung der Tora war wichtig für die Bewahrung der Identität Israels. Persönliche Reinheit war ein Bereich, den man kontrollieren konnte, wenn schon das nationale Leben in vieler Hinsicht beschmutzt war. Es ging also nicht darum, sich durch gute Taten den Himmel zu erwerben. Pharisäer waren keine politisch-militärischen Aktivisten, aber die Grenze zu solchen Bewegungen blieb vor 66 n. Chr. fließend. Denn auch die Sorge um die persönliche
Reinheit war letztlich ein Akt des Widerstandes gegen die heidnische Herrschaft. Erst nach den Niederlagen von 70/135 wurde die revolutionäre Energie endgültig in die Gelehrsamkeit umgeleitet.

Essener
Die Essener verstanden sich angesichts des als korrupt angesehenen Jerusalemer Tempelbetriebs als alternativer Tempel. Sie waren die schon aus dem Exil befreite Vorhut Israels. Der Tag würde kommen, an dem das durch Gottes Eingreifen allen klar werden würde. Darauf  warteten sie abseits des allgemeinen Geschehens, z.B. in Qumran.
Die Gruppe hat letztlich keinen großen Einfluss auf den Gang der Geschichte gehabt.

Priester, Aristokraten und Sadduzäer
Der Tempel war ökonomisches und politisches Zentrum des Landes. Zu den Priestern gehörten einerseits die über das Land verstreuten, relativ armen Priester, die nur selten am Tempel Dienst hatten, andererseits die Hauptpriester, die mit der Aristokratie zusammen die Partei der Sadduzäer bildeten. Sie paktierten mit den Römern, waren konservativ und hielten sich von so umstürzlerischen Theorien wie der Auferstehung der Toten fern. Nach der Eroberung Jerusalems verschwand diese Gruppe aus der Geschichte.

Die „normalen“ Juden

Die große Mehrheit der Juden gehörte zu keiner dieser Gruppen. Diese Mehrheit versuchte, sich und ihre Kinder heil durch die unruhigen Zeiten hindurchzubringen, sie beteten, fasteten, besuchten die Synagoge, nahmen an den Jerusalemer Festen teil, aßen kein Schweinefleisch, hielten den Sabbat, beschnitten ihre Kinder und hörten in gewissem Maß auf die Pharisäer. Mit all dem hielten sie einfach an ihrem Erbe fest und drückten, wenn auch sicher unvollkommen, eine gemeinjüdische Theologie aus.

Um die Darstellung dieser theologischen Grundlinien wird es im nächsten Post gehen.

Alle Posts dieser Reihe:  | Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 | Teil 6

NT Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes (4)

Die Autorität von Stories

Noch ein paar letzte Gedanken aus dem Grundsatzteil des Buches: Wright durchdenkt von seinem Ansatz des Kritischen Realismus aus, was Geschichtsschreibung leisten sollte, und welche Art von Autorität das Neue Testament haben könnte.

Zur Aufgabe des Historikers:

Wright beschreibt, warum es keine voraussetzungslose Geschichtsschreibung geben kann, die einfach nur schildert, „wie es gewesen ist“. Auch ein scheinbar unbestreitbarer Satz wie „Jesus starb“ beinhaltet Entscheidungen (die beim Satz „Christus starb für unsere Sünden“ natürlich viel offensichtlicher sind). „Jesus starb“ beinhaltet mindestens die Voraussetzung, dass es wichtiger ist, die Aufmerksamkeit auf Jesu Tod zu richten, als auf den Tod der beiden anderen an diesem Tage Gekreuzigten, oder auf die Tausenden von Juden, die im ersten Jahrhundert denselben Tod von römischer Hand erlitten (119). Wie man es auch wendet: der positivistische Traum von einer „bloßen Geschichte“, die man neutral schreiben könnte, bevor man zu den Wertfragen kommt (die dann schnell ins Private abgeschoben werden), bleibt ein Traum. „Fakten“ gibt es nicht ohne den Erkenntnisprozess, in dem sie gewonnen wurden.

Andererseits bedeutet das nicht, dass es sinnlos wäre, Geschichte zu schreiben. Es ist grundsätzlich möglich und sinnvoll. Dass es keine voraussetzungslose Geschichtsschreibung gibt, heißt nicht, dass es keine Fakten gäbe (125). Dass ein (z.B. neutestamentlicher) Autor sein Material bewusst arrangiert, sagt nichts darüber, ob das, wovon er schreibt, Realität ist oder nicht. An Interpretation kommt man nicht vorbei; die Frage ist aber, ob eine Interpretation das Ereignis in seiner Tatsächlichkeit und Bedeutung öffnet oder verschließt (129).

In der neutestamentlichen Wissenschaft waren Zweifel an der Tatsächlichkeit der Berichte über Jesus manchmal nicht unwillkommen, weil man sich so besser in der Lage wähnte, den biblischen Berichten eine universale, nicht zeitgebundene Botschaft zu entnehmen, die man dann auf die Gegenwart anwenden konnte. Dabei blieb aber oft ein blasser Jesus zurück, der kaum noch an seinem historischen Ort verankert war und je nach Interesse zurechtgebogen werden konnte (132).

Eine angemessene Beschäftigung mit Geschichte umfasst aber auch die Intentionen, sowohl von Individuen, als auch von ganzen Gesellschaften – also die Innenseite der Ereignisse, ihr Warum. Die Intentionen von Gesellschaften erschließen sich durch das Studium ihrer Symbole, ihrer Verhaltensweisen und vor allem durch die Untersuchung der Stories, die sie sich erzählen. Die Aufgabe des Historikers ist es, diesen Gesamtzusammenhang (also etwa das antike Judentum) zu rekonstruieren und die einzelnen Individuen (z.B. Jesus oder Paulus) dort hineinzustellen und verstehbar zu machen. Dabei geht es dann nicht mehr um das Sammeln kleiner Fakten-Brocken, sondern um eine kreative Synthese der Daten, die der Historiker aufgrund seiner Vorstellungskraft produziert. Dabei greift er unweigerlich auf seine Erfahrung und seinen Lebenshorizont zurück (z.B. auf seine politischen Erfahrungen oder auf seine Vorstellung, wie Kirche ist bzw. sein sollte). Ergebnis ist eine Hypothese, die dann wieder dem Prozess der Überprüfung und Weiterentwicklung unterliegt (150-55).

In der neutestamentlichen Wissenschaft hat es solche Synthesen seit dem ersten Weltkrieg leider kaum gegeben – die kleinteilige Arbeit an Einzelproblemen dominierte (155-56). Das ist bedauerlich, weil das Christentum eine Geschichte über den Schöpfer und seine Welt erzählt, der unübertroffen in Jesus Christus gehandelt hat. Deswegen ist die Beschäftigung mit Geschichte für Christen unaufgebbar: nicht, um Bestätigungen („Belegstellen“) für das zu finden, was man eh schon glaubt, sondern um diesen Gott wirklich zu verstehen, so gut, wie es nur irgend geht (181-82).

Weil das Konzept der „reinen Geschichte“ eine Illusion ist und es ein genuin christliches Interesse an der Geschichte gibt, ist es auch nicht sinnvoll, dass der neutestamentliche Wissenschaftler während der Arbeit seine christliche Identität suspendiert und sich als Positivist versteht. Christentum und Positivismus bewegen sich als konkurrierende Weltanschauungen auf der gleichen Ebene (nur dass der Positivismus sich so erfolgreich als Wertebasis der Gesellschaft durchgesetzt hat, dass er nicht mehr als Weltanschauung erkannt wird). Sie versuchen gegenseitig, ihre fundamentalen Stories zu unterwandern: der Positivismus hat dem Christentum einen Platz im privaten Raum zugedacht, während z.B. Wrights Ansatz versucht, dem aufklärerischen Anliegen einen legitimen Platz innerhalb der christlichen Weltsicht zu geben (183-84).

Zur Autorität der Bibel:

Dem Neuen Testament wird nun aber vom überwiegenden Teil der Christen eine Autorität zugeschrieben, die über die einer beliebigen historischen Quelle hinausgeht. Nur – welche Art von Autorität können Stories überhaupt haben? Wright schlägt vor, dass man die Bibel wie ein Theaterstück in fünf Akten ansehen möge, dessen letzter Akt verlorengegangen ist. Eine Schauspielertruppe bekommt den Auftrag, dieses Stück aufzuführen und dafür einen passenden fünften Akt zu erfinden. Sie muss den vorhandenen Stoff berücksichtigen, wird ihn am Anfang des 5. Aktes möglicherweise auch frisch nacherzählen. Aber sie muss dann auf ihre eigene Verantwortung (und mit der Gewissheit, es nicht 100%ig richtig zu machen) ihre eigene Version spielen. In Treue zum vorhandenen Stoff natürlich (und insofern hat dieser Stoff Autorität und muss intensiv studiert werden), und dennoch ihre eigene Version. Einfach nur die bisherige Handlung zu rekapitulieren reicht nicht (187-191).

Das ist ein sehr hilfreiches Verständnis von der Autorität der Bibel, weil es die Erforschung der Dokumente durch die Bibelwissenschaft in einen sinnvollen Zusammenhang stellt. Andererseits gibt es der Bibel eine angemessene Autorität, ohne damit die Kreativität der Christen einzuschränken (und ohne den Christen den kreativen Akt und die Verantwortlichkeit zu ersparen).

Und nachdem das alles mindestens grundsätzlich geklärt ist, kann Wright damit beginnen, in Teil III den Gesamtzusammenhang zu beschreiben, in dem die Schriften des Neuen Testaments entstanden sind: das Judentum des ersten Jahrhunderts und seine grundlegenden Stories.

Alle Posts dieser Reihe:  | Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 |


Tiefebene endet – neuer Blog „Walters Werkstatt“

Nach knapp sechs Jahren habe ich diesen Blog eingestellt und eine neue Webpräsenz eingerichtet:
"Walters Werkstatt. Theologie, Politik und Kirche: Texte aus der norddeutschen Tiefebene". Dort werde ich in Zukunft alle meine Texte sammeln. Auch die bisherigen "Tiefebene"-Texte finden sich in Walters Werkstatt..
Also, wenn du von mir lesen möchtest, dann komm in Zukunft dorthin. Hier werden nur noch für eine Übergangszeit Hinweise auf Veröffentlichungen in "Walters Werkstatt" erscheinen.

Mein FriendFeed

Du kannst weitere Beiträge von mir und Hinweise auf interessante Inhalte im Netz auf meinem FriendFeed finden:
Subscribe to me on FriendFeed

Kategorien:

Andere Blogs & Websites:

RelevantBlogs Add to Technorati Favorites

Blog Stats

  • 49,133 Besuche